{"id":22,"date":"2008-07-28T17:24:49","date_gmt":"2008-07-28T15:24:49","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=22"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"ix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=22","title":{"rendered":"IX Zweifel.Los"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wo zwei sind, da ist auch schon der Zweifel.<br \/>\n<em>Samuel Beckett<\/em><\/p>\n<p>Warum gelang es ihm seit jener Entdeckung nicht mehr, ihr zu vertrauen? War er ob seiner Naivit&#228;t, Arglosigkeit, Sorglosigkeit, Selbstgef&#228;lligkeit, Erstarrung in den letzten Jahren so schwer getroffen? War seine Phantasie nun so allm&#228;chtig, dass sie ihn hinter jeder Minute der Trennung einen neuerlichen Verrat bef&#252;rchten lie&#223;?<br \/>\nAn einem Tag nach den zwei Wochen wird sie das Auto nehmen, damit sie zu einer Feier anl&#228;sslich der Renovierung eines Jugendwohnheimes als Vertreterin der Jugendwohlfahrt, in der sie in der Stabsstelle arbeitete, fahren kann. Sie w&#252;rde ihm wie immer bei solchen Gelegenheiten abends beim Abendessen vom reichlichen Buffet dort erz&#228;hlen, dass sie deshalb keinen Hunger habe. Sie wird die &#252;blichen Abl&#228;ufe erz&#228;hlen, die bei einer solchen Er&#246;ffnung Standard sind. Von den Reden der Politiker, ihrer Abscheu gegen&#252;ber deren Floskeln \u2013 jahrelang ist sie &#252;ber einen Politiker, dessen Partei er nahe stand und den er wegen seiner schmallippigen Art zwar nicht mochte, aber objektiv gesehen bewunderte, fast t&#228;glich bei der Zeitungslekt&#252;re hergezogen, fast schien es, nur um ihn zu provozieren. Und er wird ihrer Erz&#228;hlung von der Heimer&#246;ffnung zuh&#246;ren und \u2026 zweifeln. Hat sie sich wieder mit ihm getroffen?<br \/>\nDas Misstrauen war in den Alltag eingekehrt.<br \/>\nWoher sollte neues Vertrauen kommen?<br \/>\nWie k&#246;nnte sie ihm beweisen, dass sie es Ernst mit der Entscheidung meinte, dass sie trotz der tristen Aussichten \u2013 wie sie es nannte &#8211; weiter mit ihm zusammenleben wird.<br \/>\nErscheint es ihm so unglaubw&#252;rdig, dass sie sich f&#252;r ihn entscheidet?<br \/>\nProjizierte er seine Selbstzweifel in sie?<br \/>\nWie weh tat es ihm, wenn sie von seinem Alter sprach, nichts mehr fand sie an ihm, was sch&#246;n und attraktiv w&#228;re. Er merkte, dass sie sich um so viele Jahre j&#252;nger f&#252;hlte, dass sie im Gegensatz zu ihm noch jugendlich w&#228;re. Und sie lie&#223; es ihn bei jeder Gelegenheit f&#252;hlen. Was n&#252;tzte es ihm, in den letzten Jahren so viel f&#252;r sein Aussehen getan zu haben, nachdem sie ihm einmal resignierend gesagt hatte, dass sie es aufgegeben h&#228;tte, etwas zu seinem Aussehen zu sagen. Am Ende ihres Jahres in Strasbourg hatte er in einer Gewaltaktion innerhalb von drei Monaten siebenundzwanzig Kilogramm abgehungert, um f&#252;r sie attraktiver zu werden.<br \/>\nNach diesen zwei Wochen wird er drei Jahre sp&#228;ter genau jenes Gewicht wieder haben. Am Beginn der zwei Wochen brachte er jene vier Kilogramm mehr auf die Waage, die er in diesem Sommer w&#228;hrend des gemeinsamen Urlaubs \u2013 war dieser nicht harmonisch verlaufen? &#8211; zugelegt hatte. Zynisch wird er schlie&#223;lich denken: Auch eine Methode.<br \/>\nEr hatte sich nach seiner Radikalkur neue Bekleidung gekauft, Kleidung, die jugendlicher war. Doch ihre Reaktion darauf war entt&#228;uschend, denn sie w&#252;rdigte zwar die Kleidung, befand aber seine hager gewordenen Gesichtsz&#252;ge als h&#228;sslich.