{"id":29,"date":"2008-07-28T17:27:30","date_gmt":"2008-07-28T15:27:30","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=29"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=29","title":{"rendered":"II Bruch.Linien"},"content":{"rendered":"<p>Er f&#252;hlte bei dem f&#252;r ihren Sonntag &#252;blichen, gemeinsamen Fr&#252;hst&#252;ck, dass sie ihn beobachtete, sein Schweigen belauerte. Hatte er gestern etwas gemerkt? Hatte sie sich verraten? Verraten durch die Gesch&#228;ftigkeit, mit der sie nach dem ersten Telefonat, das er zuf&#228;llig mitgeh&#246;rt hatte, ein weiteres mit ihrem Sohn zum Mietvertrag gef&#252;hrt hatte. Entgegen ihrer Angewohnheit, sich beim Telefonieren zur&#252;ckzuziehen oder zumindest leise zu sprechen, hatte sie die T&#252;r zum Nebenraum offen gelassen und so betont deutlich gesprochen, dass er jedes Wort verstehen musste. War das zu offensichtlich gewesen? Ihr Blick schien zu fragen: Verbirgt er vor mir, dass er etwas gemerkt hat? Verbarg sie nun vor ihm, dass sie gemerkt hatte, dass er irritiert und misstrauisch geworden war?<br \/>\nSie ging nach dem Fr&#252;hst&#252;ck wie jeden Sonntag, an dem es das Wetter zulie&#223;, in den Murpark joggen.<br \/>\nM&#252;de von der schlaflosen Nacht und mit dem Wunsch, endlich Gewissheit zu haben, holte er aus ihrer Handtasche, die wie immer im Vorzimmer auf einem Stuhl lag, ihr Mobiltelefon, mit dem sie das von ihm gestern belauschte Gespr&#228;ch gef&#252;hrt hatte. Er suchte &#8211; behindert durch die ihm fremden Begriffe im franz&#246;sischen Men&#252; &#8211; das hatte sie seit Strasbourg auf allen ihren Telefonen eingestellt und aus nostalgischen Gr&#252;nden beibehalten &#8211; die Liste der letzten Anrufe. Er hoffte, die Nummer des gestrigen Anrufers zu erfahren, den sie auf seine Frage hin beil&#228;ufig als \u201ebefreundete Juristin\u201c bezeichnet hatte. Er landete bei seiner Suche auf ihrem Handy schlie&#223;lich in der Mailbox mit zwei noch abzurufenden Nachrichten.<br \/>\nEr dr&#252;ckte auf die Wahltaste und hielt das Handy ans Ohr. Eine Frauenstimme buchstabierte zun&#228;chst eine Telefonnummer. Er wollte die Nummer notieren, die gleichzeitig auf dem Display aufschien, und ging mit dem aufgeklappten Mobiltelefon noch am Ohr in sein Arbeitszimmer. Auf dem Weg dorthin folgte nach einer kurzen Pause die Nachricht, die in der Mailbox gespeichert war. Er war &#252;berrascht und verstand kaum die Worte, die nun eine m&#228;nnliche Stimme sprach, er registrierte nur den Tonfall, jenen sanften, eindringlichen Tonfall, den er gestern auch in ihrer Stimme beim Telefonieren geh&#246;rt hatte. Dieser Tonfall war es, der ihn gestern schon irritiert hatte, sodass ihn die Erkl&#228;rung \u201ebefreundete Juristin\u201c misstrauisch machte.<br \/>\nEr war benommen. Er blieb stehen. Ging ein, zwei Schritte. Blieb stehen.<br \/>\nEr wollte schreien, doch nur ein \u201eNein!\u201c, mehr gefl&#252;stert als gebr&#252;llt, brachte er zustande.<br \/>\nDie Nachricht sprach von einem \u201esp&#228;ter nochmals versuchen wollen\u201c und endete mit einem Klick.