{"id":25,"date":"2008-07-28T17:26:00","date_gmt":"2008-07-28T15:26:00","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=25"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"vi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=25","title":{"rendered":"VI"},"content":{"rendered":"<p>Ihr Leben sollte leicht sein, nicht so schwer wie seines. Immer, wenn er in den ersten Tagen dieser Zwei Wochen das Gespr&#228;ch suchte und dabei Tr&#228;nen in den Augen hatte, wurde sie darob w&#252;tend. \u201eBei dir ist alles so elendiglich schwer!\u201c<br \/>\nWarum verschloss sie sich der immer wieder erlebten Realit&#228;t, dass \u201eeinfach zu Leben\u201c nicht zu haben war, jenes Leben, das sie sich ertr&#228;umt hatte. Tr&#228;ume, die zu Illusionen werden, sind ein st&#228;rkerer Ballast als die Erinnerung an Entt&#228;uschungen.<br \/>\nEs war das Leben, wie es sich ein Teenager vorstellt, nicht wie es eine erwachsene Frau erleben k&#246;nnte. Vielleicht war das der Zauber der ewigen Kindheit, der manchmal in ihrem L&#228;cheln lag. Heute seltener als am Beginn. Dieses Kind hatte er auch noch an ihr erlebt, als sie eine reife Frau geworden war. Sie war erwachsen geworden und wollte doch ein Kind bleiben.<br \/>\nIhm war es in vielen Dingen gelungen, ein Kind zu bleiben. Sie war absolut und ausschlie&#223;lich erwachsen geworden, denn sie definierte sich &#252;ber ihren Beruf, oder wie sie sagte, sie liebte ihre Arbeit &#252;ber alles.<br \/>\nEr liebte Zeit seines Lebens das Spiel, auch die Arbeit war ihm immer mehr zum Spiel geworden. Wer das Spiel liebt, bleibt darin ein Kind, darf es zumindest in diesen Momenten wieder sein. Das hatte er auch seinem Sohn vermittelt.<br \/>\nSie sch&#252;ttelte innerlich den Kopf, wenn die beiden M&#228;nner \u2013 ihr Sohn war zu ihrem Bedauern auch ein Mann geworden \u2013 auch jetzt noch mit Stofftieren sprachen und einander damit auch ihre Zuneigung ausdr&#252;ckten. Sie hatte ihrem Sohn aus Kalk&#252;l fr&#252;h eine Puppe geschenkt, eine mit Schlafaugen, eine, wie sie sie damals als Kind bekommen hatte. Die Puppe liegt heute noch unber&#252;hrt \u2013 jungfr&#228;ulich? \u2013 in einem Kinderw&#228;gelchen bei anderem Spielzeug in einem Abstellraum. Es funktioniert nur mehr ein Auge, aber das war eher ein Produktionsfehler als Folge des Spiels mit ihr. Die Puppe fand nie den Weg in das Bett der M&#228;nner. Wollte sie mit der Puppe ihre Kindheit in ihm fortsetzen? Sie w&#228;hlte Geschenke mit Bedacht, verlieh den Gegenst&#228;nden Bedeutung. Welche Bedeutung hatte diese Puppe?<br \/>\nAuch im Schenken hatte sie versagt.<br \/>\nDas Leben f&#228;llt nicht in den Scho&#223;, sondern will erk&#228;mpft sein. Auch gegen sich selber, gegen das Faulbett der nachgetragenen Liebe. Hatte er es ihr auch zu leicht gemacht? Von Anfang an?<br \/>\nWarum war sie immer zu ihm zur&#252;ckgekehrt, trotz immer schw&#228;cher werdender Liebe. Warum hatte sie sich jetzt doch wieder f&#252;r ihn entschieden, auch wenn ihr Begehren tot und die Gef&#252;hle f&#252;r ihn zerst&#246;rt waren? F&#252;r ihn, den sie f&#252;r all ihr Ungl&#252;ck verantwortlich machte, f&#252;r das, was ihr widerfahren war und das, das noch auf sie wartete.<br \/>\nAuch als sie seinen Ring ablegte und den Mann verlie&#223;, den sie dreiunddrei&#223;ig Jahre begleitet hatte, blieb sie bei ihm, wenn auch als Gast. Wenn sie ihn doch nicht mehr liebte.