{"id":5,"date":"2008-07-28T17:17:40","date_gmt":"2008-07-28T15:17:40","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=5"},"modified":"2018-06-09T09:38:49","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:49","slug":"xxvi-finale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=5","title":{"rendered":"XXVI Aus.Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Sie werden sich, nachdem sie sich abermals ins Kloster gefl&#252;chtet hat \u2013 Ausl&#246;ser ein Missverst&#228;ndnis oder eine Lappalie wie immer \u2013 keiner wird es sp&#228;ter genau wissen -, zu einem ersten Gespr&#228;ch nach ihrer SMS \u201eIch habe endlich den Mut, dich zu verlassen. Ich werde alleine leben. Bitte respektiere das. C.\u201c und seiner Antwort, sich zu treffen, um mit Anstand auseinander zugehen, in einem Lokal namens Agathon zusammenkommen und zwei gr&#228;ssliche, fette Hauptspeisen essen, die zur Qualit&#228;t ihres Gespr&#228;ches passten.<br \/>\nDas Zustandekommen dieses Treffen war typisch f&#252;r ihre Beziehung, denn er hatte ihr angeboten, dass sie nach dem ersten Tag im Kloster und dem Besuch ihrer Eltern in Spitz ins G&#228;stezimmer zur&#252;ckkommen und danach &#252;ber die Trennung gesprochen werden sollte, doch sie hatte schon bis zum Ende der Woche im Kloster reserviert, jedoch am Telefon zugesagt, dass sie nach dieser Woche in ihre gemeinsame Wohnung ins G&#228;stezimmer k&#228;me.<br \/>\nAm Tag davor teilte sie ihm in einer SMS mit, dass sie doch im Kloster bleiben k&#246;nne und sie sich allein in dem besagten Lokal Agathon treffen k&#246;nnten, um zu reden.<br \/>\nEr hatte in dieser Woche eine Psychotherapie bei einer erfahrenen Therapeutin begonnen und auch in einem Arbeitskollegen einen unerwarteten Freund entdeckt, der ihm in stundenlangen Gespr&#228;chen hilfreich zur Seite stand. Und in dieser Woche hatte er sich darauf vorbereitet, mit ihr einige Tage einfach nur zu leben, um von dem qu&#228;lenden Erregungslevel herunterzukommen und nach dieser Zeit behutsam an die Trennung heranzugehen. Daher war diese abrupte Absage ein Schlag in sein von der Therapeutin und ihm selber m&#252;hsam aufgebauten Selbstbewusstsein, mit ihr in Ruhe &#252;ber die Trennung zu sprechen, sodass er nach dieser SMS zusammenbrach \u2013 wie damals, als er vom anderen erfahren hatte und den Boden unter den F&#252;&#223;en verlor.<br \/>\nSeinem Freund gelang es in langen Gespr&#228;chen abermals, einige positive Aspekte dieser neuen Situation zu finden. Eine f&#252;r beide unbekannte Umgebung sei doch ein Zeichen f&#252;r einen Neubeginn, ein Zeichen, nicht wieder im alten Fahrwasser aufeinander zuprallen. Er wollte also trotz der Absage der zeitweiligen R&#252;ckkehr positiv gestimmt hingehen. Er wollte \u2013 der Name Agathon bedeutet in der Aristotelischen Ethik \u201edas Gute\u201c \u2013 nur &#252;ber gute Dinge in ihrer Beziehung reden, keinesfalls aber am ersten Tag gleich &#252;ber die Trennung sprechen. Er dachte auf Grund des Namens, es handelte sich um ein griechisches Lokal, und brachte Erinnerungen aus ihren gemeinsamen Urlauben in Griechenland mit.<br \/>\nDiese blieben unbesprochen.<br \/>\nEr war knapp nach ihr zum Lokal gekommen, wo sie gerade vor dem Eingang stand, um die Speisekarte zu lesen. \u201eNun, was gibt es Gutes zu essen?\u201c Dabei ging er auf sie zu und wollte sie k&#252;ssen. Sie wich zur&#252;ck und warf ihm jenen abweisenden Blick zu, unter dem er in den letzten Jahren so gelitten hatte und alle seine Versuche, freundlich zu sein, konterkarierten. Ihr Blick t&#246;tete nicht, ihr Blick hinterlie&#223; das Nichts.