{"id":23,"date":"2008-07-28T17:25:15","date_gmt":"2008-07-28T15:25:15","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=23"},"modified":"2019-02-21T16:56:59","modified_gmt":"2019-02-21T16:56:59","slug":"viii-hof-narr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=23","title":{"rendered":"VIII Hof.Narr"},"content":{"rendered":"<p>Der Betrug schmerzte ihn besonders, da er in jene Phase ihrer Beziehung fiel, in der er aus den Fehlern der Vergangenheit &#8211; vor allem aus der Zeit unmittelbar vor Strasbourg und Wien &#8211; Lehren ziehen wollte. Dass er es dieses Mal \u2013 wie oft eigentlich schon &#8211; besser machen wollte. Seine Verbesserungsversuche waren eine Illusion, denn die letzten Jahre ihre Beziehung waren von diesen Versuchen gepr&#228;gt, es nach Krisen stets besser machen zu wollen. Er versuchte es.<br \/>\nSeit der R&#252;ckkehr aus Wien im Herbst des vorigen Jahres waren es andere Krisen als vor dieser Zeit. W&#228;hrend es fr&#252;her reale Verletzungen waren, die sie einander zugef&#252;gt hatten, Verletzungen, die existenzielle Fragen bei ihr und bei ihm betrafen, waren es pl&#246;tzlich v&#246;llig banale Dinge. Eine Frage nach einem verlegten Papier, eine Erinnerung an einen Termin, ein vergessener Einkauf, eine liegen gebliebene Papierserviette. An diesen Allt&#228;glichkeiten entz&#252;ndeten sich Auseinandersetzungen, die f&#252;r einen unvoreingenommenen Beobachter vermutlich bizarr und l&#228;cherlich erschienen w&#228;ren.<br \/>\nIm Nachhinein erkl&#228;rte er sich diese Ver&#228;nderung in ihrem Verh&#228;ltnis zu einem anderen Mann, denn wer braucht sich schon die Frage nach einem weggeworfenen Papier gefallen lassen, wenn man mit einem anderen &#252;ber die sch&#246;nen Dinge des Lebens plaudern konnte. Diese Beziehung war nicht belastet von Trivialit&#228;ten wie dem Einkauf von Toilettepapier oder Putzmitteln, die schwebte vom ersten Augenblick des Treffens oder Telefonats auf einer Wolke der Innigkeit und Bedeutsamkeit, von der aus man auf den armen Tropf da unten, der sich halt dar&#252;ber &#228;rgerte, dass sie ein Blatt Papier entsorgt hatte, auf dem er etwas Wichtiges notiert hatte. Sie brauchte sich nicht darum zu k&#252;mmern, ob seine Hemden gewaschen und geb&#252;gelt sind, da gab es eine Frau. Sie brauchte ihn nicht daran erinnern, nach dem Schei&#223;en auch die Klomuschel nachzuputzen. Sie brauchte sich nicht anh&#246;ren, dass sie beim Haareauszupfen in der Badewanne darauf achten sollte, dass der Abfluss nicht verstopft wird. Er hatte n&#228;mlich in der Zeit, in der sie in Strasbourg und Wien war, das von Kalkablagerungen h&#228;sslich gewordene Badezimmer gr&#252;ndlich zu reinigen und mit neuester Nanotechnologie daf&#252;r zu sorgen, dass es auch so blieb. Er f&#252;hrte auf Grund des aggressiven Grazer Wassers in den Haushalt den Brauch ein, das Waschbecken nach der Verwendung mit einem bereitliegenden Tuch zu trocknen. Anfangs fand sie das &#252;bertrieben &#8211; wie sie so vieles &#252;bertrieben fand -, allerdings hat sie diese Routine dann auch &#252;bernommen, da ihr vermutlich auch klar geworden war, dass es angenehmer ist, eine gl&#228;nzendes Waschbecken oder eine saubere Badewanne zu benutzen als solche, die von Kalkschlieren und Schimmelpilzen umrandet sind. Wenn sie mit ihm beisammen war, fanden solche Themen keinen