{"id":26,"date":"2008-07-28T17:26:21","date_gmt":"2008-07-28T15:26:21","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=26"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=26","title":{"rendered":"V"},"content":{"rendered":"<p>Er hatte in der Nacht danach zum ersten Mal wieder Schlaf gefunden. Keinen tr&#246;stlichen, keinen der die Gedanken beruhigt h&#228;tte. Die Gedanken waren auf seltsame Weise eingeschlafen und g&#246;nnten seinem K&#246;rper Ruhe.<br \/>\nAls er \u2013 in Routinen war er gut, die beherrschte er auch in Krisenzeiten \u2013 am Morgen das Fr&#252;hst&#252;ck bereitete w&#228;hrend sie im Bad war, f&#252;hlte er, dass jetzt alles zu Ende war.<br \/>\nEr wird sp&#228;ter keine Erinnerung mehr an das Fr&#252;hst&#252;ck haben, was sie gegessen haben, was sie gesprochen haben.<br \/>\nEr wird sich nicht mehr erinnern, dass sie sagte, eine schreckliche Nacht gehabt zu haben. Und dass sie sich entschieden habe, zur&#252;ckzukehren und die Aff&#228;re zu beenden.<br \/>\nSie hatte es sicher nicht so genannt, denn sie f&#252;hlte sich auf eine gewisse Weise nicht schuldig. Er wird sich sp&#228;ter unscharf daran erinnern, dass sie anf&#252;gte, dass sie jetzt nicht wisse, ob es die richtige Entscheidung war, eine Entscheidung f&#252;r die tristere Alternative.<br \/>\nSie wusste in diesem Augenblick, dass es noch nicht vorbei war. Dass es noch Szenen geben w&#252;rde, dass sie erneut drohen w&#252;rde, ihn zu verlassen, wie sie es in der Auszeit schon einmal getan hatte.<br \/>\nWie sie es ganz fr&#252;h in ihrer Beziehung mehrmals getan hatte, einmal als er gegen ihren Willen zu einem Fu&#223;ballspiel seines Wiener Vereins, f&#252;r den er in seiner Jugend selber gespielt hatte, hier in Graz gegangen war. Damals war er nach dem Spiel nach Hause gekommen und hatte die gemeinsam eingerichtete Wohnung verlassen vorgefunden. Sie hatte damals noch studiert und schrieb an ihrer Dissertation, die er methodisch unterst&#252;tzte, indem er ihre Daten auswertete.<br \/>\nHeute w&#252;rde sie sagen, er hat auch das an sich gerissen.<br \/>\nEr hatte sich an jenem Abend sofort ins Auto gesetzt und war mit allem, was der Wagen hergab, und das waren an die 190 km\/h \u2013 damals gab es keine Geschwindigkeitsbeschr&#228;nkungen.<br \/>\nEr war zu ihrer Studentenwohnung in der Burggasse gefahren und fand sie auch dort nicht vor. In dieser Wohnung hatten sie ihre ersten Liebesn&#228;chte verbracht. Jeden Tag kam er am Abend zu ihr und blieb bis nach Mitternacht. Gemeinsam h&#246;rten sie \u201eMusik zum Tr&#228;umen\u201c, wenn sie nach dem Geschlechtsverkehr ermattet und gl&#252;cklich im Messingbett lagen. War die Kennmelodie \u201eLast Date\u201c von Duane Eddy, die ihre gemeinsamen Abende beschloss, ein schicksalhafter Titel? Er wird nach Strasbourg auf ihrer Homepage eine Seite einrichten, auf der &#252;ber YouTube diese Kennmelodie in verschiedenen Varianten zu h&#246;ren ist. Er w&#252;rde sie am 26. Oktober, am Tag ihrer Verlobung vor dreiunddrei&#223;ig Jahren bitten, den Laptop einzuschalten und auf ihre Homepage zu gehen. Im Lebenslauf soll sie auf den Link \u201eWien\u201c klicken. Wird sie in der Erinnerung an diese Zeit \u2013 in der Beschw&#246;rung, denkt er &#8211; bereit sein, sich noch einmal auf einen gemeinsamen Weg zu machen?