{"id":9,"date":"2008-07-28T17:19:26","date_gmt":"2008-07-28T15:19:26","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=9"},"modified":"2018-06-09T09:38:49","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:49","slug":"xxii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=9","title":{"rendered":"XXII"},"content":{"rendered":"<p>In der Zeit in der sie auf Freundinnenbesuch in ihrem geliebten Strasbourg ist \u2013 nach den zwei Wochen und nach einer Woche, in der es ihm schien, es k&#246;nnte funktionieren, aber es war wie immer schicksalhaft schiefgelaufen \u2013 da hatte er versprochen, nicht zu telefonieren und keinen Kontakt zu ihr zu suchen. Er soll zu sich selber finden. Endlich. Die Zeit f&#252;r sich n&#252;tzen. Er wird ihr jeden Tag eine SMS schicken, in denen nur Positives steht. Seine erste wird die Sonne Strasbourgs beschw&#246;ren, die ihr Herz erw&#228;rmen sollte. Sie sollte ein wenig dieser W&#228;rme f&#252;r die Zukunft mitnehmen. Wird sie seine SMS unter denen erkennen, die der andere ihr schreibt? Wollte er in Konkurrenz zu ihm treten, die sch&#246;neren Botschaften schicken? Er wusste, dass sie am Tag vor der Abreise wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hatte. Es war ihm bewusst, dass er durch sein Verhalten sie beinahe dazu gezwungen hatte. Warum zerst&#246;rte er das, was ihm am wichtigsten in seinem Leben war? Er lief am Sonntagmorgen wie ein Besessener durch die Wohnung, um wenigstens irgendetwas zu tun.<br \/>\nSchon am Tag vor ihrer Abreise hatte er abends die Flucht vor sich versucht, ist einfach durch die Stadt gelaufen, an den Menschen vorbei, die nicht seine Tr&#228;nen sahen und seine Leere. Erscheinen, verwandeln, verschwinden. Er war in ihrem Leben erschienen, hatte sich an ihr verwandelt und nicht bemerkt, dass er sich selber verloren hat. Er brauchte nicht zu verschwinden, denn es gab ihn nicht mehr. Hier erkannte er n&#252;chtern eine Parallelit&#228;t der Entwicklungen: in dem Ausma&#223;, in dem sie ihre Liebe zu ihm verlor, war er verschwunden. Er hatte sich ihr zu sehr ausgeliefert, war nicht mehr er selbst gewesen sondern nur mehr ein Gesch&#246;pf ihrer Phantasie. Er nahm sich selber nur mehr durch sie wahr, als der Ausbund des B&#246;sen, der Zerst&#246;rer, der Masochist.<br \/>\nWenn sie nicht da war, wie sollte er fl&#252;chten? Es stellte sich nicht die Frage nach dem Wohin, sondern die Frage: Wer?<br \/>\nWer war er? Wer war er gewesen? Wer hatte er sein wollen?<br \/>\nWie hatte er sich ihr gegen&#252;ber nach der Entdeckung ihres Betruges beschrieben? Er hatte sie gefragt: \u201eWei&#223;t du, wie Hunde ausschauen, die von einem Auto &#252;berfahren werden?\u201c \u201eJa, da kann man nicht hinschauen!\u201c \u201eNun, ich bin jetzt von einem Laster mit seinen Zwillingsreifen &#252;berfahren worden!\u201c Sie nahm es als &#220;bertreibung wie alles, was er tat. Er &#252;bertrieb ma&#223;los. Wie oft hatte sie &#252;ber seine Sch&#228;tzungen ironische Bemerkungen gemacht. Wahrscheinlich dachte sie, es war h&#246;chstens ein Radfahrer, der dich gestreift hat.<br \/>\nEr stellte sich diese Fragen ohne Bitterkeit. Es war geschehen und konnte nicht mehr r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden. Wie alles geschehen war, wie es geschehen musste. Er wird in der Woche, w&#228;hrend sie fort ist, jeden Abend durch die Stra&#223;en laufen, in Bars teilnahmslos einen Drink nehmen, dann in das leere Heim zur&#252;ckkehren.<br \/>\nAm zweiten Tag wird er denselben Weg nehmen wie am vorigen, wird nur die Differenzen beachten. Ein Kind, das in einem Hausflur von der Mutter geschlagen wird, der Mond &#252;ber der Hauptstra&#223;e, der kaum an Kraft gewonnen hat\u2013 der Vollmond wird einen Tag vor&#252;ber sein, wenn sie zur&#252;ckkehrt. Auf dem Hauptplatz sitzt ein alter Mann mit Hut und Brille auf der metallenen Bank vor dem Kaufhaus und starrt teilnahmslos vor sich hin. Er wird nach einer Runde in eine andere Bar gehen, in den ersten Stock, wird zuerst Wasser lassen und wird sich an der Bar bei der Kellnerin ein Bier bestellen, das er langsam austrinkt. Er wird den schwulen Kellner beobachten, der auch bei der Arbeit seine Homosexualit&#228;t nicht verbirgt. Er wird im Spiegel das Paar neben sich beobachten, das sich rasch n&#228;her kommt und sich schlie&#223;lich k&#252;sst, wenn er das Bier fast leergetrunken hat. Und als er in den Spiegel schaut, um sich zu entdecken, wird er sich nicht finden. Der Platz ist leer, er sieht nur das Bild, das hinter ihm h&#228;ngt. Die Kellnerin sieht ihn zumindest so deutlich, dass er zahlen will und w&#252;nscht ein sch&#246;nes Wochenende. Er verkneift sich eine zynische Bemerkung. Als er an der Bank vor dem Kaufhaus vorbeigeht, ist diese leer. Er setzt er sich an den Platz, an dem der alte Mann gesessen war. Die Menschen gehen vor&#252;ber und beachten ihn nicht. Irgendwann, wenn die K&#228;lte langsam von unten aufsteigt, wird er aufstehen und nach Hause gehen. Nach Hause? Sein Zuhause war sie. Und er hat keine Tr&#228;nen, dass es f&#252;r ihn kein Zuhause gibt. Keine Bitterkeit, nur Leere.