Eingang in ihren hoch stehenden oder z&#228;rtlichen Diskurs. Er fragte sich oft, wor&#252;ber sie eigentlich sprachen. Sprachen sie auch &#252;ber ihn? Das ist die Schmerzfrage aller Betrogenen. Reden sie &#252;ber mich und was reden sie? Lachen sie &#252;ber ihn? Oder war er einfach zu unwichtig, als dass sie &#252;berhaupt &#252;ber ihn sprachen. Nein, da ging es sicher um Kunst, <a title=\"reisen urlaub\" href=\"http:\/\/reisen.abc.stangl.eu\/\">Reisen<\/a>, Tr&#228;ume, Perspektiven \u2026<br \/>\nWas n&#252;tzten da alle seine Versuche, es besser zu machen?<br \/>\nSie versuchte nichts. Sie brauchte nichts zu versuchen, denn sie hatte die Wahl.<br \/>\nEr hatte keine.<br \/>\nDer Betrug fand &#8211; das stellte er in den zwei Wochen verbittert fest &#8211; unter seinen Augen statt, mit seiner t&#228;tigen Mithilfe, da er ihr den Freiraum gegeben hatte, den sie in den Jahren immer eingefordert hatte. Jetzt erkannte er \u2013 und das raubte ihm auch noch lange nachher immer wieder den Atem \u2013, dass er chancenlos war in seinem Bem&#252;hen.<br \/>\nJetzt erst konnte er sich ihre Teilnahmslosigkeit erkl&#228;ren, die sie in vielen gemeinsamen Unternehmungen erkennen lie&#223;. Es war, wie wenn man einem Million&#228;r einen Euro schenkt. Einem im Meer schwimmenden Fisch einen Liter Wasser.<br \/>\nEr hatte besonders in der Zeit nach ihrer R&#252;ckkehr aus Wien, in der sie sich erst wieder in Graz beruflich etablieren musste, versucht, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, ihr zumindest in dieser Hinsicht allen R&#252;ckhalt zu geben, den sie nur ben&#246;tigte.<br \/>\nWie konnte sie nur mit ihm schlafen, w&#228;hrend sie an einen anderen dachte? Sie lie&#223; in den letzten Monaten den Akt stets teilnahmslos &#252;ber sich ergehen. Sie h&#228;tte sexuell keinerlei Bed&#252;rfnisse mehr. Wie sehr bem&#252;hte er sich, ihre Sexualit&#228;t mit all seiner Z&#228;rtlichkeit wieder zu erwecken, zu der er nur f&#228;hig war. Und er war z&#228;rtlich, das wusste er. Sie war einst auch z&#228;rtlich zu ihm gewesen, doch das lag lange zur&#252;ck. Nie so z&#228;rtlich wie er, aber z&#228;rtlich. Jetzt lie&#223; sie einfach das Vorspiel, das Beisammensein &#252;ber sich ergehen. Am Liebsten war es ihr, wenn sie es ihm nur einmal in der Woche mit der Hand machen konnte. Einerseits war er ohnehin mit der Zeit zufrieden und genoss es allm&#228;hlich, denn er konnte sich dabei wie nie zuvor in seinem Leben auf sich und seinen K&#246;rper konzentrieren. Andererseits bedr&#252;ckte es ihn nachher, dass sie dabei doch leer ausgegangen war. Allm&#228;hlich entwickelte er daher auch Schuldgef&#252;hle, &#228;hnlich jenen in der Pubert&#228;t, als er sich regelm&#228;&#223;ig selbst befriedigte.<br \/>\nWem sollte er jetzt beichten?<br \/>\nIn die Zeit nach ihrer R&#252;ckkehr fiel auch die Auszeit, die sie in einem Kloster nahm. Der Anlass h&#228;tte ihm damals die Augen &#246;ffnen m&#252;ssen, dass ihre Beziehung durch irgendetwas au&#223;erhalb gest&#246;rt war, etwas, worauf er keinen Einfluss hatte. Er hatte ihnen beiden zu Weihnachten \u2013 um ihre gemeinsame Sexualit&#228;t wieder zu erwecken \u2013 ein Aufkl&#228;rungsbuch &#252;ber Sexualpraktiken geschenkt. Sich eines, wie man eine Frau sexuell gl&#252;cklich machen kann &#8211; er fand darin wenig Neues -, ihr jenes, wie man