<br \/>\nSie wird am Verlobungstag nach den zwei Wochen wegen des verl&#228;ngerten Wochenendes einen Trip nach Mallorca machen. Sp&#228;ter auf ihrem Amtscomputer werden die YouTube-Videos gesperrt sein. Sie wird die Signation nie mehr h&#246;ren.<br \/>\nBei der Schlusssignation der Sendung zog er sich damals in der Anfangszeit an und lie&#223; sich von ihr bis zur T&#252;re begleiten. In dieser Garconniere hatten sie sich verlobt, auf sein Dr&#228;ngen hin. Am Nationalfeiertag, damit sie stets an diesem Tag nicht in die Arbeit mussten. Ein Kalk&#252;l, das auch f&#252;r den Hochzeitstag galt: 1. Mai.<br \/>\nSie lie&#223; es r&#252;ckblickend aus Liebe mit sich geschehen. War die telegrafische Reaktion ihres Vaters \u2013 beide hatten an jenem Abend vom Westbahnhof aus ein Telegramm an die beiden Familien geschickt \u2013 Programm, denn er schrieb, dass sie endlich zur Ruhe kommen k&#246;nne. Sie waren die Nacht beisammen geblieben, nicht zum ersten Mal. Als seine Mutter es einmal gemerkt hatte, dass er erst am fr&#252;hen Morgen zur&#252;ckkam, warf sie ihm vor, \u201eein Verh&#228;ltnis zu haben\u201c. Hier reagierte sein Vater nicht wie fr&#252;her, als er sich meist die Vorw&#252;rfe verst&#228;rkend auf ihre Seite geschlagen hatte, sondern lapidar. \u201eEr ist alt genug\u201c.<br \/>\nJa, er war mit siebenundzwanzig Jahren alt genug.<br \/>\nAlt genug f&#252;r ein Verh&#228;ltnis.<br \/>\nDa ihre Wohnung im Verbund mit anderen Studentenwohnungen im ersten Stock eines Gr&#252;nderzeithauses oberhalb einer Fleischhauerei lag \u2013 der Besitzer war &#252;brigens der Vermieter, dem sie einmal im Monat die Miete in Bar bringen musste; heute befindet sich dort eine Pizzeria -, gelang es ihm, in die Wohneinheit zu gelangen, da die T&#252;r nur langsam ins Schloss fiel, als einer der Studenten seine Wohnung verlie&#223; \u2013 war es der Chinese?<br \/>\nEr sa&#223; an die zwei Stunden vor ihrer Zimmert&#252;r und wartete. Sie kam nicht. Er schrieb eine Nachricht und setzte sich in das Auto und fuhr nach Graz zur&#252;ck.<br \/>\nEr h&#228;tte beinahe einen Unfall gehabt, da er f&#252;r einen Fuchs, der mitten auf der Fahrbahn sa&#223;, bei hundertneunzig Stundenkilometer den Wagen verriss und ihn erst am Pannenstreifen wieder unter Kontrolle brachte, knapp bevor dieser wegen eines engen Br&#252;cke endete.<br \/>\nEs war nicht das erste Mal, dass sie nach Wien gefl&#252;chtet war. Das erste Mal war er mit dem Wagen sogar vor ihr bei ihrer Wohnung. Beim ersten Mal nahm er sie mit und sie lie&#223; es geschehen.<br \/>\nBeim zweiten Mal kam sie freiwillig zur&#252;ck. Sp&#228;ter hat sie sich oft daran erinnert und n&#228;hrte ihre Zweifel, ob sie damals die richtige Entscheidung getroffen hatte. So wie an diesem Tag in den zwei Wochen.<br \/>\nSie wird auch nach Strasbourg zweifeln und in seinem Bem&#252;hen, alles richtig zu machen, jene alten Muster erkennen, die sie so verabscheute. Wie oft hatte er sie in seinem Leben wegen eines konkreten Verhaltens kritisiert und zurechtgewiesen, oft auch ungerechtfertigt. Oft empfand sie schon eine einfache Frage wie \u201eWar das Mineralwasser schon leer?