<br \/>\nSo sehr er auch jetzt noch an eine gemeinsame Zukunft glaubte, so sehr er aus ihrem blo&#223;en Hiersein immer wieder Hoffnung sch&#246;pfte, so sehr schmerzte ihn die bei ihr erlebte Desillusionierung, die sie nichts mehr erwarten lie&#223;. Sie begann erst jetzt, ihre Illusionen zu zerst&#246;ren, das, woran sie bisher geglaubt hatte. In ihren Augen lag in diesen Tagen soviel M&#252;digkeit, dass er ihr wieder seine Schulter zum Ausruhen geboten h&#228;tte, wenn sie es gewollt h&#228;tte.<br \/>\nEr erlebte es, als ob sie in einem tiefen, dunklen See vers&#228;nke und er mit ihr.<br \/>\nSchweigen kann schmerzen.<br \/>\nWarum schrie sie nicht um ihr Leben, warum bettelte sie nie um Liebe?<br \/>\nWarum &#246;ffnete sie nicht ihren Schmerz. Schrie ihren Schmerz hinaus. Er h&#228;tte ihn geh&#246;rt.<br \/>\nWarum waren es stets nur Wut und Zorn?<br \/>\nFr&#252;her hatte sie noch weinen k&#246;nnen, wenn er sie verletzt hatte. Jetzt verletzte er sie nicht mehr, denn er k&#246;nne sie nicht verletzen. Trotzig schleuderte sie ihm diesen ihren Triumph entgegen.<br \/>\nEr hatte in den ersten Tagen nach der Entdeckung niemanden, mit dem er dar&#252;ber sprechen konnte. Der gemeinsame Sohn, der w&#228;hrend ein paar Tagen in ihre zwei Wochen eingedrungen war, bemerkte die Stimmung, die ihm aus den letzten Jahren vertraut war, die er fl&#252;chtete, da er mit beiden litt.<br \/>\nWie weh tat es ihr, dass sie in den letzten Jahren immer mehr erkennen musste, dass sich ihr Sohn, den sie doch auch gewollt hatte und &#252;ber alles liebte, immer weiter von ihr entfernte. Sie hatte ihm doch niemals weh getan, ihn vor seinem manchmal all zu strengen Vater gesch&#252;tzt.<br \/>\nManchmal hatte er in der Kindheit des Sohnes das Gef&#252;hl, dass sie versuchte, das Kind seinem Vater zu entfremden. Es tat ihm weh, denn er liebte seinen Sohn inniglich. Und er liebte sie. Sie warf ihm Eifersucht vor und bem&#252;hte sich noch mehr, das Kind an sich zu binden. Er hatte ihrem Werben nichts entgegenzusetzen, vor allem, da er das Kind nicht als Unterpfand ihrer verl&#246;schenden Liebe missbrauchen wollte. Er k&#228;mpfte nicht um das Kind, denn er f&#252;hlte, dass es ihn trotz seiner allzu oft seelisch schmerzhaften und auch verletzenden Erziehung liebte. Sie sah nie, dass die manchmal f&#252;r sie so offensichtlichen Dem&#252;tigungen des Kindes auch stets die Entschuldigung und Vers&#246;hnung zur Folge hatten.<br \/>\nAuch er litt unter den Verletzungen seines Sohnes &#8211; auch er erhielt Schl&#228;ge, die sie nicht sah, und auch er musste lernen, mit diesen umzugehen. Sie sah nicht die realen und gef&#252;hlten Umarmungen, die die beiden aneinander banden. Die beiden lebten wohl jene symbiotische Beziehung, die sie so sehr ersehnte und an die sie in manchen Augenblicken mit ihrem Sohn auch geglaubt hatte.<br \/>\nSie glaubte manchmal, jetzt zu besitzen, f&#252;r immer zu besitzen.<br \/>\nSie wusste nicht, dass er die Radausfl&#252;ge, die sie mit dem Sohn unternahmen, bewusst nicht durch seine Begleitung st&#246;ren wollte. Er h&#228;tte sie mit dem Auto begleiten k&#246;nnen, h&#228;tte ihr Quartiermacher sein k&#246;nnen.<br \/>\nEr konnte warten.<br \/>\nSie erlebte jede dieser Verletzungen des Kindes durch ihn als ihren Triumph. Innerlich f&#252;hlte sie sich in solchen Situationen ihrem Sohn so nahe wie noch nie einem Menschen zuvor.<br \/>\nWie gl&#252;cklich war sie damals gewesen, als sie sah, dass er eher ihr nachgeriet als dem Vater. Wie stolz war sie auf alles was er tat, zuletzt auf sein erfolgreich verlaufendes Studium.