einen Mann sexuell befriedigen kann &#8211; vermutlich war darin f&#252;r sie doch einiges neu, zumindest dann, wenn man es mit den von ihr gepflegten Formen des Beisammenseins vergleicht. Er hatte auch nach &#252;ber drei&#223;ig Jahren noch immer das Gef&#252;hl, dass sie nicht wusste, wie man es einem Mann richtig mit der Hand machen kann. Er versuchte, blaue Stunden zu arrangieren, ein gemeinsames Bad, ein gegenseitiges Massieren mit Bodylotion. Alles zu tun, um einen Funken sexueller Erregung in ihr zu finden.<br \/>\nAn diesem Tag \u2013 es war ein Sonntag \u2013 hatte er geduscht und sie gebeten, ihn nachher mit Bodylotion einzureiben. Sie tat es. Und sie befriedigte ihn mit der Hand, weil er ihre Hand an seinen Schwanz gelegt hatte. Das war in dieser Zeit zu einer Art Signal geworden, dass er es von ihr haben wollte. Sie wollte nichts von ihm. Es war eine einseitige Angelegenheit geworden, das war ihm klar. Aber er hoffte, dass eines Tages ihr Interesse an K&#246;rperlichkeit wieder erwachen k&#246;nnte. In den zwei Wochen wurde ihm klar, warum sie damals von Missbrauch gesprochen hat, ein Wort, dass sie sp&#228;ter einmal zur&#252;cknahm, das aber dazu f&#252;hrte, dass sie f&#252;r &#252;ber einen Monat in ein Kloster zog.<br \/>\nIhre Auszeit.<br \/>\nDanach war sie zu ihm zur&#252;ckgekehrt. Er hatte sie angefleht und sie war gekommen. Wieder bem&#252;hte er sich nach Kr&#228;ften, er machte nichts falsch, doch wieder war sie teilnahmslos gegen&#252;ber seinen Bem&#252;hungen. Nun, nachdem er von ihrer zweiten Beziehung \u2013 war die zu ihm &#252;berhaupt noch eine? \u2013 erfahren hatte, konnte er sich auch jenen aggressiven Ton in manchen ihrer Antworten auf v&#246;llig harmlose Fragen erkl&#228;ren, die Sch&#228;rfe, mit der sie in vielem reagierte.<br \/>\nEr konnte beobachten, dass selbst ihr Sohn, wenn er &#252;ber ein Wochenende auf Besuch war, bei ihren Reaktionen zusammenzuckte. Bei seinem letzten Besuch vor den zwei Wochen hatte er einige Male sogar verbal reagiert, indem er sie aufforderte, sich zu beruhigen, aber sie hatte seine Bitte nicht einmal registriert. So sehr war sie offensichtlich mit ihren Gedanken in einer anderen Welt, in der alles st&#246;rte, was nicht ihres war.<br \/>\nIhre heftigen Reaktionen waren auch Ausdruck der Spannung, mit ihm in einer Welt der L&#252;gen und Heimlichkeiten zu leben. Auch wenn sie blo&#223; diese Nischen, die sie f&#252;r den anderen eingerichtet hatte \u2013 ein Telefonat, eine t&#228;gliche SMS, ein kurzes Treffen in einem Kaffeehaus, ein Urlaubstag von der Arbeit -, vor ihm verschweigen musste, war ihr trotz der schon lange vollzogenen inneren Trennung klar, dass dieses Dreieck auf Dauer nicht funktionieren konnte. In manchen Momenten hatte sie vielleicht sogar Mitleid mit ihm, der er nichts ahnte. In dieser Situation der Spannung begannen alle Dinge, die er f&#252;r sie tat, zur Belastung zu werden. Ihr war klar, dass es unrecht war, bei ihm zu wohnen und mit ihm sogar zu schlafen, gleichzeitig aber an einen anderen zu denken, einen anderen zu lieben. Liebte sie ihn oder war er blo&#223; der Anker, an dem sie ihre Illusion von Liebe festmachte, die mit ihr in einem Meer eines allt&#228;glichen Lebens dahintrieb? Sie brauchte ihn und glaubte, dass er sie brauchte. Die erste Liebe im Leben eines Menschen beh&#228;lt stets eine Aura von Ewigkeit, die irgendwo drau&#223;en im Weltall noch leuchtet.