<br \/>\n\u201eWarum schaust du denn so finster?\u201c<br \/>\n\u201eIch lasse mich von dir nicht mehr auf den Mund k&#252;ssen!\u201c<br \/>\nSie gab ihm kopfsch&#252;ttelnd einen Kuss auf die Wange. Sie traten ins &#252;berhitzte Lokal, in der es manchmal auch unertr&#228;glich laut war, sodass ihre Kommunikation in einer f&#252;r den Inhalt viel zu lauten Tonlage ablief, immer wieder an der Unverst&#228;ndlichkeit einzelner W&#246;rter litt, da sie im L&#228;rm einer gro&#223;en Gruppe von Studentinnen untergingen, die am Nebentisch sa&#223;en.<br \/>\nF&#252;r sie k&#228;men nur mehr Gespr&#228;che in einer gesch&#252;tzten &#214;ffentlichkeit in Frage, keine mehr unter vier Augen. Er erlebte diese Situation nicht als Schutz, sondern einfach blo&#223; als st&#246;rend, da er pausenlos das Gef&#252;hl hatte, dass das daneben sitzende Paar immer wieder ihr Gespr&#228;ch unterbrache, um ihnen zuzuh&#246;ren. Der joviale Wirt mit einer k&#252;nstlichen Fr&#246;hlichkeit trug das seine dazu bei, dass er nicht einmal in Ans&#228;tzen jenen Ton anschlagen konnte, den er sich vorgenommen hatte. Einen warmen und ihre Entscheidung akzeptierenden, einen den er in einem kleinen Monolog in sein Weblog gestellt hatte:<br \/>\nDie Stimme des Angenommen-Seins<br \/>\nAls wir heute am Telefon dar&#252;ber sprachen, wie wir uns in n&#228;chster Zeit mit Anstand trennen k&#246;nnten und du &#252;ber mein Angebot sprachst, eine Woche in unserem G&#228;stezimmer bei mir zu wohnen, da bekam und hatte deine Stimme einen Tonfall, den ich schon lange nicht mehr bei dir geh&#246;rt habe. W&#228;hrend des Gespr&#228;ches habe ich deiner Stimme nur nachgef&#252;hlt und empfand eine innere Ruhe in mir, die auch danach noch lange anhielt.<br \/>\nIch habe danach immer wieder dar&#252;ber nachgedacht und immer wieder in der Erinnerung in deine Stimme hineingelauscht, bis ich pl&#246;tzlich begriffen habe, was der Unterschied zur Stimme deiner letzten Jahre war: ich f&#252;hlte mich von dieser deiner Stimme angenommen, als Mensch verstanden, eingeh&#252;llt in menschliche W&#228;rme.<br \/>\nWenn du aber in den letzten Jahren mit mir sprachst, lag in deiner Stimme ein Ton der Gleichg&#252;ltigkeit, manchmal des Spottes, manchmal &#8211; selten zwar &#8211; auch der Feindseligkeit.<br \/>\nIch habe auch in den Tonfall meiner eigenen Stimme der letzten Jahre hineingeh&#246;rt und fand darin die H&#228;rte der Entt&#228;uschung, den Wunsch nach Kampf, den Geist des Widerspruchs, das Aufsteigen der Angst vor Verlust.<br \/>\nUnsere Stimmen waren so der Spiegel unserer Gedanken und unserer Gef&#252;hle.<br \/>\nK&#246;nnten unsere Gedanken und Gef&#252;hle nicht auch ein Spiegel unserer Stimmen sein? K&#246;nnten wir nicht in gegenseitigem Respekt diesen Tonfall erlernen und &#252;ben, bis unsere Gedanken und Gef&#252;hle nur eines wollen: den anderen annehmen, so wie er ist? Die Worte des anderen auf einem warmen Polster der Einf&#252;hlung landen lassen und nicht an einer glatten Mauer der K&#228;lte abprallen lassen?<\/p>\n<p>Diese l&#228;rmende, seine Worte erstickende &#214;ffentlichkeit erregte ihn und lie&#223; ihn von Anbeginn an keinen klaren Gedanken fassen. Warum \u2013 so wird er sich sp&#228;ter fragen \u2013 warum hatte er einfach nicht nur geschwiegen? Das hatte er fr&#252;her doch auch getan? Warum sagte er nicht einfach, dass er sich hier f&#252;r ein solches Gespr&#228;ch nicht im Stande f&#252;hlte? Aber er sa&#223; in der Falle, in der ihn seine Emotionen so oft tappen lie&#223;en.