<br \/>\nUnd schon sprach die Frauenstimme erneut eine Nummer. Dieselbe Nummer wie bei der ersten Nachricht erschien auf dem Display. Er stand schon in seinem Arbeitszimmer, als die zweite Nachricht ablief. Auch sie verstand er unter dem Brausen des Blutes in seinem Kopf und in seinen Ohren kaum. Es war ihm, als wollte sein K&#246;rper damit das H&#246;ren &#252;bert&#246;nen. Nur wenige Worte wird er sp&#228;ter erinnern: \u201eSchatzi\u201c, \u201eBussi\u201c, \u201ebis Montag\u201c und \u201eVielleicht inzwischen ein Brieflein\u201c. Sp&#228;ter wird er mehr sp&#252;ren als erinnern, dass diese Stimme in einer tieferen Tonlage noch Intimeres angesprochen hatte, aber das hatte er im Sturm der Gef&#252;hle nicht mehr geh&#246;rt.<br \/>\nEr reagierte wie ein Automat, ging langsam zur&#252;ck ins Vorzimmer, legte das Mobiltelefon in die noch offene Handtasche zur&#252;ck. Schloss diese, damit sie nichts merkt.<br \/>\nEr lief minutenlang in der Wohnung umher, schwer atmend, er war einer Ohnmacht nahe. Er ging in die K&#252;che, trank ein Glas Wasser, ein zweites, ein drittes.<br \/>\nNun schrie er \u2013 konnte endlich schreien: \u201eNein! Nein! Nein!\u201c<br \/>\nEr hielt sich an der Abwasch in der K&#252;che fest.<br \/>\nWieder lief er durch die Wohnung, w&#228;hrend sie wohl arglos das Joggen genoss. Er lief durch alle R&#228;ume der Wohnung, auch in das Zimmer ihres Sohnes und legte die von dessen Besuch am letzten Wochenende noch zusammengekn&#252;llte Tuchent sorgf&#228;ltig zusammen. Er klopfte die Polster aus und strich sie glatt. Aus der K&#252;che trug er das schon abgewaschene Geschirr und stellte es in den Geschirrschrank im Esszimmer.<br \/>\nNoch immer dieses Pochen in seinen Schl&#228;fen. Diese Schl&#228;ge. Er zwang sich zur Ruhe. Immer wieder auf und ablaufen, wobei er alle T&#252;ren leise und sorgf&#228;ltig, wie es seine Art war, hinter sich schloss. Es liefen die Routinen des Alltags. Sie beruhigten seine Gedanken.<br \/>\nEr suchte nach Erkl&#228;rungen. Harmlosen. Vielleicht war es der behinderte Kollege, mit dem sie in letzter Zeit sehr vertraut geworden war, und der sie so absch&#228;tzig \u201eSchatzi\u201c nannte. Nein, dessen Stimme kannte er. Die Stimme aus der Mailbox hatte viel &#228;lter geklungen. Weit &#252;ber f&#252;nfzig, sechzig sogar.<br \/>\nHatte die Stimme eine Dialektf&#228;rbung gehabt? Hatte er diese Stimme schon geh&#246;rt? Da schoss es ihm in den Kopf. Der Klang, der Tonfall war es, der ihn erinnerte. Es war ein aus seiner Jugend gel&#228;ufiger Tonfall. So klang manchmal die Stimme seines Vaters, der im Vorjahr verstorben war. Nicht die Stimme aus den letzten Jahren, die sich mit der k&#246;rperlichen Gebrechlichkeit ver&#228;ndert hatte, sondern die Stimme des Vaters seiner Kindheit.<br \/>\nEr sp&#252;rte mit den Erinnerungen zugleich Wut und Angst. Er wollte nochmals das Mobiltelefon holen, nochmals die beiden Nachrichten abrufen. Er vermochte es nicht, denn trotz allem f&#252;hlte er Scham. Er wog kurz die Scham des Vertrauensbruches gegen ihre Scham des offensichtlichen Betruges.