<br \/>\nSie hatte vor einiger Zeit begonnen, in einer Traumwelt zu leben, was vermutlich durch das Schreiben von Erz&#228;hlungen noch verst&#228;rkt wurde, denn dort konnte sie die Welt so gestalten und erkl&#228;ren, wie sie es f&#252;r richtig hielt. W&#228;hrend die Frauentrilogie &#8211; ihr erster Roman, wie sie ihn nannte &#8211; nur wenige pers&#246;nliche Bez&#252;ge aufwies, hatte sie sich vermutlich bei der Arbeit an der M&#228;nnertrilogie in den Erz&#228;hlungen wesentlich intensiver eingebracht. Rechnete sie hier mit ihm ab? Mit M&#228;nnern? Sie habe genug von M&#228;nnern, sagte sie an jenem Tag, an dem sie den Kontakt zum anderen beendet hatte. War das jetzt anders, nachdem sie doch wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hatte?<br \/>\nSie hatte sich \u2013 und diese Erkenntnis schmeckte bitter f&#252;r ihn \u2013 seit ihren verschiedenen R&#252;ckkehren immer mehr f&#252;r das Schneckenhaus entschieden \u2013 alles andere, dass sie wieder ihrem Beruf nachging, dass sie bei ihm wohnte, ihm beiwohnte, dass sie gemeinsam ins Kino oder ins <a href=\"http:\/\/www.claudia-taller.com\/Tod-sitzt-auf-Platz-31.shtml\">Musiktheater<\/a> gingen, war blo&#223;e Fassade.<\/p>\n<p>Wie war das noch? <a href=\"http:\/\/www.claudia-taller.com\/Tod-sitzt-auf-Platz-31.shtml\">Der Tod sitzt auf Platz 31<\/a><\/p>\n<p>Und er hatte es f&#252;r eine Chance gehalten, f&#252;r seine Chance.<br \/>\nSeine Freundin, mit der er nach der \u201eR&#252;ckkehr mit leeren H&#228;nden\u201c lange telefoniert hatte, deutete mehr oder minder an, dass er doch nicht so ein Idiot sein sollte, sich wieder von ihr so an der Nase herumf&#252;hren zu lassen. Sie war &#228;u&#223;erst skeptisch, was das Arrangement mit der Wohnung in der Wohnung betraf. Sie verstand, dass es ihm lieber war, sie in der N&#228;he zu haben, aber ihrer Meinung nach war es kein richtiger Schnitt, wie er notwendig w&#228;re. Sie sollte doch in ein Hotelzimmer ziehen und dort mit der Zeit merken, dass er ihr fehlte. Und genau davor hatte er Angst: dass sie n&#228;mlich gerne allein war, seit der Zeit, in der sie in dem einen Jahr in Strasbourg nach den neunundzwanzig Ehejahren aufgebl&#252;ht war \u2013 er formulierte das so -, war sie wieder auf den Geschmack gekommen. Damals hatte sie ihm die Trennung noch damit schmackhaft machen wollen, dass es danach wieder sch&#246;ner w&#228;re, gemeinsam zu leben. Dass damit neuer Wind in ihre Beziehung k&#228;me. Aber das Gegenteil war der Fall: sie fand es befreiend. In Wien hatte sie dieses Gef&#252;hl der Freiheit wohl nicht mehr so empfunden, denn sie litt darunter, eine Wochenendehe zu f&#252;hren, die sie zwang, am Wochenende Ehefrau zu sein, w&#228;hrend sie unter der Woche ungebunden war, tun konnte, was sie wollte. Mit Neid h&#246;rte er in ihren Berichten die Konzerte und Veranstaltungen, die sie mit ihren Freundinnen besucht hatte. Was hatte er in dieser Zeit falsch gemacht? Hatte er &#252;berhaupt etwas falsch gemacht? War der einzige Fehler der, jemanden dreiunddrei&#223;ig Jahre festgehalten zu haben, der eigentlich nur in Freiheit leben konnte. F&#252;hlte sie sich trotz des kleinen gemeinsamen Gl&#252;cks nicht immer eingeschlossen in einen goldenen K&#228;fig?