<br \/>\nDie &#214;ffentlichkeit war f&#252;r sie hingegen ein Schutz vor &#220;bergriffen, wie etwa jenem, den sie vor einer Woche zum Anlass genommen hatte, ihn endg&#252;ltig zu verlassen. Er hatte sie im Schlafzimmer festgehalten, als sie wieder einmal vor einem konkreten Gespr&#228;ch fl&#252;chten wollte. Das war wieder sein Klammern gewesen, das sie so sehr an ihm hasste. Er wusste es noch in dem Augenblick, als er neben ihr am Bettrand sa&#223; und konnte doch nicht anders. Wie kann man an einen Menschen herankommen, wenn er st&#228;ndig auf der Flucht ist? War er zu keinen Worten mehr f&#228;hig, die sie gehalten h&#228;tten? Wollte sie sich von seinen Worten nicht mehr halten lassen, denn zu oft waren diese Schall und Rauch gewesen?<br \/>\nEr wird sie im Agathon einladen, am kommenden Dienstag mit ihm zur Psychotherapeutin zu gehen, um im Beisein einer Dritten zu Kl&#228;rungen zu kommen. Kl&#228;rungen, die nichts an der Trennung &#228;ndern konnten, sie beiden aber erleichtern k&#246;nnten. Sie zeigte sich erstaunt, dass er Hilfe gesucht hatte und das war der einzige Moment in ihrem Gespr&#228;ch, in dem er f&#252;hlte, dass er an sie herangekommen war.<br \/>\nHatte sie jemanden, mit dem sie sprechen konnte? Sie war eine Einzelk&#228;mpferin, eine Charakteristik, die sie h&#228;ufig ihm zugeschrieben hatte. Immer wieder wird sie an diesem Abend auf ihrem Entschluss beharren und es damit begr&#252;nden, dass es ihr seither immer besser gehe. Sie wird jene beharrlichen Wiederholungen machen, die sie ihm stets vorgeworfen hatte, sie sei kein Kind und w&#252;rde es schon beim ersten Mal verstehen.<br \/>\nSie w&#252;rden nach dem Agathon auf seinen Vorschlag hin noch in eine Bar wechseln, die er in der Zeit ihrer Abwesenheit in Strasbourg kennengelernt hatte, z&#246;gernd eingehen. Auf dem Weg dorthin wird sie sein Angebot, doch hie und da miteinander etwas zu unternehmen, sehr abwehren und ihm vorhalten, dass er im Fr&#252;hjahr das Angebot, mit ihr Tennis zu spielen, abgelehnt hatte.<br \/>\nW&#228;ren solche Trivialit&#228;ten geeignet gewesen, die Trennung zu verhindern? Verz&#246;gert h&#228;tten sie sie bestimmt, denn der gemeinsame Sport hatte fr&#252;her einfach die Zeit begrenzt, in der man streiten konnte. That\u2032s it!<br \/>\nEr wird ihr in der Bar den Vorschlag machen, f&#252;r sie gemeinsam eine Wohnung zu kaufen, in der sie alleine leben k&#246;nnte \u2013 das war von den von ihm vorher durchgedachten Trennungsszenarien bereits das &#228;u&#223;erste, das er sich vorstellen konnte. Sie hatte aber schon einen Vorvertrag f&#252;r eine eigene Wohnung unterschrieben \u2013 genau das, was ihm sein Kollege am Vortag vorhergesagt hatte: Sie wird Zeichen setzen, um nicht abermals nachzugeben zu k&#246;nnen. Sie wird in ihrer Verzweiflung, die aus ihrer Erfahrung kam, ihr Handeln selber unter Druck setzen. Zu oft hatte sie nachgegeben, hatte sie es noch einmal versucht, um abermals entt&#228;uscht zu werden. Auch ohne Liebe, aus Pflicht und Anstand.  Warum konnte er nicht das an ihr sch&#228;tzen? Warum hat er es ihr nicht mit Dank vergolten? Warum musste es seine uners&#228;ttliche, verschlingende Liebe sein?<br \/>\nMietvertr&#228;ge k&#246;nne man k&#252;ndigen, auf gekauften Wohnungen bleibt man oft sitzen, hatte sein Freund optimistisch noch hinzugef&#252;gt. Was tat er nicht alles, um ihn nicht in einem tiefen Loch versinken zu lassen.