{"id":6,"date":"2008-07-28T17:18:08","date_gmt":"2008-07-28T15:18:08","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=6"},"modified":"2018-06-09T09:38:49","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:49","slug":"xxv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=6","title":{"rendered":"XXV Sprach.Los"},"content":{"rendered":"<p>Was nun folgte, war eine Schmierenkom&#246;die sondergleichen. Erst Jahre sp&#228;ter w&#252;rde es ihm bewusst werden, dass sie in den letzten Wochen ihres &#8222;Beisammenseins&#8220; ein Spiel mit ihm spielte, um ihm die Schuld zuschieben zu k&#246;nnen, die Schuld am Scheitern ihrer Beziehung. Sie wollte ihn provozieren, doch er tat ihr nicht den Gefallen, denn er war noch immer blind f&#252;r die Realit&#228;t. Er tat alles, um sie zu halten, obwohl er wusste, dass es vergeblich sein w&#252;rde. Es war ihm manchmal, als w&#252;rde er &#252;ber seine Clownmaske noch eine zweite oder dritte legen, noch mehr des Zirkuswei&#223; auf sein Gesicht malen, Schicht &#252;ber Schicht. Damit niemand sehen konnte, wie sehr ihn alles verletzte.<\/p>\n<p>Wie immer war er zu fr&#252;h am Flughafen, aber er war so ruhelos, dass er es in den eigenen vier W&#228;nden nicht aushielt. Sie war noch in Frankfurt, als er am Flughafen Graz auf der neuen Aussichtsterasse stand. Er &#252;berlegt, wie er sie begr&#252;&#223;en sollte und einigte sich schlie&#223;lich auf die Formel: Willkommen! Sch&#246;n, dass du da bist. Das \u201ewieder\u201c strich er, denn es betonte zu sehr das Verlassenwordensein. Sie war die erste, die von den Passagieren der Maschine durch die milchglaswei&#223;e Schiebet&#252;r kam. Ihrem Gesicht war nichts zu entnehmen. Sie begr&#252;&#223;te ihn franz&#246;sisch, was ihn so verwirrte, dass er zwar seinen einge&#252;bten Satz aufsagte, dann aber nicht mehr weiterwusste. Auf dem Weg zum Wagen fragte sie, ob sie sich ein Hotelzimmer nehmen solle. Sie war in das Sie gewechselt und wird es auch in den n&#228;chsten Tagen beibehalten. Er stammelte etwas von einem G&#228;stezimmer, dass es bei ihm g&#228;be. F&#252;r die erste Zeit. Welche erste Zeit? Sie spottete &#252;ber das Navigationsger&#228;t, dass er im Wagen montiert hatte. Sie fragte w&#228;hrend des ersten Tages nach unz&#228;hligen Dingen, die ihr von fr&#252;her nat&#252;rlich vertraut waren, aber offensichtlich wollte sie wie ein Gast in sein Leben treten, der zum ersten Mal bei ihm war. Sie bezog sich dabei auf seine letzte SMS, die sie \u2013 wie sie sp&#228;ter meinte \u2013 als einzige erreicht hatte: \u201eWenn Du von Deiner Reise zur&#252;ckkommst, habe auch ich eine hinter mir, l&#228;nger als Strasbourg und Wien zusammen. Sie ging durch die H&#246;lle \u2013 es wird lange dauern, bis ich davon reden kann. Nur ein Teil von mir ist zur&#252;ck, den schicke ich Dir zum Flughafen, jenen Teil aus dem September vor 33 Jahren. Begegne ihm wie damals offenen Herzens und gehe sorgsam mit ihm um, so z&#228;rtlich wie beim Abschied. Es ist der beste Teil von mir, einen anderen habe ich nicht.\u201c<br \/>\nSch&#246;n w&#228;hrend der Fahrt w&#252;rde sie ihm er&#246;ffnen, dass sie in der letzten Nacht sehr schlecht geschlafen h&#228;tte, da sie eine Entscheidung zu treffen hatte. Und sie hatte sich entschieden. Beim Champagner, den er in ihrem G&#228;stezimmer vorbereitet hatte, sagte sie, dass sie mit leeren H&#228;nden k&#228;me. Erst jetzt sah er, dass sie keine Ringe mehr trug, auch nicht den Ehering, den sie seit &#252;ber 25 Jahren getragen hatte. Sie habe sich entschieden, den Mann, mit dem sie 33 Jahre zusammen war, zu verlassen. Er war sprachlos, f&#252;hlte in diesem Augenblick aber keine Tr&#228;nen. Die hatte er gef&#252;hlt, als er sie in das G&#228;stezimmer gef&#252;hrt hatte, und sie die