{"id":27,"date":"2008-07-28T17:26:45","date_gmt":"2008-07-28T15:26:45","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=27"},"modified":"2021-03-10T20:30:05","modified_gmt":"2021-03-10T20:30:05","slug":"iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=27","title":{"rendered":"IV St&#246;r.Fallen"},"content":{"rendered":"<p>Die n&#228;chste Nacht verbrachte sie wie &#252;blich im Wohnzimmer, wo sie zwei alten Matratzen aufeinander liegend zu einem bequemen Bett f&#252;r G&#228;ste eingerichtet hatten. Da er an Montagen nicht an seinem Arbeitsplatz an der Universit&#228;t arbeiten musste, schlief sie dort, lie&#223; sie ihn morgens schlafen und nahm das Fr&#252;hst&#252;ck in einer nahe gelegenen B&#228;ckerei.<br \/>\nSeine Nacht war schlaflos.<br \/>\nEr z&#228;hlte alle Viertelstunden die Schl&#228;ge der Repetieruhr im Esszimmer.<br \/>\nEins, zwei &#8211; eins, zwei &#8211; halb vier.<br \/>\nEins, zwei &#8211; eins, zwei, drei &#8211; dreiviertel vier.<br \/>\nEr stand auf und ging ins Wohnzimmer. Er setzte sich neben sie auf den Boden.<br \/>\nUm vier Uhr vermutete er durch ihr unregelm&#228;&#223;iges Atmen und mehrere Bewegungen ein Wachsein und fl&#252;sterte nach einigen Minuten des Abwartens, ob er etwas sagen k&#246;nne.<br \/>\nEr wusste zwar nicht, was er h&#228;tte sprechen sollen, aber er wollte aus dem Karussell seiner Vermutungen, Ahnungen, Bef&#252;rchtungen ausbrechen.<br \/>\nEin Wort von ihr h&#228;tte vielleicht gen&#252;gt. Sie stellte sich schlafend, davon war er &#252;berzeugt &#8211; wie so oft in letzter Zeit, wenn sie gemeinsam im Ehebett schliefen. Da er meist einmal in der Nacht Wasser lassen musste und er dabei h&#246;rte, wie sie wach war oder wurde und einen Schluck aus dem Glas nahm, das neben ihrem Bett stand, wusste er, dass sie nicht schlief.<br \/>\nWenn das nahe der Aufstehenszeit war, machte er ihr dann manchmal den Vorschlag zum Kuscheln &#8211; meist lehnte sie ab, aber einmal war sie vor einiger Zeit doch in seinem Arm eingeschlafen.<br \/>\nJetzt hoffte er an ihrem Bett sitzend auf eine Reaktion. Vielleicht k&#246;nnte er seine Gedanken durch eine Ber&#252;hrung zum Verstummen bringen. Er legte die Hand auf ihren R&#252;cken. Sie reagierte nicht.<br \/>\nSie schwieg wie immer. Wollte schweigen. Verschlossen.<br \/>\nEr konnte sie nicht fragen.<br \/>\nNach einer halben Stunde erhob er sich und ging leise, um ihren Schlaf nicht zu st&#246;ren &#8211; der Schlaf war ihr in den letzten Jahren immer heiliger geworden &#8211; zur&#252;ck ins Schlafzimmer.<br \/>\nDa waren sie wieder, alle die Gedanken, die Stimmen.<br \/>\nEr stand noch vor ihrer &#252;blichen Weckzeit auf und wusch in der K&#252;che das Geschirr vom Vortag. Als sie dann ins Bad kam, er&#246;ffnete er ihr, dass er heute ausnahmsweise nicht liegen bleiben wollte, da er einen Kaffee brauche und sie praktischerweise gleich mittrinken k&#246;nne.<br \/>\nEr war &#252;berhaupt sehr praktisch veranlagt. Auch etwas, das sie an ihm allm&#228;hlich zu hassen begonnen hatte. Er organisierte alles, perfektionierte die Abl&#228;ufe und verlangte von ihr, das auch zu tun. Indirekt gab er ihr manchmal zu verstehen, dass man f&#252;r den Abwasch am Sonntag Vormittag nicht eine halbe Stunde braucht, sondern dass das in f&#252;nf Minuten zu erledigen w&#228;re. Und er erledigte es in drei. Manchmal hatte er das Gef&#252;hl, dass sie sich absichtlich so lange Zeit lie&#223;, sich in der K&#252;che einfach auf den Stuhl setzte und Radio h&#246;rte. Sie t&#228;uschte Haushaltsarbeit vor.<br \/>\nUm nicht mit ihm zusammenzutreffen?