<\/p>\n<p>An ihrem Gespr&#228;chsstil &#228;nderte sich auch im neuen Lokal wenig. Nur beim Abschied an der Stra&#223;enecke werden sie gemeinsam &#252;ber ein Paar Damenschuhe lachen, die neben einer Abfalltonne auf der Stra&#223;e lagen. Er wird sie umarmen, unter Tr&#228;nen, die er bisher in diesem Treffen unterdr&#252;ckt hatte. Sie wird die Umarmung geschehen lassen.<br \/>\nUmarmungen und Ber&#252;hrungen waren in den letzten Jahren selten geworden &#8211; fr&#252;her waren sie immer einseitig gewesen. Er hatte sie ber&#252;hrt, er hatte sie umarmt. Niemals war es umgekehrt. Sie mied und verweigerte ostentativ Ber&#252;hrungen in der &#214;ffentlichkeit, fand sie sp&#228;ter ihrem Alter nicht entsprechend. Ein Jahr nach der Trennung wird er eine Szene anl&#228;sslich einer Lesung aus ihrem inzwischen ver&#246;ffentlichten Roman beobachten, die ihn wieder an diese Abwehr erinnern wird, schmerzlich. Nach der Lesung in einem Jazzlokal sprach sie vor ihm stehend mit einem viel j&#252;ngeren Mann, den sie erst seit etwas mehr als einer Woche anl&#228;sslich eines Seminars kennengelernt hatt. Dabei griff sie nach dessen Arm und streichelte ihn zwei-, dreimal. Wieder schossen ihm die Tr&#228;nen in die Augen, denn er erlebte nach einem Jahr abermals jene Entt&#228;uschung, die ihn durch dreiunddrei&#223;ig Jahre begleitet hatte. Wie oft hatte er in ihrer Gegenwart andere Paare beobachtet, die einander ber&#252;hrten, die Hand dem anderen auf die Schulter oder den Arm legte, den Kopf streichelte \u2026 Wie sehr hatte er die dreiunddrei&#223;ig Jahre auf ein solches Zeichen der N&#228;he, des Vertrautseins, der Zuneigung gehofft \u2026 Wie oft hatte er es selber getan, in der Hoffnung, dass sie es eines Tages vielleicht erwidern w&#252;rde. Die Hand auf seine zu legen und damit zum Ausdruck zu bringen, ihm nahe zu sein. Nach einem Jahr der Trennung sieht er diese Geste &#8211; beil&#228;ufig und wie selbstverst&#228;ndlich &#8211; bei einem anderen Mann. War sie eine andere geworden? In einem Jahr des Alleinlebens. Hatte sie vielleicht sp&#228;t erkannt, wie wichtig Ber&#252;hrungen im Umgang mit andern Menschen auch in der &#214;ffentlichkeit sind. Diese Zeichen der Vetrautheit. War er ihr nie vertraut?<br \/>\nBei diesem Abschied hatte sie die Umarmung geschehen lassen, nicht erwidert. Er wird f&#252;hlen, dass dieser Abschied anders war. Auch wenn sie dar&#252;ber gesprochen hatte, nach einiger Zeit vielleicht eine Freundschaftsbeziehung mit gemeinsamen Unternehmungen zu erm&#246;glichen, so sp&#252;rte er, dass die Chance zu gering war, um ihn zu tr&#246;sten, dass es im Augenblick keinen Sinn machte, irgendeine Hoffnung daran zu kn&#252;pfen.<br \/>\nHoffnung, sein gro&#223;es Lebensprinzip.<br \/>\nHoffnung? Blindheit vor der Realit&#228;t.<br \/>\nEr machte in dieser Nacht kein Auge zu, denn ihm war endg&#252;ltig klar geworden, dass es kein Zur&#252;ck gab, dass das Bett neben ihm f&#252;r immer leer bleiben w&#252;rde, dass er nie wieder mit ihr schlafen w&#252;rde, dass sie nie mehr z&#228;rtlich zu ihm sein w&#252;rde.