<br \/>\nNach den zwei Wochen wird er denken, dass es sein musste. Wie hatte sie diese Beziehungen leben k&#246;nnen, ohne innerlich gespalten zu sein? Ohne st&#228;ndig auf der Hut zu sein? Hatte sie sich nie eingestanden, dass die zahlreichen Spannungen aus ihrer abweisenden Verteidigungs- und Vertuschungshaltung herr&#252;hrten, die sie an manchen Tagen gegen&#252;ber allem einnahm, was er sagte und tat? War sie davor mit ihm beisammen gewesen? Hatte sie ihm gegen&#252;ber ein schlechtes Gewissen? Hatte sie &#252;berhaupt ein Gewissen?<br \/>\nEr h&#246;rte die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon nicht noch einmal ab, weil er es nicht ertragen h&#228;tte. Vor allem ein Wort rotierte in seinem Kopf: \u201eSchatzi\u201c. \u201eBussi\u201c war beil&#228;ufig gesprochen. Fast nebenher. Aber \u201eSchatzi\u201c. Sie hatte sich schon am Beginn ihrer nun dreiunddrei&#223;igj&#228;hrigen Beziehung alle Kosenamen verboten und wollte nur mit ihrem Vornamen angesprochen werden. Auch bei Z&#228;rtlichkeiten und beim Beischlaf nannte er nur ihren Namen. Ihren vollst&#228;ndigen Namen. Keine Koseform. Nichts Intimes. Nichts Schmutziges. Wann hatte sie ihn das letzte Mal mit seinem Namen angesprochen? Es wurde ihm bewusst, dass sie das wohl schon seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Nicht einmal, wenn sie ihn rief. Hatte sie ihn nie gerufen?<br \/>\nNamen waren ihr wichtig, das erkannte er auch aus ihren Texten, die sie in den letzten Jahren verfasst hatte. Sie f&#252;hlte sich zur Schriftstellerin berufen und hatte drei schon in Strasbourg und Wien begonnene Erz&#228;hlungen zu einem Roman zusammengefasst. Ihre Frauentrilogie, wie sie diese zun&#228;chst genannt hatte. Sie hatte die Namen aller Personen mit Bedacht und Sorgfalt gew&#228;hlt. Und jetzt ein \u201eSchatzi\u201c, ein Wort, das ihm aus seiner Kindheit und Jugend vertraut war, als er &#8211; halbw&#252;chsig schon &#8211; von Huren am Strich angesprochen wurde: \u201eSchatzi, mach ma was?\u201c\u201eSchatzi\u201c nannten auch die Zuh&#228;lter ihre \u201ePferdchen\u201c. Er war in Meidling, einem Wiener Vorstadtbezirk, aufgewachsen, der einige anr&#252;chige Viertel besa&#223;. Sein Schulweg ins Gymnasium f&#252;hrte entlang des auch heute noch belebten Gaudenzdorfer Strichs. Jedes Kosewort h&#228;tte er ihr gegeben, dieses aber w&#228;re das Letzte gewesen. \u201eSchatzi\u201c war das Letzte. Sein Vater, dem er einmal heimlich an der Hand der Mutter gefolgt war, hatte die Huren so genannt, zu denen er ging. Er versuchte das Wort auszusprechen, es kam nicht &#252;ber seine Lippen. Ihn ekelte vor diesem Wort. Er f&#252;hlte nur mehr Schmutz, der alle seine Gedanken versch&#252;ttete.<br \/>\nAls sie vom Joggen zur&#252;ckkam, &#246;ffnete er wortlos die T&#252;r, und ging,\u00a0 w&#228;hrend sie sich wie immer zum Duschen ins Bad begab, in sein Arbeitszimmer und setzte sich an den Computer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er f&#252;hlte bei dem f&#252;r ihren Sonntag &#252;blichen, gemeinsamen Fr&#252;hst&#252;ck, dass sie ihn beobachtete, sein Schweigen belauerte. Hatte er gestern etwas gemerkt? Hatte sie sich verraten? Verraten durch die Gesch&#228;ftigkeit, mit der sie nach dem ersten Telefonat, das er zuf&#228;llig mitgeh&#246;rt hatte, ein weiteres mit ihrem Sohn zum Mietvertrag gef&#252;hrt hatte. 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