\u201c, w&#228;hrend sie gerade eine Flasche aus der K&#252;che in den Abstellraum trug, als Provokation.<br \/>\nWenn er aber sah, wie sie nach einer solchen Lappalie unter seiner \u201eZurechtweisung\u201c litt und wie verletzt sie war, entschuldigte er sich f&#252;r gew&#246;hnlich bei ihr. Dieses Muster \u2013 sie nannte es \u201eErst hinpecken und dann entschuldigen\u201c \u2013 w&#252;rde sie sich ab nun &#8211; nach Strasbourg &#8211; nicht mehr gefallen l&#228;nger lassen. Sie begann permanent damit zu drohen, ihn sofort zu verlassen.<br \/>\nDieses kritisierte Verhaltenmuster hatte allerdings ein Komplement: Da er sich f&#252;r Kritik entschuldigte, die seiner Meinung nach gerecht war \u2013 er hatte sie seiner Erinnerung nach nie bewusst aus Bosheit kritisiert -, blieb das Dilemma, einen Fehler begangen zu haben, an ihm h&#228;ngen, sodass im Zur&#252;cknehmen seine Kritik zur&#252;ckgewiesen oder noch verst&#228;rkt wurde und er erneut einen Anlauf nahm, um seine Frustration &#252;ber ihr Verhalten los zu werden.<br \/>\nH&#228;tte er sich nicht entschuldigt, w&#228;ren diese Situationen vermutlich nicht eskaliert. Es h&#228;tte zwar eine Verstimmung gegeben, aber es w&#228;re vorbei gewesen und es w&#228;re nicht der Rest geblieben, der dann zu einer Eskalation f&#252;hren musste.<br \/>\nBesonders irritierte ihn in dieser letzten Zeit, dass sie nach einer Kritik an seinem Verhalten ein Ende der Diskussion postulierte, sich die von ihm geforderte Erkl&#228;rung zwar anh&#246;rte, aber nicht darauf reagierte. Es w&#228;re wohl kein Problem gewesen, wenn sie diese Erkl&#228;rung als f&#252;r sie nicht zutreffend zur&#252;ckgewiesen h&#228;tte, aber sie schwieg. Sie war wie ein tiefer Brunnen, in den man einen Stein fallen lie&#223;, man aber das Auftreffen auf der Wasseroberfl&#228;che nicht h&#246;rte und so im Ungewissen war, ob man getroffen hatte.<br \/>\nKonnte er nach den zwei Wochen aus dieser nun n&#252;chternen Analyse eine Lehre ziehen und sein Verhalten &#228;ndern? Er zweifelte wie immer, wollte es aber versuchen. Wie oft hatte er schon versucht \u2026 Zuletzt doch nach ihrer R&#252;ckkehr aus Wien, in die sich ein anderer gedr&#228;ngt hatte. Wie konnte er etwas richtig machen, wenn der andere von vorneherein schon richtiger war?<br \/>\nWie der stieg in ihm der Zweifel an die M&#246;glichkeit, doch einen gemeinsamen Weg zu finden hoch. Der Zweifel machte Angst.<br \/>\nUnd die Angst lie&#223; ihn zweifeln.<br \/>\nEs war ein Teufelskreis.<br \/>\nDer Zweifel war auch der Begleiter ihres Lebens.<br \/>\nDaher suchte sie rastlos nach immer Neuem.<br \/>\nStets auf der Suche nach einer Gewissheit.<br \/>\nNoch etwas, woran sie sich festhalten konnte.<br \/>\nAber was sie auch suchte, sie fand immer nur sich selbst, ihre Sehnsucht und ihre Angst.<br \/>\nWarum konnten sie beide ihre &#196;ngste nicht in einem gemeinsamen Gef&#228;&#223; des Vertrauens einschlie&#223;en?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hatte in der Nacht danach zum ersten Mal wieder Schlaf gefunden. 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