<br \/>\nSollte er nicht eher stolz darauf sein, dass er sie &#252;berhaupt so lange besessen hatte?<br \/>\nAuch wenn ihn seine Freundin warnte, er war dennoch wie immer unbeirrbar und glaubte an die Hoffnung. Er liebte Herausforderungen. Das war eine, die gr&#246;&#223;te in seinem Leben. Die wichtigste. Die Herausforderung war, sein Leben wieder zu erlangen.<br \/>\nZweimal hatten sie einander die Ringe an den Finger gesteckt.<br \/>\nAller guten Dinge sind drei.<br \/>\nEinmal ein Narr, immer ein Narr.<\/p>\n<p>Jahre danach wird er bei der Suche nach einer Fotografie in den alten Alben auf seinem Computer bl&#228;ttern und entdecken, dass es mindestens sieben Jahre vor den zwei Wochen begonnen haben musste, dass sie ihn mit dem anderen hinterging. Er stellte in den zahlreichen Fotos, die er von ihr gemacht hatte, eine Ver&#228;nderung fest. Fast schlagartig hatte sich ihr Blick in die Kamera ver&#228;ndert &#8211; versuchte sie vorher noch zu l&#228;cheln und ihn anzublicken, so begann sie den Blick der Kamera und damit seinen Blick zu vermeiden. Sie kniff beinahe auf allen Bildern die Augen zusammen oder schaute &#252;ber ihn hinweg. Das war lange davor geschehen, bis sie ihm offen ins Gesicht sagte, dass er sie nicht anstarren sollte, denn das hasse sie. Seinen pr&#252;fenden Blick. Er h&#228;tte es in ihren Augen erkennen m&#252;ssen. Dass sie ihm den Blick verweigerte. Die Bilder, auf denen sie gemeinsam abgebildet waren und die ihr Sohn gemacht hatte, begannen erst sp&#228;ter diese Verweigerung zu zeien. Die dr&#252;ckte sich eher in der Haltung und K&#246;rperspannung aus, die auf diesen Bildern ihr Zur&#252;ckziehen enth&#252;llten. Er wird Jahre nach den zwei Wochen auch feststellen, dass die Augen der Frauen in seinen neuen Beziehungen etwas enthielten, was er nie in ihren Augen gesehen hatte. Er wird eine tiefe W&#228;rme und Zuneigung in diesen Augen finden und beinahe resignierend all ihre alten Bilder danach durchforsten.<br \/>\nVergeblich.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-41\" style=\"margin-left: 7px; margin-right: 7px;\" title=\"tankred-dorst\" src=\"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/wp-content\/tankred-dorst.jpg\" alt=\"tankred-dorst\" width=\"212\" height=\"596\" \/>War es wirklich eine Herausforderung, zum dritten Mal mit ihr eine Beziehung zu beginnen? Zwei Jahre nach den zwei Wochen wird er es weniger als eine Herausforderung sehen denn als Abh&#228;ngigkeit. Er wird erkennen, dass es ihm niemals gelingen wird, sich von ihr zu l&#246;sen, denn dazu hatte sie ihn zu lange in einer Abh&#228;ngigkeit gehalten. Er er erkannte allm&#228;hlich, dass sie es mit einer unbewussten Raffinesse &#252;ber all die Jahre hinweg geschafft hatte, ihn in eine freiwillige Abh&#228;ngigkeit laufen zu lassen. Wie er aus einer fr&#252;heren Beziehung wusste, war ihm H&#246;rigkeit nicht fremd. Doch diese H&#246;rigkeit hatte sich aus der Befriedigung der damit verbundenen Sehns&#252;chte und W&#252;nsche gen&#228;hrt.<br \/>\nDie Abh&#228;ngigkeit von ihr war anders, hatte einen anderen Weg in sein Innerstes gefunden und sich dort eingenistet.