{"id":8,"date":"2008-07-28T17:19:00","date_gmt":"2008-07-28T15:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=8"},"modified":"2018-06-09T09:38:49","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:49","slug":"xxiii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=8","title":{"rendered":"XXIII"},"content":{"rendered":"<p>In der Zeit in Strasbourg rief er sie kein einziges Mal an &#8211; das hatte er versprochen und das w&#252;rde er halten. T&#228;glich eine SMS hatte er sich zugestanden, in der er nur ein Lebenszeichen geben wollte, da ihr Blick beim Abschied auch ein wenig Angst versp&#252;ren lie&#223;, die sie um ihn hatte. Und diese Angst war berechtigt. Zum ersten Mal in seinem Leben w&#228;re ihm der Tod nicht schrecklich erschienen, w&#228;re er eine denkbare L&#246;sung gewesen. Fr&#252;her hatte er oft mit dem Selbstmord gedroht &#8211; eine seiner Stiche in ihr Herz, die in ihrer Beziehung tiefe Wunden hinterlie&#223;en &#8211; und hatte das mit allem rationalen Kalk&#252;l eingesetzt. Er hasste sich jetzt daf&#252;r und flehte innerlich um die Chance, dieses zerstochene Herz, das nicht mehr f&#252;r ihn schlug, in seine H&#228;nde zu nehmen und es streicheln zu k&#246;nnen. Diese Chance musste sie ihm einfach geben. Gerade jetzt, wo sie zum ersten Mal das Messer in sein Herz gebohrt hatte &#8211; er erschrak &#252;ber die Banalit&#228;t seiner Metaphern -, sollte sie dieses eine Wort sprechen, um das er flehte: Verzeih. Er w&#252;rde ihr verzeihen, das wusste er und er w&#252;rde versuchen, ihren Betrug zu verstehen, der f&#252;r ihr &#220;berleben notwendig war. Was war jetzt f&#252;r sein &#220;berleben notwendig?<br \/>\nIn den schlaflosen N&#228;chten der Strasbourg-Zeit, in denen er nicht aus ihrer Gegenwart einen winzigen Funken Hoffnung sch&#246;pfen konnte, bemerkte er seine Fixierung auf ihn. Sie verschwand in diesen Tagen aus seinen Gedanken und er fokussierte auf ihn, den Empf&#228;nger der Brieflein. Wieviele Brieflein hat sie ihm bis jetzt schon aus Strasbourg gesandt. Wieviele er an sie? Wollte er mit seinen zu ihm in Konkurrenz treten? Ein SMS-Wettkampf um ihr Herz?<br \/>\nDer Kampf um sie war einem Kampf gegen ihn gewichen, der einem Kampf gegen ein Phantom glich. Das Phantom sollte endlich ein Gesicht bekommen. An diesem Tag fand er auf Grund der Telefonnummer \u2013 diese hatte er fr&#252;her schon &#246;fter auf dem Display des Festnetztelefons gesehen, aber immer war die Verbindung nach dem Abheben unterbrochen worden &#8211; eine sehr gespr&#228;chige Mitarbeiterin. Er hatte zwar schon einmal die Hauptnummer dieses Telefonnetzwerkes angerufen und vom Chef pers&#246;nlich Auskunft &#252;ber das Aufgabengebiet erhalten, aber er hatte das nicht weiter verfolgt. Jetzt hatte er einen Firmennamen, nach einem Blick in das Firmenbuch den Namen eines Gesellschafters, den er kannte \u2013 eine Jugendliebe seiner Frau. Er &#252;berpr&#252;fte zwar alle Namenstr&#228;ger in &#214;sterreich, hatte aber zuvor seine Schwiegermutter angerufen und sie nach dem Namen gefragt. Von ihr erhielt er neben anderen Informationen auch einen Wohnort in der N&#228;he von Graz. Ein Anruf bei der Frau des Betreffenden best&#228;tigte die Konnektion des Namenstr&#228;gers mit dieser Firma, aus deren Telefonnetzwerk der Anruf an sie gekommen war. Er begr&#252;ndete seinen Anruf nicht, sondern legte nach der Verifizierung einfach auf.  