<br \/>\nSchon vor den zwei Wochen hatte er begonnen, hie und da Kosmetika zu verwenden, die seine Falten auff&#252;llten. Sie verwendete solche schon lange, wenn auch mit m&#228;&#223;igem Erfolg. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und mit ihr verglich \u2013 er hatte erst in den letzten Jahren damit begonnen -, wirkten seine Gesichtshaut und auch die Haut seines K&#246;rpers wesentlich j&#252;nger als ihre. Die Haut ihres Gesichtes und des Halses bis zum Brustansatz war durch ihr exzessives Sonnenbaden irreparabel gesch&#228;digt &#8211; sie war zeitlebens s&#252;chtig nach Sonne, obwohl ihre Augen gegen grelles Licht &#228;u&#223;erst empfindlich waren. Sie wusste das, hielt in sich aber immer noch die Illusion aufrecht, jugendlicher als er zu wirken. Wenn sie ihrer beiden H&#228;nde verglich, musste sie sich diese L&#252;ge eingestehen. Jugendlich war an ihr ihr gef&#228;rbtes Haar, deren nat&#252;rlichen und jugendlichen Locken sie immer wieder durch Chemie und Brennst&#228;be vom Friseur auf glatt und somit auf alt deformieren lie&#223;. Er hatte es ihr zwar manchmal gesagt, dass sie dadurch den unz&#228;hligen &#228;ltlichen Frauen glich, die damit modischen Chic demonstrieren wollen, in Wahrheit aber eine Maske aufsetzten, unter der man ein noch h&#246;heres Alter vermutete, als es tats&#228;chlich vorlag.<br \/>\nIn diesen zwei Wochen erlebte er eine radikale Wende in seiner Wahrnehmung. Pl&#246;tzlich sah er nur mehr die Falten im Gesicht und an den H&#228;nden, ihre schlaffen und welken Arme, die etwas zu kurz geratenen Finger, die wie die einer Siebzigj&#228;hrigen wirkten &#8211; seine H&#228;nde w&#228;ren &#252;brigens das Sch&#246;nste an ihm, hatte sie einmal festgestellt -, den verbrannten Hals und das Kinn wie faltiges, abgenutztes Leder. Vor den zwei Wochen waren beide in seiner Wahrnehmung im Einklang gealtert und er hatte immer wieder gedacht und selten auch gesagt, dass sie trotz der Falten sch&#246;n sei und dass sie sich auch nicht die Haare f&#228;rben m&#252;sste, denn vermutlich w&#228;re ihr das langsam ergrauende wesentlich besser gestanden als das Einheitsblond.<br \/>\nW&#228;hrend der fast zwei Jahre ihrer Berufst&#228;tigkeit in Wien &#8211; er erlebte es als Fortsetzung Strasbourgs, auch wenn eine Wochenendbeziehung daraus wurde, eine l&#228;stige Pflicht f&#252;r sie, an beinahe allen Wochenenden mit ihm schlafen zu m&#252;ssen &#8211; entdeckte sie pl&#246;tzlich P&#252;nktchen und Flecken an ihrem K&#246;rper. Sie lie&#223; sich einen v&#246;llig unscheinbaren winzigen Punkt, den man f&#252;r eine Sommersprosse halten konnte und der auf den Fotos des letzten Sommers kaum sichtbar war &#8211; im Gesicht entfernen, einige Blutschw&#228;mmchen am Oberk&#246;rper und auch einen kleinen warzenf&#246;rmigen Auswuchs neben ihrer Scheide, der fr&#252;her unter ihrem dichten Schamhaar verborgen gewesen war und den nur seine Zunge kannte und liebte. Nachdem sie begonnen hatte, auch ihr Schamhaar zu trimmen, war dieser Makel offensichtlich geworden. Er musste beseitigt werden.