<br \/>\nDie Ursache seiner Abh&#228;ngigkeit fand er in der von ihr gehegten Unzug&#228;nglichkeit, die sie in ihrer Beziehung stets zu bewahren wusste. Dadurch, dass sie nichts von sich als Person preisgab, erzeugte sie eine in dem Zusammenleben mit ihr beinahe notwendigerweise entstehende Neugier, die ihn ewig hoffen aber nie erreichen lie&#223;. Die Hoffnung mochte zu Beginn ihrer Beziehung noch auf recht konkrete Dinge bezogen gewesen sein, aber sie machte sich allm&#228;hlich selbst&#228;ndig &#8211; l&#8217;art pour l&#8217;art. Er machte sich in dieser Hoffnung zum Narren und vermutlich hatte sie irgendwann an diesem Spiel die Lust verloren. So, wie der Herrscherin die ewig gleichen Scherze des Hofnarren allm&#228;hlich auf die Nerven gehen bis man sich seiner entledigt.<br \/>\nKehren Hofnarren je zur&#252;ck?<br \/>\nNun erkannte er auch, warum sie solche Macht &#252;ber ihn besessen hatte und diese auch lange nachdem sie ihn schon verlassen hatte immer noch besa&#223;: Sie hatte Zeit ihrer Verbindung Hoffnungen in ihm erweckt, ohne je daran zu denken, sie irgendwann auch erf&#252;llen zu m&#252;ssen. Sie tat das nicht bewusst, sondern es ergab sich aus der Art und Weise, wie sie ihr Innerstes vor ihm sch&#252;tzte. Sie machte ihm Hoffnungen auf Ver&#228;nderungen und blieb doch immer die Gleiche. Ihm schien jede von ihr gesch&#252;rte Hoffnung wie die wei&#223;e Wintersonne, die durch einen grauen Schleier am Himmel von der M&#246;glichkeit des Scheinens und der W&#228;rme spricht, aber doch am Abend am Horizont versinkt, ohne sich gezeigt zu haben.<br \/>\nEines Tages hat er wohl vergessen, worauf er &#252;berhaupt hoffte. Aber es war keine Resignation und keine innere Emigration. In ihm brannte noch immer eine Flamme, die sich von den Allt&#228;glichkeiten n&#228;hrte, den Selbstverst&#228;ndlichkeiten, auch seiner Aufopferung und seinem Perfektionismus. Er organisierte sich und die Abl&#228;ufe &#8211; insbesondere in der Zeit der beruflichen Tennung &#8211; nach diesem Prinzip, alles ihretwegen zu tun. Schlie&#223;lich &#252;berantwortete er alles an eigener Hoffnung ihrer Macht &#252;ber ihn.<br \/>\nEs wurde ihm mit einmal auch klar, warum das letzte Jahr nach ihrer R&#252;ckkehr aus Wien schiefgehen musste, denn er hatte sich in seiner Naivit&#228;t Objekte der Hoffnung gesucht, Konkretes, auf, das sich seine Sehns&#252;chte beziehen konnten. Sie hatte sich aber aus Wien gar nicht mitgebracht und verweigerte sich immer mehr, wodurch sie ohne es zu wollen seine Hoffnung noch mehr sch&#252;rte.<br \/>\nAls er lange nach ihrer Trennung ein Plakat des Serapionstheaters in ihrer Wohnung studierte, das dort seit dem Bezug der gemeinsamen Wohnung wegen des ungew&#246;hnlichen Formates an der Innenseite der Klosettt&#252;r hing und das er wohl tausende Male betrachtet hatte, fiel ihm die Prophetie der Darstellung auf: eine Frau hebt vom Boden ab, w&#228;hrend ein nur undeutlich im Hintergrund sichtbarer Mann am Boden liegend ihr dabei zuschaut. Und noch mehr ber&#252;hrte ihn die Prophetie des darauf befindlichen Ausspruches von Tankred Dorst :<br \/>\nEinen Schatten halte ich umarmt; einen Wahn habe ich gefreit und einen Traum besessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Betrug schmerzte ihn besonders, da er in jene Phase ihrer Beziehung fiel, in der er aus den Fehlern der Vergangenheit &#8211; vor allem aus der Zeit unmittelbar vor Strasbourg und Wien &#8211; Lehren ziehen wollte. Dass er es dieses Mal \u2013 wie oft eigentlich schon &#8211; besser machen wollte. 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