<br \/>\nWarum hatte sie ihn dennoch verloren? Sie suchte nach rationalen Erkl&#228;rungen &#8211; wie immer. Als sie nach Strasbourg gegangen war, lebten die beiden M&#228;nner beinahe ein Jahr zusammen, haben gemeinsam die Wohnung seiner Eltern in Wien &#8211; seine Mutter war schon lange tot, der Vater im Vorjahr gestorben &#8211; f&#252;r die erste Studienzeit vorbereitet. Er hatte sich dabei einen Bandscheibenvorfall beim Versiegeln des Fu&#223;bodens zugezogen. Daf&#252;r liebt man seinen Vater. War es in dieser Zeit geschehen? Als er ihr einmal erz&#228;hlte, dass sich ihr Sohn vor Jahren, als sie nach Strasbourg gegangen war, zum einsamen, weinenden Vater ans Bett gesetzt und ihn wortlos aber inniglich getr&#246;stet hatte, empfand sie nur Zynismus. \u201eWie sch&#246;n f&#252;r Dich!\u201c<br \/>\nHass, Zorn und Wut brauchen keinen Trost.<br \/>\nBesonders nach der Zeit in Strasbourg schmerzte es sie, wenn sie die Vertrautheit der Gespr&#228;che der beiden M&#228;nner f&#252;hlte &#8211; sie hatten so viele gemeinsame Themen. Welche Themen hatte sie mit ihm?<br \/>\nNicht die bedingungslose Liebe band die beiden M&#228;nner aneinander, sondern der Kampf, der erlebte Schmerz, die gegenseitigen Verletzungen, die Vers&#246;hnungen, das aus Entt&#228;uschungen wieder erstandene Vertrauen.<br \/>\nEinmal warf sie ihm vor, dass sie doch nichts von ihrem Sohn w&#252;sste. Er f&#252;hlte, wie weh es ihr tat. Sein Trost half nichts. Seine Worte erreichten sie nicht, denn sie lebte in einem Schneckenhaus oder der Vorstellung davon, das keine Verletzungen zulie&#223;, in das man jederzeit fl&#252;chten konnte.<br \/>\nWie viele Jahre hatte sie schon dieses Schneckenhaus nicht mehr verlassen? Am Beginn ihrer Beziehung hatte er ihre Verschlossenheit &#8211; wieder diese Symbolik eines Namens: ihr Name bedeutete aber nicht nur \u201eVerschlossene\u201c sondern auch \u201eHinkende\u201c; war es ihr Schicksal, in ihrem Leben immer nur zu versuchen, ihre Behinderung zu &#252;berspielen, statt sich dem gebotenen Arm &#8211; sein Name symbolisiert den wehrhaften Krieger, aber auch den Besch&#252;tzer &#8211; anzuvertrauen &#8211; zwar gesp&#252;rt, doch in seiner grenzenlosen Naivit&#228;t und auch St&#228;rke hatte er geglaubt, irgendwann ihren mit der Zeit noch gewachsenen Panzer durchbrechen zu k&#246;nnen.<br \/>\nF&#252;r ihn war es Liebe, sich dem anderen ohne Schutz und Waffen auszuliefern, auch wenn man dann verletzlich war, sogar dann, wenn man wusste, dass man verletzt werden w&#252;rde.<br \/>\nSie nannte das schlicht Masochismus.<br \/>\nWarum hatte sie aus dem Kampf mit ihm in den ersten Jahren ihrer Beziehung nicht die Bedingungslosigkeit der Liebe kennen gelernt? Kann Liebe denn Schmerz und Kampf sein, nicht Bitten sondern Fordern, nicht sich Hingeben sondern Nehmen, nicht Z&#228;rtlichkeit sondern Gewalt, nicht Streicheln sondern auch Schlagen. F&#252;hlte sie nie, dass wenn er sie an den H&#228;nden, an den Schultern, am Kopf packte und sie zwang, sich ihm zu stellen, aus ihr nicht ein Kind machte &#8211; so bezeichnete es sie -, sondern dass er sie damit aufforderte, Stellung zu beziehen, sich dem Leben zu stellen.<br \/>\nDas war doch nicht das Leben, das Lieben, das sie ertr&#228;umte.<br \/>\nDas sie seit Anbeginn ihres Lebens ertr&#228;umt hatte und als ein Licht vor sich hertrug.<br \/>\nEin Licht, das l&#228;ngst verloschen war.<br \/>\nIllusion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr Leben sollte leicht sein, nicht so schwer wie seines. 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