{"id":24,"date":"2008-07-28T17:25:37","date_gmt":"2008-07-28T15:25:37","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=24"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"vii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=24","title":{"rendered":"VII Wider.Spr&#252;che"},"content":{"rendered":"<p>Widerspruch war sein Lebenselixier.<br \/>\nAls Kind nannten ihn seine Eltern zuerst trotzig, sp&#228;ter einen Oppositionsgeist. Schon in der Volksschule hatte er es mit Pfeifen versucht, w&#228;hrend der Lehrer vortrug &#8211; er wurde angepasst. Blieb es lange \u2013 das trug ihm den Beinamen \u201eChristkind\u201c ein. Er dachte: Er lie&#223; sich anpassen. Spielte Anpassung. Seine Umgebung war zufrieden, denn er machte auf alle den Eindruck, angepasst zu sein. Er spielte manchmal &#220;beranpassung. Er war beinahe ein Engel. Erst sp&#228;ter nach der Pubert&#228;t &#8211; in ihr hatte er es verstanden, die von allen erwarteten Widerspr&#252;che dieses Alters zur eigenen Erbauung nicht zu artikulieren &#8211; besann er sich auf seine Bestimmung. So hatte er es selber einmal bezeichnet.<br \/>\nSein Widerspruch wurde allm&#228;hlich zwanghaft, brachte ihm immer wieder Schwierigkeiten ein. Sein starkes Beharrungsverm&#246;gen lie&#223; ihn unhaltbare Standpunkte &#8211; er wusste das &#8211; oft bis zur Selbstvernichtung einnehmen. Er wollte seinen Ideen treu bleiben, auch wenn er erkannte, dass sie in eine Sackgasse f&#252;hrten. Er f&#252;hlte sich in der Enge seiner Gedanken als Sieger. Besonders wenn andere kopfsch&#252;ttelnd aufh&#246;rten zu Argumentieren.<br \/>\nSieger sind einsam.<br \/>\nWar das ein Grund, dass er Leben und Lieben auch als Kampf sah?<br \/>\nIn seiner Beziehung zu ihr war der Widerspruch am Beginn nicht so offensichtlich, denn er hatte nichts zu verteidigen. Sein Widerspruch ereignete sich eher spielerisch &#8211; er lernte fr&#252;h, ihn f&#252;r Kreatives zu nutzen. Warum nicht einmal den gegenteiligen Standpunkt einnehmen? Eine Dialektik der Beziehung?<br \/>\nWiderspruch kann auch Wege &#246;ffnen, aus Sackgassen herauszukommen. Er kann aber auch zur Unzeit daherkommen wie damals, als sie in ihrem Beruf gemobbt wurde &#8211; diesen Begriff hat sie erst viel sp&#228;ter gebraucht. Hier glaubte er ihr helfen zu k&#246;nnen, indem er andere Sichtweisen vertrat, wenn sie sich wieder einmal von Vorgesetzten oder Kolleginnen verletzt und gedem&#252;tigt fand. Sie erlebte es, als w&#252;rde er sich in den Kreis der Verletzer und Dem&#252;tiger einreihen. Und das verletzte und dem&#252;tigte sie mehr als die der anderen.<br \/>\nH&#228;tte er das nicht sp&#252;ren m&#252;ssen?<br \/>\nWiderspruch regte sich in ihm vor allem dann, wenn jemand breit und &#252;berzeugend auftrat. Das war im wissenschaftlichen Bereich zwar innovativ aber zugleich der Grund seines Scheiterns. Seine erste Habilitation fand keine Anerkennung, da sie auch nach einem Jahr beim \u201eHabilitationsvater\u201c noch ungelesen lag, weil der Druck zu klein war, seine zweite reichte er gegen den Willen des \u201eHabilitationsvaters\u201c ein. Man war zwar gezwungen, eine Kommission einzurichten, w&#228;hlte aber eine Zusammensetzung, die ihm keine Chance lie&#223;. Man schickte einen Juristen vor, der ihm nahe legte, seinen Antrag zur&#252;ckzuziehen. Er tat es, da er wusste, man w&#252;rde ihm zwar die Habilitation in Graz verweigern, aber man musste ihn pragmatisieren, da er einfach zu gut war. Sie h&#228;tten ihr Gesicht und ihren Ruf verloren, wenn sie das nicht getan h&#228;tten.