<br \/>\nIn den zwei Wochen wird er denken, dass sie es nicht f&#252;r sich oder gar f&#252;r ihn, sondern allein f&#252;r \u201eihn\u201c getan h&#228;tte. Er f&#252;hlte den Hass auf den Nebenbuhler, der sich in ihrem Kopf und in ihrem Herzen eingenistet hatte und der sie nun herrichtete wie eine Schaufensterpuppe oder f&#252;r den sie sich eine uncharakteristische glatte Oberfl&#228;che zulegen wollte. War er nicht auch so ein austauschbarer Businessman ohne herausragendes Merkmal? Als er seine Schwiegermutter nach einer Beschreibung fragte \u2013 er hatte ihn sich bis zu diesem Zeitpunkt als zwar &#228;lteren aber doch recht attraktiven, eleganten, gro&#223;gewachsenen, eher hageren Typ mit vollem dunklen Haar vorgestellt, von denen er in all den Jahren gemerkt hatte, dass sie diese oft aus den Augenwinkeln beobachtete -, konnte sie sich an keine charakteristische Einzelheit seines &#196;u&#223;eren erinnern, obwohl sie ihn vor nicht allzu langer Zeit getroffen hatte und ihm die Jahre hindurch immer wieder begegnet war. V&#246;llig unauff&#228;llig, meinte sie.<br \/>\nF&#252;r diesen Mann wurden nun alle Kleinigkeiten, die sie charakteristisch und f&#252;r ihn auch liebenswert machten, wurden getilgt.<br \/>\nHatte er ihr denn je vermittelt, dass sie nicht vollkommen w&#228;re?<br \/>\nHatte er sich in den letzten Jahren nie gefragt, warum sie eine andere sein wollte?<br \/>\nTrauerte sie in allem einem verschwendeten Leben, einer verschwendeten Liebe nach?<br \/>\nEr trug in seiner Brieftasche noch immer ein Bild von ihr aus den ersten Tagen bei sich. Im B&#252;ro standen zwei Bilder, eines aus der fr&#252;hen Zeit, eines aus der Kindheit Fabians, in welchem sie sich beide fr&#246;hlich anlachen. Wie sehr hatte er allein ihr Gesicht geliebt &#8211; sie war stolz auf ihre hoch stehenden Wangenknochen, die angeblich bis ins hohe Alter erhalten bleiben und stets j&#252;nger machen sollten.<br \/>\nAlles war dahin.<br \/>\nEr sah nur mehr die herabh&#228;ngenden Hamsterbacken und die Tr&#228;nens&#228;cke unter den Augen, die wie ineinander verschlungene W&#252;rmer herabhingen, wenn sie sich &#252;ber ihn beugte. Selten genug tat sie das. Vor einem Jahr hatte sie beklagt, dass ihre schlaffen Augenlider &#8211; ein Charakteristikum ihrer Familie &#8211; h&#228;sslich w&#228;ren und auch korrigiert werden m&#252;ssen.<br \/>\nFand sie, dass sie f&#252;r \u201eihn\u201c nicht jung genug wirkte?<br \/>\nKam sie sich als &#228;ltliche Geliebte l&#228;cherlich vor?<br \/>\nEr hatte es bald aufgegeben, sie davon abzuhalten, sondern hatte sogar ein oder zweimal nachgefragt, wann es denn nun soweit w&#228;re mit der Operation. Ein Jahr danach wird er sie bei einem Treffen genau betrachten, nach Spuren von solchen kosmetischen Korrekturen suchen, und konstatieren, dass sie offenbar darauf verzichtet hatte. Hatte sie resigniert?<br \/>\nUnd ein Paradox wurde ihm bewusst: Ein Merkmal ihres Gesichts waren einige etwas schr&#228;g gestellte Z&#228;hne, die ihrem L&#228;cheln einen besonderen, einen unverwechselbaren Touch verliehen. Vor wenigen Jahren hatte sie eine radikale Korrektur machen lassen, so dass sie jetzt ein uniformes, glattes L&#228;cheln besa&#223; wie viele Menschen in diesem Alter. Wenn sie sprach, wirkte es danach auf ihn wie ein k&#252;nstliches Gebiss, denn der Ausdruck ihres Gesichtes war gepr&#228;gt vom Produkt eines Zahntechnikers.<br \/>\nDas war nicht mehr sie, der er einst begegnet war, und die sich an seiner Seite langsam ver&#228;ndert hatte, so langsam, dass man es gar nicht wahrnahm.<br \/>\nWar er endlich aufgewacht aus dieser Illusion, dass Liebe ewig dauern kann, dass sie immer dieselbe sein w&#252;rde, wie damals \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo zwei sind, da ist auch schon der Zweifel. Samuel Beckett Warum gelang es ihm seit jener Entdeckung nicht mehr, ihr zu vertrauen? War er ob seiner Naivit&#228;t, Arglosigkeit, Sorglosigkeit, Selbstgef&#228;lligkeit, Erstarrung in den letzten Jahren so schwer getroffen? 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