<br \/>\nF&#252;r die n&#228;chste Nacht wird er Schlaftabletten kaufen \u2013 nicht jene, die ihm seine Schwiegermutter in den letzten Wochen immer wieder empfohlen hatte &#8211; und ihr einige davon mitbringen, denn er f&#252;hlte, dass auch sie noch lange nicht zur Ruhe gekommen war. In dieser Nacht des Abschieds wird er zweimal aufstehen und auf ihre Mailbox sprechen. Das erste Mal mit der Bitte, ihm doch sein Leben zur&#252;ckzugeben, damit er sie hassen k&#246;nnte. Das hatte ihm sein Verstand eingegeben. Und das zweite Mal, um sie anzuflehen, doch wieder zur&#252;ckzukommen. Das war wieder seine &#252;berquellende Emotion. Diese Bitte war auch das, was ihm sein Sohn immer wieder empfohlen hatte \u2013 ihr doch einfach zu sagen, dass er sie brauche. Darum ginge es ihm doch letztlich. Er hatte diesen Vorschlag bisher stets f&#252;r aus der jugendlichen Naivit&#228;t geboren gehalten, dachte in diesem Augenblick aber, dass ihr Leben wohl anders verlaufen w&#228;re, h&#228;tten sie ihre Bed&#252;rfnisse direkter und offener angesprochen.<br \/>\nDrei Minuten lang wird er das flehentlich auf ihre Mailbox sprechen. Die f&#252;r ihn vermeintliche Selbsterniedrigung \u2013 in Wahrheit war er l&#228;ngst auf diesem untersten Niveau der Selbstachtung angekommen &#8211; hatte in seinem Leben den H&#246;hepunkt oder besser Tiefpunkt erreicht. Er war jetzt um 4 Uhr und 12 Minuten in jenem Tal, in das kein Funken Licht mehr fallen w&#252;rde, w&#228;re nicht ohnehin Nacht gewesen. Der Sarkasmus dieser Anmerkung war ihm voll bewusst.<br \/>\nBis zum Aufstehen um 7 Uhr wird er weiter keinen Schlaf finden, aber jene Antwort, nach der er seit Beginn der zwei Wochen und danach vergeblich gesucht hatte: Warum sie ihn verl&#228;sst.<br \/>\nUnd er wird sie um 9 Uhr anrufen und sie um ein Treffen bitten, um ihr sein Warum zu sagen. Sie werden sich verabreden, zuvor aber gemeinsam einen Film \u2013 einen Film &#252;ber die Rache einer Frau an einer anderen, die ihre Karriere zerst&#246;rt hatte &#8211; anzusehen, und danach miteinander reden.<br \/>\nEr wird ihr nach einem kurzen Gespr&#228;ch &#252;ber den Film sagen, dass er ihr Warum kenne, das sei einfach das \u201eIch liebe dich nicht mehr\u201c.<br \/>\nSein Warum sei dazu immer komplement&#228;r gewesen.<br \/>\nSein Warum ist die Liebe, die er ihr seit Anbeginn entgegengebracht hatte. Sein idealisierter Entwurf einer absoluten Liebe, die den anderen so v&#246;llig in sich umschlie&#223;t, dass diesem kein Platz mehr bleibt. Ein v&#246;lliges Aufgehen im anderen, die absolute Synthese ohne Dialektik, ohne Weiterentwicklung, ohne Chance auf &#220;berleben.<br \/>\nEine vor allem in Krisensituationen erstickende, Atem beraubende Liebe. Und diese Liebe brauchte keine Anl&#228;sse f&#252;r Krisen, sie schuf sie sich selber durch Eifersucht und dem immer dr&#228;ngenderen Wunsch nach Mehr.<br \/>\nSeine Liebe war unendlich und ihre endlich, ihre war irgendwann einmal aufgebraucht. Ihre Liebe war eine wunderbare, urspr&#252;ngliche, direkt das Herz anr&#252;hrende gewesen, die ihn damals vor dreiunddrei&#223;ig Jahren vom ersten Augenblick an gefangen hatte. Und er hatte vom ersten Tag an begonnen, diese zarte Liebe im K&#228;fig seiner f&#252;r das Leben geplanten Liebe einzusperren. Langsam und allm&#228;hlich, damit sie es nicht gleich merkte. Diese Pl&#228;ne beruhten teilweise auf Entt&#228;uschungen, die er erlebt hatte. Nach dreiunddrei&#223;ig Jahren wird er erkennen, dass das Objekt seiner Liebe einer anderen Liebe bedurft h&#228;tte. Dass seine Liebe die falsche gewesen war. W&#228;re er heute zur richtigen im Stande?<br \/>\nEr hatte sie wie das letzte St&#252;ck eines Puzzle schlie&#223;lich so in den Lebensentwurf mit seiner Liebe eingepasst. Ab diesem Augenblick war nun jene Vollkommenheit erreicht, die in ihrer Perfektion nur noch absto&#223;end und h&#228;sslich ist, wie das absolut Sch&#246;ne den Betrachter ebenfalls zur&#252;ckweichen l&#228;sst.