<br \/>\nIn der ersten Zeit ihres Zusammenlebens hatte er sie morgendlich mit klassischer Musik und seinen Kenntnissen dazu beinahe vergewaltigt &#8211; sie empfand es zumindest so. Ihr widerstrebte es, beim Musikh&#246;ren gepr&#252;ft zu werden. Sie wusste, dass die klassische Musik aus seiner Zeit mit seiner ersten Liebe stammte. Seit ihrer Zeit in Strasbourg n&#252;tzte sie die Musik, um ein Gespr&#228;ch zu vermeiden. Eine ihrer ersten Handlungen am Morgen war das Einschalten der Musik. Sie duschte mit Musik. Sie schrieb ihre Erz&#228;hlungen bei Musik. Sie verwendete Musik als Schutzschild gegen seine Stimme. Gegen ihn.<br \/>\nSchon vor den zwei Wochen hatte er begonnen, selber am Morgen die Musik in der K&#252;che und im Esszimmer, in dem sie gemeinsam das Fr&#252;hst&#252;ck einnahmen, anzuschalten. Klassische Musik, die sie in Wien durch Radio Stephansdom lieben gelernt hatte. In Strasbourg war es noch die U-Musik aus ihrer Jugendzeit gewesen &#8211; Radio Nostalgie.<br \/>\nEr hoffte, durch das Aufdrehen der Musik, die sie sch&#228;tzte, ihr wieder n&#228;her zu kommen. Musik war doch jetzt etwas, das sie verband.<br \/>\nNachdem sie die Wohnung verlassen hatte, erledigte er seine &#252;bliche Computerarbeit. Routinet&#228;tigkeiten gingen ihm leicht von der Hand.<br \/>\nHeute w&#252;rde er es tun, w&#252;rde er die Konfrontation suchen. \u201eBis Montag\u201c hatte die Stimme gesagt. Heute war Montag. Sie w&#252;rde wissen, dass er heute hinter ihr hinterher spionieren w&#252;rde. Sie w&#252;rde ein geplantes Treffen mit \u201eihm\u201c in der Mittagspause absagen.<br \/>\nSie wusste, dass er wusste. Sie hatte es in seinem Blick gesehen. In seinem Blick, der ihr in all den Jahren immer mehr Angst gemacht hatte, den sie bedrohlich fand. Auch dann, wenn er liebevoll war. Seine Liebe war eine Bedrohung. Eine Bedrohung f&#252;r das, was sie in den letzten Jahren erk&#228;mpft hatte &#8211; hatte sie es erk&#228;mpft oder war es einfach geschehen? War ihr die Beziehung mit dem anderen Mann nicht auch nur einfach passiert?<br \/>\nAls er um halb zw&#246;lf mit Blumen an ihrem Arbeitsplatz auftauchte &#8211; fr&#252;her, als sie noch in der N&#228;he der Wohnung in der Altstadt gearbeitet hatte, brachte er ihr einmal in der Woche Blumen vorbei, oft nur an die Klinke gesteckt. Wie ein Briefbote war er wieder verschwunden.<br \/>\nAuch in der letzten Zeit vor diesen zwei Wochen und nach ihrer Auszeit im Fr&#252;hjahr &#8211; sie war nach einem Streit f&#252;r einen Monat in ein Kloster gegangen &#8211; hatte er diesen Brauch wieder aufgenommen.<br \/>\nHeute hatte sie damit gerechnet.<br \/>\nAls er eintrat &#8211; er lauschte nicht an der T&#252;r &#8211; hatte sie mit \u201eihm\u201c telefoniert, brach aber das Gespr&#228;ch genauso sachlich ab wie jenes von vor zwei Tagen. Sie hatte Routine.<br \/>\nSie musste diese Gespr&#228;che nicht nur vor ihm verbergen, sondern auch bei der Arbeit.<br \/>\nEr schlug ihr vor, gemeinsam Mittagessen zu gehen.<br \/>\nSie wusste, sie konnte nicht ablehnen.<br \/>\nEr setzte sich nach gequ&#228;ltem Smalltalk an den Tisch einer Kollegin, die hier mit ihr das B&#252;ro teilte und heute wie fast jeden Montag auf Au&#223;endienst war.<br \/>\nNach kurzer Zeit klingelte das Telefon und als sie z&#246;gernd abhob, h&#246;rte er deutlich seine Stimme \u201eGeht es jetzt?\u201c<br \/>\nEr h&#228;tte schreien m&#246;gen: \u201eNein! Er ist noch da!\u201c<br \/>\nAber ihm versagte die Stimme, es wurde schwarz vor seinen Augen und sein Puls raste, er atmete schwer wie gestern, als er die Stimme in der Mailbox geh&#246;rt hatte.