Sollte er sich an sie wenden? Sollte er einfach sagen: Ihr Mann betr&#252;gt sie mit meiner Frau. Davor schreckte er zur&#252;ck. Sollte er in deren Beziehung genauso eindringen wie er in seine?<br \/>\nDas Phantom der schlaflosen Nacht bekam f&#252;r ihn nun nicht nur ein Gesicht und eine Geschichte, die schon lange vor seiner Zeit in ihrer Kindheit als Schwarm begonnen hatte \u2013 ob es ihre erste Liebe war? \u2013, sondern auch ein tragisches Schicksal, das ihn einen Sohn bei einer Herztransplantation verlieren lie&#223; \u2013 dunkel erinnerte er sich daran, dass sie ihm damals als Psychologin beigestanden war &#8211; hatte sie es ihm erz&#228;hlt oder hatte er es von jemand anderem erfahren? Und diese Beziehung war wohl niemals ganz abgerissen. Er begann, ein gewisses Verst&#228;ndnis f&#252;r den anderen zu entwickeln, nicht dass er ihn nun gemocht h&#228;tte, aber es regte sich in ihm so etwas wie Mitleid mit ihr. Er wusste, dass eine erste Liebe immer eine erste Liebe bleibt. Er verstand nun auch, warum sie dieses Wort, mit dem er ihn bedacht hatte, so verletzt hatte. Diese erste Liebe kann man dem anderen niemals wegnehmen, also auch nicht den Menschen, dem sie zugeeignet war. Man kann danach nur versuchen, eine reifere Liebe zu entwickeln, eine, die nicht blo&#223; auf Hormonen basiert, der ersten Sehnsucht oder der ersten Gelegenheit. Es gab in seinem Leben mit ihr einige Momente, in denen er sicher war, dass ihre Liebe st&#228;rker war. Diese Momente lagen lange zur&#252;ck. Doch jetzt, nachdem er wieder unter solchen Umst&#228;nden einen Blick in ihre Seele getan hatte, f&#252;hlte er erneut, dass seine Liebe st&#228;rker sein wird. Ihm war auch klar, dass sie einen Schritt auf ihn zugehen musste, denn es war ein Bruch des Vertrauens. Vielleicht konnte diese Zeit jene &#214;ffnung in ihr erm&#246;glichen, die ihr bisher nie m&#246;glich gewesen war. Er begann wie in den ersten Tagen nach der Entdeckung Gedichte zu schreiben, in denen er diese Hoffnung beschwor, in denen er sich selber Mut machte.<br \/>\nUm nicht passiv die Tristesse &#252;ber sich ergehen zu lassen, begann er mit seinem Sohn das schon einmal versprochene Zimmer in der Wohnung f&#252;r sie einzurichten, in denen sie vor ihm gesch&#252;tzt war. Diesen R&#252;ckzugsraum w&#252;rde er respektieren, dessen war er sich sicher. Er wusste, dass sie f&#252;r ihn da sein w&#252;rde, wenn er sie brauchte. Was brauchte er denn? Er wollte sein Leben zur&#252;ck, das er so ausschlie&#223;lich auf sie ausgerichtet hatte. Nur mit einem eigenen Leben sah er eine Chance, sie wieder zu erreichen.