{"id":30,"date":"2008-07-28T17:27:54","date_gmt":"2008-07-28T15:27:54","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=30"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"tonfaelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=30","title":{"rendered":"I Ton.F&#228;lle"},"content":{"rendered":"<p>Er sa&#223; in seinem Arbeitszimmer vor dem Computer und entwickelte ein Konzept f&#252;r eine Lehrveranstaltung des kommenden Wintersemesters, die er zum wievieltenmaleigentlich an der Universit&#228;t Graz halten sollte. Da erinnerte er sich, dass er mit ihr, die wie immer am Samstag im Wohnzimmer sa&#223; und vermutlich Zeitung las, ins nahe gelegene Cafe Meier gehen wollte. Er stand auf, nahm das geleerte Glas, das er &#252;blicherweise  mit Mineralwasser und Orangenjuice gef&#252;llt bei seinem Computer stehen hatte, und machte sich auf, durch das Esszimmer, in welchem sie heute Morgen gemeinsam gefr&#252;hst&#252;ckt hatten, durch das langgestreckte Vorzimmer in die K&#252;che zu gehen. Wie immer an einem Samstag hatte er das Fr&#252;hst&#252;ck zubereitet \u2013 Espresso mit einer jener klassischen italienischen Espressomaschinen, f&#252;r sie manuell aufgesch&#228;umte Milch, f&#252;r sie frisch gepressten Orangensaft mit ein wenig Zitronensaft &#8211; w&#228;hrend sie unterdessen frisches Geb&#228;ck vom nahen B&#228;cker geholt hatte.<br \/>\nAls er an der geschlossenen Wohnzimmert&#252;r vorbeikam, h&#246;rte er, dass sie telefonierte. Es musste auf ihrem Mobiltelefon sein, denn das Festnetz in der gemeinsamen Wohnung, die sie seit 27 Jahren bewohnten, war entweder im Vorzimmer oder im Arbeitszimmer zu ben&#252;tzen, aus dem er eben gekommen war. Er blieb stehen, da er das Gespr&#228;ch nicht unterbrechen wollte. Vermutlich eine ihrer Freundinnen, dachte er \u2013 sie hatte ihren, seit einer mehrere Jahre zur&#252;ckliegenden, einj&#228;hrigen beruflichen T&#228;tigkeit in Strasbourg, allj&#228;hrlichen Besuch in Strasbourg Ende des Monats geplant. Hier gab es einigen Koordinierungsbedarf, zumal das &#252;bliche Quartier nur zeitweise verf&#252;gbar war und eine &#220;bersiedlung f&#252;r zwei Tage in ein anderes Zimmer notwendig war, was mit Hilfe einer Freundin vor Ort organisiert werden musste. In diesem Ausweichzimmer wird sie sehr schlecht schlafen werden, denn es liegt an einer belebten Hauptstra&#223;e im Zentrum von La Petite France. Sie hatte damals w&#228;hrend ihrer Arbeit f&#252;r das Europ&#228;ische Parlament im fr&#252;heren Gerberviertel am Ufer der Ill gewohnt, das von mehreren Kan&#228;len durchzogen wird und mit seinen malerischen Fachwerkh&#228;usern, kleinen Gassen und den typischen Dachgauben eine Touristenattraktion ersten Ranges ist. Er hatte sie damals zwar mehrmals besucht und diese Kleinstadt zwischen zwei Kulturen auch sch&#228;tzen gelernt, sie verbat sich allerdings bei den allj&#228;hrlichen Reminiszenzreisen seine Begleitung, da sie es als \u201eihr\u201c Strasbourg empfand, das alleine ihr geh&#246;ren sollte. W&#228;hrend der kommenden zwei Wochen wird er allerdings entdecken, dass auch andere Gr&#252;nde daf&#252;r ausschlaggebend gewesen sein k&#246;nnten.<br \/>\nSie sprach noch immer. Er wandte sich ab, da es nicht seine Art war, sie zu belauschen. Er ging durch das Vorzimmer in die K&#252;che, und stellte das Glas in die Abwasch und sp&#252;lte es kurz aus.<br \/>\nDa er nichts mehr h&#246;rte, dachte er, das Gespr&#228;ch w&#228;re nun zu Ende und ging durch das Vorzimmer zu der anderen T&#252;re, die von hier ins Wohnzimmer f&#252;hrte. Sie war nur angelehnt. Sie telefonierte immer noch. Er z&#246;gerte kurz, blieb stehen. Da fiel ihm ein seltsamer, fremder Tonfall auf, den sie sonst nie beim Telefonieren hatte. Sie war darin ge&#252;bt, denn ihr Beruf erforderte lange konzentrierte Telefonate. F&#252;r diese hatte sie einen sehr sachlichen Ton entwickelt, den sie auch in Privatgespr&#228;chen verwendete. Auch mit ihm.