<br \/>\nSie blieb k&#252;hl und antworte &#8211; was h&#246;rte er nicht mehr.<br \/>\nDer Puls dr&#246;hnte in seinen Ohren.<br \/>\nSp&#228;ter konnte er sich nur noch daran erinnern, dass sie ihm zweimal Wasser brachte. Und dass er sie anflehte &#8211; ohne Tr&#228;nen, denn in ihm war auch der Schmerz gestorben -, mit dem anderen Schluss zu machen.<br \/>\nErst sp&#228;ter erinnerte er sich daran, dass sie ihm gesagt hatte, dass sie ihn nicht so betrogen h&#228;tte, wie er d&#228;chte.<br \/>\nIn den zwei Wochen w&#252;rde sie es abermals bekr&#228;ftigen.<br \/>\nWollte sie \u201eihn\u201c sch&#252;tzen?<br \/>\nWollte sie ihn schonen?<br \/>\nWollte sie sich sch&#252;tzen?<br \/>\nSie, die ihn bisher immer ohne Schuldgef&#252;hle belogen hatte, sollte darin die Wahrheit sagen? Er betete abends &#8211; das hatte er seit seiner Kindheit nicht aufgegeben &#8211; , dass er ihr wieder vertrauen k&#246;nne. Wie sollte das Leben sonst weitergehen.<br \/>\nDas Mittagessen gemeinsam war schweigend.<br \/>\nDas war kein Thema, mit dem man in der &#214;ffentlichkeit, und war es auch nur ein Schanigarten, auftrat. Hereinspaziert, hier wird ihnen etwas geboten! Hier erleben Sie die tragische Geschichte einer Frau, die nicht lieben kann und eines Mannes, der nichts als Liebe will. Beide lebten gl&#252;cklich zusammen, bis ein Nebenbuhler auf den Plan trat. Sie werden ein Gemetzel erleben, in dem kein St&#252;ckchen Fleisch auf den Knochen zur&#252;ckbleibt.<br \/>\nAm Nachmittag rief er die Nummer, die noch immer in seinem Gehirn eingebrannt war, an, denn er wollte mit \u201eihm\u201c reden. Er wollte mit ihm eine L&#246;sung finden. Aber \u201eer\u201c hatte sein Mobiltelefon auf Mailbox umgestellt. \u201eEr\u201c kannte wohl die Nummer. Er bot ein Gespr&#228;ch an, auch eines unter Beisein der Betr&#252;ger und der Betrogenen. Er nahm an, dass auch \u201eer\u201c verheiratet war. Welche Quartett w&#252;rde das ergeben. Eintritt sollte man wohl verlangen d&#252;rfen.<br \/>\nSp&#228;ter w&#252;rde er erfahren, dass dieser Telefonanschluss dem gr&#246;&#223;eren Netz einer IT-Firma zuzuordnen war, wobei die Nummern nicht alle fest einzelnen Personen zugeordnet werden. Der Liebhaber seiner Frau w&#252;rde danach die Nummer wechseln und bei einem Anruf der Nummer eine Sekret&#228;rin abheben.<br \/>\nVia Email informierte er sie im B&#252;ro von diesem Anruf. Aus Fairness, wie er sagte. Er tat es aber auch, um ihr klar zu machen, dass jetzt eine Entscheidung fallen m&#252;sse. Sie m&#252;sse sich entscheiden. Diese L&#252;gen m&#252;ssten ein Ende haben. Und er war sich dessen ganz k&#252;hl bewusst, dass er es auch f&#252;r sie tat. Nicht aus Liebe.<br \/>\nWeil er pl&#246;tzlich erkannte, wie sehr sie in den letzten Jahren gelitten haben musste, um diese Flucht zu versuchen. Diese Flucht vor ihm und seiner qu&#228;lenden Einengung. Seiner Gegenwart.<br \/>\nNach diesem Anruf tat sich vor ihm eine Leere auf, wie er sie noch niemals zuvor gesp&#252;rt hatte.<br \/>\nEs war ihm, als w&#228;re er &#252;berhaupt nicht vorhanden.<br \/>\nUnd er konnte sich bei dieser Nichtexistenz beobachten.<br \/>\nLeere, einfach Leere.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die n&#228;chste Nacht verbrachte sie wie &#252;blich im Wohnzimmer, wo sie zwei alten Matratzen aufeinander liegend zu einem bequemen Bett f&#252;r G&#228;ste eingerichtet hatten. Da er an Montagen nicht an seinem Arbeitsplatz an der Universit&#228;t arbeiten musste, schlief sie dort, lie&#223; sie ihn morgens schlafen und nahm das Fr&#252;hst&#252;ck in einer nahe gelegenen B&#228;ckerei. 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