<br \/>\nIhm wurde klar, dass einer der Gr&#252;nde, warum ihre Liebe zu ihm erloschen war, wohl auch darin begr&#252;ndet lag, dass er einfach aufgeh&#246;rt hatte, als eigenst&#228;ndiges Lebewesen zu existieren. Irgendwann war er nur mehr ein Gesch&#246;pf, das allein von ihren Launen und Vorstellungen abhing, das nichts Eigenst&#228;ndiges mehr hatte. Es war ein Klon in ihrem Gehirn, &#228;u&#223;erlich identisch, nur w&#228;hrend er blo&#223; mehr die H&#252;lle darstellte, war diese in ihrem Kopf gef&#252;llt mit all dem Schmutz, der sich in einem langen gemeinsamen Leben angesammmelt hatte. Sie hatte irgendwann aufgeh&#246;rt, ihn wahrzunehmen.<br \/>\nEr lie&#223; ein T&#252;rschild anfertigen, auf dem er ihren M&#228;dchennamen eingravieren lie&#223; und darunter die Berufsbezeichnung Schriftstellerin. Dieses w&#252;rde er an der Wohnzimmert&#252;r &#8211; dieser Raum war der gr&#246;&#223;te, den er ihr &#252;berlassen wollte &#8211; anbringen und als eine Art Garconniere wie ihre Wiener Wohnung damals einrichten, mit einem Schlafbereich, einem Wohnbereich und einem Arbeitsbereich als Autorin. Es waren zwar die alten M&#246;bel, aber er w&#252;rde die Bilder aufh&#228;ngen, die sie in der Wiener Wohnung h&#228;ngen hatte und so f&#252;r sie einen Bereich schaffen, in dem sie auf Distanz zu ihm leben konnte. Zum ersten Mal in seinem Leben verstand er, dass in ihr solch ein unermesslicher Drang nach Unabh&#228;ngigkeit vorhanden war, immer schon vorhanden gewesen war, dass ihm allm&#228;hlich d&#228;mmerte, was es f&#252;r sie bedeutet hatte, sich in die Fesseln einer Beziehung und Ehe zu begeben.<br \/>\nWie sehr musste sie ihn geliebt haben.<br \/>\nMehr, so sagte er sich, k&#246;nne er nicht tun, um ihren Drang nach Unabh&#228;ngigkeit zu erf&#252;llen, ohne seine eigene Existenz zu zerst&#246;ren, die zu diesem Zeitpunkt in diesem ihrem Raum mit ihr leben w&#252;rde. Er w&#252;rde versuchen, in den n&#228;chsten Monaten von ihr nach und nach sich selber zur&#252;ck zu fordern.<br \/>\nEr w&#252;rde diese Wohnung mit Blumen schm&#252;cken und sie nach ihrer R&#252;ckkehr bitten, sich von ihm mit geschlossenen Augen zu der Zimmert&#252;r f&#252;hren zu lassen. Wenn er damit nicht an ihr Herz herankomme, dann w&#228;re alles zu Ende. Das f&#252;hlte er mit aller Angst, sodass der Gedanke eines \u201ezu sp&#228;t\u201c sein Herz immer wieder rasen lie&#223;.<br \/>\nWar die W&#228;rme der Umarmung beim Abschied nicht ein Unterpfand f&#252;r das \u201eVersuchen wir\u2019s\u201c? Hatte sie in Strasbourg nicht auf Distanz wieder einen Blick auf das dennoch M&#246;gliche geworfen?<br \/>\nEs nicht zu wissen, lie&#223; ihn ruhelos umherwandern.<br \/>\nNach der Strasbourgvisite war in Graz das allj&#228;hrlich sich wiederholende Feuerwerk an der Mur, das sie fr&#252;her h&#228;ufig gemeinsam am Fenster im Wohnzimmer, von welchem aus sie ein gro&#223;es St&#252;ck des Himmels sehen konnten, beobachtet hatten. Er erinnerte sich, dass sie sich fr&#252;her sehr oft an ihn, der er schon am Fenster stand, anschmiegte, die k&#246;rperliche N&#228;he suchte. Immer wieder hatte er diese N&#228;he als Beengung empfunden, die ihm den Atem nahm, ohne zu wissen warum. Was bedrohte sie damals? Wie musste es sie verletzt haben, dass er sie in diesen Augenblicken zur&#252;ckwies, dass er sich von ihr l&#246;ste, einen Schritt zum anderen Fenster machte. Nun stand sie