Einrichtung und die Ausschm&#252;ckung \u2013 er hatte in siebzehn Flaschen jeweils zwei Rosen im Raum verteilt, wobei die Zahl der 34 Rosen auf die vergangenen 33 Jahre und das 34. Bezug nahm \u2013 auf franz&#246;sisch \u201emignon\u201c und deutsch bewunderte. Sie suchte nach Worten und fand viele, genauso wie sie diese sp&#228;ter im Gespr&#228;ch mit ihrem Sohn am Telefon, der bei der Einrichtung mitgeholfen hatte, finden w&#252;rde, allerdings das einzige, dass wirklich trefflich f&#252;r diese Situation war, w&#252;rde ihr nicht &#252;ber die Lippen kommen, weder ihm gegen&#252;ber noch seinem Sohn. Er f&#252;hlte, dass sie das Wort sehr wohl in ihrem Verstand hatte, dass sie merkte, dass er auf dieses eine Wort wartete, allerdings kontrollierte wie immer ihr Verstand das, was sie wohl ein wenig in ihrem Herzen f&#252;hlte. Nein, das Wort durfte nicht gesprochen werden, denn es h&#228;tte ihm signalisiert, dass er damit doch an ihr Herz herankam, wie er es bei den Vorbereitungen so inst&#228;ndig gehofft hatte. Er wird, w&#228;hrend sie das Zimmer verbal zu beschreiben versucht, kurz den Raum verlassen, um seine Tr&#228;nen &#252;ber ihre Unf&#228;higkeit, Emotionen zuzulassen, niederzuk&#228;mpfen. Aber dass sie dieses Wort nicht aussprach, sondern mit untauglichen Verstandesvokabeln zu umschreiben versuchte, erinnerte wieder geradewegs an jene Frau, an die er seit dem ersten Tag vor 33 Jahren herankommen wollte, es aber doch nie geschafft hatte. Und er wird sich in der kommenden Nacht, die auch lange schlaflos blieb, fragen, ob er dieses Mal \u2013 und er sah in ihrem Verhalten einen Versuch, ihm diese zweite Chance zu geben, die er in der SMS angesprochen hatte \u2013 ihr Herz wird ber&#252;hren k&#246;nnen. Liebevoll.<br \/>\nSie war nach Strasbourg gefahren, um von ihm los zu kommen. Sie hat ihn mitgenommen und nur mehr einen Schatten zur&#252;ckgelassen.<br \/>\nEr wird bei ihrer R&#252;ckkehr am Flughafen stehen, er wird die Lederjacke und den Hut tragen, den er damals vor Jahren f&#252;r ihre R&#252;ckkehr aus Strasbourg erworben hatte, um etwas her zu machen. Er wird seine Existenz zur&#252;ckfordern.<br \/>\nUnd er zog am Tag ihrer R&#252;ckkehr ein Sakko an, das sie ihm vor Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte, er band eine Krawatte um, obwohl der das sonst nur f&#252;r das Theater, ein Konzert oder einen Opernbesuch getan hatte. Beim Champagner teilte sie ihm mit, dass sie ihn verlasse. Wen wollte sie verlassen, fragte er sich. Sie konnte ihn gar nicht verlassen, denn er war in ihr drinnen.<br \/>\nEr w&#252;rde warten m&#252;ssen.<br \/>\nBeinahe ein Jahr nach ihrer R&#252;ckkehr werden sie sich zu einem &#8222;Jubil&#228;um&#8220; &#8211; war es der Vorabend des Tages, an dem sie ihn verlassen hatte &#8211; in einem Lokal treffen. Er wird wieder tage- und n&#228;chtelang  die Worte &#252;berlegen, die er in ihrer Gegenwart verwenden konnte, um keine &#8222;falsche&#8220; Reaktion bei ihr auszul&#246;sen. Er wird wissen, dass es immer die falschen Worte sein werden, denn es waren nicht seine Worte, die sie h&#246;rte, sondern es waren die, die sie von ihm erwartete, und diese waren immer falsch. Er hatte keine Worte und keine Sprache, um die Mauer der Abneigungen zu &#252;berwinden, die sie vor sich aufgebaut hatte. Nicht nur sie war ihm gegen&#252;ber sprachlos, sondern auch er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was nun folgte, war eine Schmierenkom&#246;die sondergleichen. Erst Jahre sp&#228;ter w&#252;rde es ihm bewusst werden, dass sie in den letzten Wochen ihres &#8222;Beisammenseins&#8220; ein Spiel mit ihm spielte, um ihm die Schuld zuschieben zu k&#246;nnen, die Schuld am Scheitern ihrer Beziehung. 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