<br \/>\nEr verstand nur wenige Worte wie \u201eDu\u201c, \u201eaber nein\u201c. Sie alle waren mit einer solchen Eindringlichkeit gesprochen, die er schon lange nicht mehr in ihrer Stimme \u2013 auch nicht im pers&#246;nlichen, vertrauten Gespr&#228;ch &#8211;  geh&#246;rt hatte. Hatte er jemals ihre Stimme so geh&#246;rt? Er war irritiert. Da es schon sp&#228;t war, klopfte er nach einer Weile des Lauschens kurz an die halb ge&#246;ffnete T&#252;r und trat ins Wohnzimmer. Sie \u2013 die zuvor auf dem Zweiersofa gelegen hatte &#8211; richtete sich abrupt auf und sagte in ihr Mobiltelefon, das er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte: \u201eGut, das k&#246;nnen wir dann sp&#228;ter besprechen!\u201c Ihre Stimme war bei seinem Eintreten schlagartig in den &#252;blichen Tonfall zur&#252;ckgekehrt. \u201eMit wem hast du telefoniert?\u201c \u201eMit einer Juristin!\u201c Die Antwort kam spontan, die Stimme klang aber unsicher. Wie wenn man ein Kind bei einer verbotenen T&#228;tigkeit ertappt hatte.<br \/>\n&#8222;Fabian hat mich wegen eines Mietvertrags etwas gefragt\u201c, erg&#228;nzte sie, um seinen Fragen zuvor zu kommen.<br \/>\nFabian war ihr gemeinsamer Sohn, der seit drei Jahren in Wien studierte. Er erinnerte sich, dass sie sich gestern am Freitag mit einer Kollegin \u2013 dieser Juristin? &#8211;  hatte treffen hatte wollen, und dass sie, als er via Email nachgefragt hatte, wo, dieses Treffen stattf&#228;nde, dieses wegen einer Tennispartie mit Freundinnen abgesagt, und sich mit ihm wie jeden Freitag um die &#252;bliche Uhrzeit \u2013 13:30 &#8211; im Cafe Meier getroffen. F&#252;r die Absage bestand eigentlich keine Notwendigkeit, denn zwischen dem geplanten Treffen zum Mittagessen mit der Kollegin und dem Beginn der Tennispartie lagen vier Stunden. Es h&#228;tte ihm nichts ausgemacht, alleine Essen zu gehen, wie er das an Montagen und Freitagen h&#228;ufig tat. Schlie&#223;lich war er nicht nur ein Jahr lang w&#228;hrend ihres Aufenthalts in Strasbourg Selbstversorger gewesen, sondern auch w&#228;hrend der beinahe direkt anschlie&#223;enden zwei Jahre, die sie in Wien f&#252;r das Au&#223;enministerium t&#228;tig gewesen war.<br \/>\nDer Nachmittag im Cafe verlief wie sonst immer \u2013 er wollte sprechen und sie las die Zeitung. Der Tonfall des belauschten Telefonats ging ihm auch im Cafe nicht mehr aus dem Sinn. Dabei blickte er sie wohl l&#228;ngere Zeit an.<br \/>\n\u201eWas starrst du mich so an? Ich mag das nicht!\u201c<br \/>\nIhr Tonfall klang ver&#228;rgert, obwohl es doch keinen aktuellen Grund gab. Sie hatten in den letzten Monaten im Vergleich zum Fr&#252;hjahr eine sehr harmonische Beziehung gelebt. Vor allem ein gemeinsamer Urlaub in &#214;sterreich hatte ihn glauben machen, dass ihre in den letzten Jahren etwas angespannte Ehe wieder ins Lot gekommen war. Er war gl&#252;cklich dar&#252;ber, denn er erlebte auch bei ihr eine gr&#246;&#223;ere Zufriedenheit mit der gemeinsamen Lebensf&#252;hrung. Dieser Tonfall ihrer Stimme \u2026 Er kannte sie gut und wusste, dass sie spontan w&#228;hrend eines Gespr&#228;ches einen Stimmungsumschwung hatte, der nicht nur ihn sondern auch andere Personen in ihrer Gegenwart irritierte. Ihren Sohn und ihre Mutter, aber auch eine Kollegin, mit der sie in einer Bar gewesen waren.<br \/>\nEr war mit einem Mal argw&#246;hnisch geworden.<br \/>\nAls er sp&#228;ter am Nachmittag mit seinem Sohn Fabian telefonierte und er ihn nach dem Problem mit dem Mietvertrag fragte, erfuhr er, dass das nicht ihn betr&#228;fe sondern einen Freund, dass das aber schon l&#228;nger zur&#252;ckl&#228;ge und eigentlich nicht so wichtig bzw. schon mehr oder minder gekl&#228;rt w&#228;re.<br \/>\nDa ihre Antwort auf seine Frage so rasch und spontan gekommen war, musst sie darauf vorbereitet gewesen sein, wird er sp&#228;ter schlie&#223;en.<br \/>\nSie war professionell.<br \/>\nAuch beim L&#252;gen musste man professionell sein.<br \/>\nVor allem beim L&#252;gen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sa&#223; in seinem Arbeitszimmer vor dem Computer und entwickelte ein Konzept f&#252;r eine Lehrveranstaltung des kommenden Wintersemesters, die er zum wievieltenmaleigentlich an der Universit&#228;t Graz halten sollte. 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