am Fenster und er trat hinter sie, ohne sie zu ber&#252;hren. Einige Male beugte er sich vor und sog den Duft ihres Haares ein, in dem noch ein Hauch ihres Parfums hing. Wie liebte er dieses Haar. Auch wenn er sie nicht ber&#252;hrte, f&#252;hlte sie seine N&#228;he und jetzt war sie es, die ans andere Fenster trat. Er wagte nicht, ihr zu folgen. Nach dem Feuerwerk sa&#223; er lange in seinem Arbeitszimmer und versank in ein gedankenloses Nachf&#252;hlen, in dem er den vers&#228;umten Momenten nachsp&#252;rte, in welchen sie ihm ihre Liebe gezeigt hatte. Wie sehr schmerzte es ihn, dass er ihre Liebe damals nicht an sich herangelassen hatte.<br \/>\nDa war doch die Antwort auf all seine Fragen.<br \/>\nSie hatte ihn unendlich geliebt.<br \/>\nAls sie ihm vor dem Schlafengehen eine gute Nacht w&#252;nschte und ihn seit langem \u2013 wenn auch bewusst, da er sie darum gebeten hatte; welch ein Zeichen! &#8211; mit dem Vornamen ansprach, bat er sie um Verzeihung f&#252;r die fr&#252;heren Zur&#252;ckweisungen, denn erst jetzt erkenne er, wie gro&#223; ihre Liebe damals gewesen sein musste. Das w&#228;re alles Vergangenheit, das w&#228;re vorbei, war ihre Antwort. Und er suchte in ihrem Blick eine Spur der Trauer, er fand aber nur M&#252;digkeit und Entt&#228;uschung.<br \/>\nEr wird sie am n&#228;chsten Tag noch einmal darauf ansprechen. Er wird sie beschw&#246;ren, dass eine einmal gef&#252;hlte Liebe f&#252;r immer bestehen bleibt, dass es nur Hindernisse sind, die das Leben im Laufe der Zeit davorgeschoben hat, dass aber solche Momente der Liebe eingebrannt bleiben wie all die Wunden der Verletzungen. Dass es aber keine Waage g&#228;be, die vers&#228;umte Liebe gegen die Schmerzen abzuw&#228;gen, dass es kein Nullsummenspiel sei, bei dem sich Einsatz und Gewinn aufheben. Liebe ist kein Spiel und kein rationales Kalk&#252;l, das sich in Zahlen bemessen lasse. Liebe sei immer ma&#223;los. Er glaube fest daran, dass auch in ihm diese Augenblicke bis heute fortleben, nur versch&#252;ttet seien unter Lieblosigkeiten und Entt&#228;uschungen. Liebe selber aber sei unzerst&#246;rbar. Warum sonst w&#228;re gestern die Erinnerung in beiden so m&#228;chtig gewesen, kraftvoll und brennend wie damals, als er ihre Liebe zur&#252;ckgewiesen hatte? Er k&#246;nne die Zeit nicht zur&#252;ckdrehen, aber er k&#246;nne heute ihre Liebe von damals sp&#252;ren, er h&#228;tte sie all die Jahre in sich aufbewahrt und ihr zur&#252;ckgeben. Er glaube daran, dass sie nur bereit sein m&#252;sse, die ihr gestohlenen Gef&#252;hle zur&#252;ckzunehmen. Nicht um ihn erneut zu lieben, sondern um sich jenes Leben zur&#252;ckzuholen, das er ihr in seinem Unverstand genommen hatte.<br \/>\nWie sehr musste sie ihn geliebt haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Zeit in Strasbourg rief er sie kein einziges Mal an &#8211; das hatte er versprochen und das w&#252;rde er halten. T&#228;glich eine SMS hatte er sich zugestanden, in der er nur ein Lebenszeichen geben wollte, da ihr Blick beim Abschied auch ein wenig Angst versp&#252;ren lie&#223;, die sie um ihn hatte. 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