<br \/>\nDiese seine Liebe war von Anbeginn an sowohl von physischer als auch psychischer N&#228;he besessen, die im Lebensalltag nicht zu realisieren war \u2013 es sei denn, sie w&#228;ren auf eine einsame Insel gezogen und h&#228;tten dort auf den Tod gewartet -, sodass alles, was er ihr in den dreiunddrei&#223;ig Jahren nach und nach angetan hatte, von der ausschlie&#223;lichen \u2013 und sie auch ausschlie&#223;enden &#8211; Idee getragen war, sie mit seiner Liebe immer und &#252;berall im Griff zu haben.<br \/>\nUnd es war ihm gelungen.<br \/>\nBis vor den zwei Wochen.<br \/>\nSo perfekt gelungen, dass er gar nicht gemerkt hatte, dass sie sich immer mehr umklammert und eingeengt f&#252;hlte, dass es keine Liebe mehr war, die sie mit ihm erlebte, sondern ein gewaltsames Festhalten, ein Besitzergreifen von ihrem K&#246;rper und ihrer Seele.<br \/>\nWenn es ihm einmal nicht gelungen war, sie fest zu halten, sondern sie ausgebrochen war \u2013 h&#228;ufig nicht wegen ihm; doch es war ein Merkmal seiner Liebe, alles auf sich und diese Liebe zu beziehen -, dann war ihm jedes Mittel Recht, seine absurden Vorstellungen einer Illusion von Liebe durchzusetzen. Mittel, die in einer Liebe \u2013 warum hatte er sich das nie gefragt? &#8211;  nichts zu suchen hatten, sondern nur den Hass verk&#246;rperten, den er auf sich selber zu entwickeln begann, als er sah, mit seinem Lebensentwurf einer Liebe zu scheitern.<br \/>\nEr begann sie zu bel&#252;gen und zu t&#228;uschen, denn in seinen Augen war sein zerst&#246;rerisches Verhalten durch das hohe Ziel der absoluten Liebe gerechtfertigt. Ihr Tr&#228;nen deutete er lange noch als Liebe, obwohl sie doch f&#252;r sie nur Zeichen der Trauer &#252;ber den Verlust ihrer Liebe, seiner Liebe, ihrer gemeinsamen Liebe waren. Sie zog sich immer mehr in ihr Schneckenhaus zur&#252;ck, aus dem sie allm&#228;hlich gekommen war. Hatte ihn das gest&#246;rt? Sah er sie nach einiger Zeit nicht am liebsten immer dort eingesperrt, konnte er sich ihrer doch nur dort sicher sein, gab es von dort kein Entrinnen vor seiner Besitzgier?<br \/>\nLange hatte sie es still ertragen, jene Verletzungen, die sie nicht verstehen konnte, waren sie doch so absurd, dass man an seinem Verstand zu zweifeln begann, wenn man sie erkl&#228;ren wollte. Und diese Schizophrenie, die er sie zu leben zwang, die sie schmerzlich f&#252;hlte, aber erst sp&#228;t artikulieren konnte, zerst&#246;rte alles an Gef&#252;hlen in ihr, die sie f&#252;r ihn empfunden hatte. Und auch die Erinnerung an die sch&#246;nen Augenblicke in ihrem Leben wurden zerst&#246;rt, denn allzu tief war die Waagschale des Negativen in der lebenserstickenden Gegenwart gesunken.<br \/>\nSie hatte ihn geliebt.<br \/>\nSeine Liebe hatte ihre zerst&#246;rt.<br \/>\nEr hat sie nie geliebt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie werden sich, nachdem sie sich abermals ins Kloster gefl&#252;chtet hat \u2013 Ausl&#246;ser ein Missverst&#228;ndnis oder eine Lappalie wie immer \u2013 keiner wird es sp&#228;ter genau wissen -, zu einem ersten Gespr&#228;ch nach ihrer SMS \u201eIch habe endlich den Mut, dich zu verlassen. Ich werde alleine leben. Bitte respektiere das. C.\u201c und seiner Antwort, sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":147,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5\/revisions\/147"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}