<br \/>\nNachdem er sich einen anderen \u201eHabilitationsvater\u201c in Wien gesucht und gefunden hatte, geschah dies gegen die dort etablierten Kleingeister. Diese Kleingeister verhinderten es, weil er ihnen in seiner Arbeit den Boden unter den F&#252;&#223;en wegzog, wie es ein Freund einmal nannte. Kann man geliebt werden, wenn man den anderen den Boden unter den F&#252;&#223;en wegzieht? Hatte er manchmal auch ihr den Boden unter den F&#252;&#223;en weggezogen? Damals, als sie blo&#223; Trost und Verst&#228;ndnis wollte? Hat er ihr damals die vielleicht schon kr&#228;nkelnde Liebe auch noch entzogen?<br \/>\nIn jener Zeit &#8211; als sie um ihre berufliche Existenz k&#228;mpfte &#8211; hatte auch er schlaflose N&#228;chte, denn er wusste nicht, wie er an sie herankommen konnte.<br \/>\nEr dachte viel, oft viel zu viel!<br \/>\nWie in den zwei Wochen.<br \/>\nIn diesen zwei Wochen hatte er sie eines Abends gebeten, sich zu ihm zu setzen und nur zuzuh&#246;ren. Er wollte ihr von dem stets erlebten inneren Widerspruch zu den eigenen Gedanken und Gef&#252;hlen, von jenem Zweifel erz&#228;hlen, der ihn stets begleitet hatte, seit er Beziehungen zu Frauen eingegangen war.<br \/>\nSeine Zweifel galten der Art seiner Liebe. Ob es f&#252;r ihn eher Liebe w&#228;re, zu lieben oder eher wichtig war, geliebt zu werden. Zwischen diesen beiden Polen sei er Zeit seines Lebens geschwankt und hatte fr&#252;h an seiner generellen Liebesf&#228;higkeit zu zweifeln begonnen. In einem Augenblick, in welchem er sicher war, zu lieben, erschien ihm seine Sehnsucht, geliebt zu werden, noch viel gr&#246;&#223;er.<br \/>\nEr begann damals, sich selber in seinen Beziehungen zu beobachten. Es war ihm, als st&#252;nde er manchmal neben sich, und s&#228;he zu, wie er lebte und liebte. Voyeuristisch und &#228;ngstlich zugleich. Er wollte eine Antwort auf die Frage finden, was f&#252;r ihn Liebe bedeutet. Auch in den zwei Wochen hatte er das Gef&#252;hl, dass er immer wieder von au&#223;en miterlebte, was mit ihm geschah.<br \/>\nSie nannte es anschlie&#223;end an seinen Monolog \u201eeinfach krank\u201c.<br \/>\nAus dieser Krankheit heraus begann er, Zeichen zu setzen. Markierungen, die ihm beweisen konnten, dass er doch liebte, lieben konnte. In diesen zwei Wochen wird er zum Friseur gehen und anl&#228;sslich der dreiunddreiunddrei&#223;igsten Wiederkehr des Kennenlerntages sich eine lila Str&#228;hne in sein sch&#252;tteres Haar machen lassen \u2013 sie nannte es einfach Glatze.<br \/>\nEr schickte ihr SMS \u2013 genau abgez&#228;hlt nach den maximal m&#246;glichen Zeichen -, in denen er ihr wieder die Hand reichte, was ihm im realen Leben wohl nur nach einer Bitte um Verzeihung m&#246;glich sein w&#252;rde.<br \/>\nWie lange w&#252;rde er nach den zwei Wochen auf diese Worte warten m&#252;ssen?<br \/>\nAus seinen Zweifeln heraus &#252;berforderte er sie, denn er erwartete in gleichem Ausma&#223; Zeichen, etwa als er einen &#228;u&#223;erst ungenehmen Zahnarzttermin hatte \u2013 auch er hatte eines Tages begonnen, sich zu renovieren \u2013 und hoffte, sie w&#252;rde in dieser Zeit an ihn denken und ihm knapp davor eine SMS schicken. Er phantasierte: So wie sie wohl \u201eihm\u201c in einem solchen Fall eine geschickt h&#228;tte. Er wird im Wartezimmer sitzen und auf eine SMS warten, sie wird keine SMS schicken und er wird abermals entt&#228;uscht sein, seine Zweifel werden wieder ein St&#252;ck gr&#246;&#223;er werden.