<br \/>\nWarum hatte er sich so an sie gekettet, sich selbst nur mehr durch sie definiert?<br \/>\nHatte sie es von ihm gefordert? Nein.<br \/>\nHatte sie es zugelassen? Nein.<br \/>\nHatte sie es je bemerkt? Nein.<br \/>\nWarum kamen alle Versuche zu sp&#228;t, dieses Ertrinken in ihr, diese Aufl&#246;sung seiner Existenz in ein Gesch&#246;pf, das allein in ihrem Kopf vorhanden war, zu verhindern? Als sie nach Strasbourg fuhr, war er l&#228;ngst verloren. War es nicht das, was er immer ersehnt hatte? Aufzugehen in einem anderen, der alle Macht &#252;ber ihn hatte, der &#252;ber ihn verf&#252;gen konnte, der entschied, ob und wie er leben durfte? Nach den zwei Wochen hatte sie diese Macht endg&#252;ltig erreicht. Hatte sie wohl schon lange besessen. Sie nahm ihn gar nicht mehr wahr, sondern sie kommunizierte nur noch mit dem Bild, das sie sich von ihm erschaffen hatte. Dieses Bild konnte sich nie ver&#228;ndern, denn er hatte keinen Einfluss auf ihre Wahrnehmung, die eine Kommunikation mit sich selber darstellte. Er hatte keine Chance, so sehr er sich bem&#252;hte, so sehr er darum k&#228;mpfte.<br \/>\nEr konnte nun nicht einmal mehr vor sich selber fliehen, da sie ihn in ihrem Kopf mitgenommen hatte. Seine Existenz war allein in ihren z&#252;rnenden, fordernden Blicken, in ihrer Zur&#252;ckweisung. Er war vollkommen aufgegangen in ihr, sie hatte ihn aufgesaugt, war eine Symbiose mit ihr eingegangen.<br \/>\nEr wird an jenem Tag, an dem sie f&#252;r gew&#246;hnlich im Wohnzimmer schlief, ein altes Post-It nehmen, das sie ihm vor nicht allzu langer Zeit hinterlassen hatte, und es im Vorzimmer an die T&#252;r zum WC heften. In der f&#252;r sie schwungvollen Schrift stand darauf lapidar: \u201eEinen guten Morgen! C. PS: Das Klo flie&#223;t nicht ab!\u201c Damals hatte er eine halbe Stunde mit blo&#223;en H&#228;nden in ihrer Schei&#223;e gew&#252;hlt, um den Abfluss wieder frei zu bekommen. Aber das tat ein telefonisch herbeigerufenes Unternehmen zu Abflussreinigung wohl auch.<br \/>\nDie erste Nacht ohne sie war eine Qual \u2013 es war die Hilflosigkeit, zu der er verurteilt war. Nichts tun zu k&#246;nnen, um seine Situation zu ver&#228;ndern. Einfach nur abwarten zu k&#246;nnen, warten, bis etwas geschieht. Bis sie etwas tut. Es konnte nicht soviel Hausarbeit geben, um die Leere zu f&#252;llen. Die Fixierung auf sie hatte solche Ausma&#223;e angenommen, dass er nicht einmal mehr einen Zeitungsartikel lesen konnte, ohne irgendwelche absurden Bez&#252;ge zu ihr herzustellen.<br \/>\nNoch nie in seinem Leben hatte er eine solche Abh&#228;ngigkeit seines K&#246;rpers von seinen Gedanken gef&#252;hlt \u2013 seine H&#228;nde begannen immer wieder zu zittern, das Herz begann zu rasen, der Klumpen im Hals lie&#223; ihn kaum atmen. Auch Tr&#228;nen brachten ihm keine Erleichterung, denn sie versiegten, da er leergeweint war.<br \/>\nSein Sohn, der am Vortag nach Freistadt zu ihren Eltern gefahren war, hatte ihm beim Abschied angeboten, ihn auch mit dem Auto zu holen, wenn er nachkommen wollte. Am Sonntag Morgen rief er in Freistadt an und bat seinen Sohn, ihn zu holen, denn die Decke fiele ihm auf den Kopf.<br \/>\nPl&#246;tzlich wusste er, warum es dieses Mal so anders war \u2013 es war die absolute Hoffnungslosigkeit. Es war das Ende. Er war tot, auch wenn er noch atmete.<br \/>\nAuch wenn sie zur&#252;ckkehrte, seine Liebe war zu Ende. Der Traum war ausgetr&#228;umt. Die Illusion zerplatzte in all ihrer Phrasenhaftigkeit.<br \/>\nEr wird ins Bad gehen, duschen, rasieren. Dann wird er auf seinen Sohn warten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Zeit in der sie auf Freundinnenbesuch in ihrem geliebten Strasbourg ist \u2013 nach den zwei Wochen und nach einer Woche, in der es ihm schien, es k&#246;nnte funktionieren, aber es war wie immer schicksalhaft schiefgelaufen \u2013 da hatte er versprochen, nicht zu telefonieren und keinen Kontakt zu ihr zu suchen. 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