<br \/>\nWurde er geliebt? Nein, sie hatte es gesagt: sie liebe ihn schon lange nicht mehr. W&#252;rde ihn diese Gewissheit beruhigen? Jemand, den man nicht liebt, dem schickt man keine SMS. Er wird selber ein Zeichen setzen und w&#228;hrend der Behandlung den Ehering festhalten und drehen. Glaubte er an Magie?<br \/>\nDen Ehering wird er wie sie nach ihrer Strasbourgvisite abnehmen. Sie hat ihn irgendwo verwahrt &#8211; nicht in die Ill geworfen, wie er vermutete -, er wird ihn an seine Halskette mit dem Schutzengel &#8211; der hatte hier wohl wieder einmal versagt &#8211; h&#228;ngen, so wie es viele M&#228;nner tun, die nicht zu ihrer Beziehung stehen. Schutzengel und Ring werden in diesen Tagen immer wieder aneinander sto&#223;en, w&#228;hrend des Gehens, w&#228;hrend des Schlafs, w&#228;hrend des Wasserlassens, w&#228;hrend der Vorlesung.<br \/>\nDas leise Klingeln wird ihn an seine Lage erinnern. War es nicht kl&#252;ger, ihr den Ring zu geben, damit sie ihn zum anderen lege?<br \/>\nEinmal rief er sie nach einem Klingeln an seinem Hals an, allein um ihre Stimme zu h&#246;ren, die Stimme jener Frau, die ihm diesen Ring vor dreiunddrei&#223;ig Jahren in der Verlobungsnacht zum ersten Mal an die Hand gesteckt hatte. Sie hatte diesen Ring, der l&#228;ngst seine feine Ziselierung verloren hatte, bei der Hochzeit vor f&#252;nfundzwanzig Jahren zum zweiten Mal, dieses Mal an die rechte, Hand gesteckt. Einmal hatte er den Ring weiter machen lassen m&#252;ssen, da er ihn nicht mehr vom Finger bekam und schon das Blut abschn&#252;rte. Einmal hat er seinen Ring verloren &#8211; er war einfach vom Finger gerutscht. Das war, w&#228;hrend sie in Strasbourg arbeitete, nach seiner Abmagerungskur. Er dachte zuerst, dass er in ihn im Murpark verloren h&#228;tte und suchte mit einer Taschenlampe den Weg ab, den er gegangen war. Er suchte in der Wohnung, bis ihm die rettende Idee kam. Der Ring war beim Duschen von seinem Finger gerutscht und im Abfluss der Badewanne gelandet. Dort konnte er ihn mit Hilfe eines Drahtes, mitten in ihren Haaren, die sie beim Haarewaschen regelm&#228;&#223;ig verlor und immer wieder den Abfluss verstopft hatten, ertasten und endlich bergen. Das war unmittelbar vor einem Wochenende, an dem sie ihn besucht hatte. Er empfand diesen Verlust und die Art des Wiederfindens ihres Ringes als schicksalhaft.<br \/>\nSein Gl&#252;cksgef&#252;hl nach dem Wiederfinden des Ringes war unbeschreiblich. Sie kommentierte seine Erz&#228;hlung: w&#228;re nicht so schlimm gewesen, beim Juwelier kann man ihn nachmachen lassen. Diese lapidare Einstellung wird ihn verletzen, denn der Ring an seiner Hand hatte durch das Weiten und Verengen einen unverwechselbaren Charakter bekommen.<br \/>\nEr wird nach der v&#246;llig schmerzfreien Behandlung beim Zahnarzt  \u2013 sie hatte einige Jahre zuvor eine vergleichbare, aber schmerzvolle \u2013 im Cafe Meier sitzen und sie anrufen. Er wird auf ihre Mobilbox sprechen. Sie wird ihn zur&#252;ckrufen \u2013 nein, sie wird nur anklingeln, denn er hat den g&#252;nstigeren Tarif und er wird sie selber anrufen.<br \/>\nKann man das Zeichen nennen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Widerspruch war sein Lebenselixier. Als Kind nannten ihn seine Eltern zuerst trotzig, sp&#228;ter einen Oppositionsgeist. Schon in der Volksschule hatte er es mit Pfeifen versucht, w&#228;hrend der Lehrer vortrug &#8211; er wurde angepasst. Blieb es lange \u2013 das trug ihm den Beinamen \u201eChristkind\u201c ein. Er dachte: Er lie&#223; sich anpassen. Spielte Anpassung. 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