{"id":20,"date":"2008-07-28T17:23:58","date_gmt":"2008-07-28T15:23:58","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=20"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"xi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=20","title":{"rendered":"XI"},"content":{"rendered":"<p>Vom Dom l&#228;uteten  wie jeden Tag die Glocken um sieben Uhr morgens, als sie an diesem Freitag \u2013 wie immer an einem Freitag, nachdem sie nicht mit ihm gemeinsam im Schlafzimmer sondern im Wohnzimmer geschlafen hatte &#8211; , in die B&#228;ckerei Hart ging, um zu fr&#252;hst&#252;cken und die Zeitung zu lesen. Sie w&#252;rde sich einen Cafe Latte und ein dunkles Geb&#228;ck bestellen, das sie dann mit Butter bestrichen verzehrte.<br \/>\nEr hatte in der Nacht davor bis drei Uhr fr&#252;h wach gelegen.<br \/>\nTrotz seiner tr&#246;stlichen Absicht, ihr noch eine Chance zu geben, waren seine Gedanken wie in einem au&#223;er Kontrolle geratenen Karroussel gekreist.<br \/>\nBin ich es, der Chancen vergibt? Das hatte er sich schon &#246;fter gefragt.<br \/>\nEr hatte sie wie beinahe immer an solchen Tagen geh&#246;rt, als sie ein zwei Minuten vor Sieben das Haus verlie&#223;, wie immer die Zeitung, die allmorgendlich vom Zeitungsaustr&#228;ger in den daf&#252;r vorgesehenen Zeitungshalter gesteckt worden war, auf den Stuhl im Vorzimmer legte und dann die Wohnungst&#252;re vorsichtig versperrte.<br \/>\nEr wusste, als er die Glocken der Stadpfarrkirche h&#246;rte, dass sie in diesem Augenblick &#252;ber den Domplatz in Richtung B&#228;ckerei ging, die am anderen Ende des Platzes lag. Er h&#246;rte ihre Schritte auf dem Kopfsteinpflaster und sah ihre blonden Haare, die dabei im Rhythmus ihrer Schritte auf und niederwippten.<br \/>\nMeist stand er mit dem Siebenuhrl&#228;uten des Doms auf.<br \/>\nAls sie an diesem Freitag \u2013 dem ersten in den zwei Wochen &#8211; das Haus verlassen hatte, war er ebenfalls aufgestanden und fand in der K&#252;che, in die er zuerst ging, um den Kaffee in der Espressomaschine zuzustellen, auf dem in der Mitte des Raumes stehenden Herd wie &#252;blich, den Einkaufszettel liegen. An Freitagen, an denen er nicht an seinem Arbeitsplatz anwesend ein musste, sondern zu Hause an seinem Computer arbeitete, ging er nach neun Uhr, nachdem die Putzfrau eingetroffen war und ihre Arbeit begonnen hatte, am Bauernmarkt am Hauptplatz und in einen nahe gelegenen Supermarkt f&#252;r das Wochenende einkaufen. Sie hatte neben den ben&#246;tigten Lebensmitteln, die schon am Vortag fixiert worden waren, ganz unten dazugeschrieben: \u201ePutzerei (bringen)\u201c. Neben dem Herd stand auf dem K&#252;chenstuhl ein Papiersack mit dem wei&#223;en Rock, den er in die Putzerei bringen sollte. Es war &#252;blich, dass er diese Besorgung f&#252;r sie erledigte, denn sie arbeitete meist bis achtzehn Uhr und die Putzerei schloss um siebzehn Uhr. Um ihren einzigen freien Nachmittag in der Woche nicht mit diesem Umweg in die Altstadt \u2013 dort lag die naheste Putzerei, nachdem die ums Eck am Domplatz geschlossen hatte &#8211; zu belasten, hatte er diese Besorgung &#252;bernommen, wobei es immer nur um ihre Bekleidung ging, da seine Kleidungsst&#252;cke in der Regel gewaschen werden und nicht in die chemische Reinigung mussten.<br \/>\nAber an diesem Freitag \u201edanach\u201c schoss ihm nur ein Gedanke durch den Kopf. Mit jener Viertelstunde, den dieser Umweg ihr an freier Zeit brachte, hatte er ihre Treffen mit ihm finanziert. Eine abgrundtiefe und verzweifelte Wut packte ihn, doch er wollte ruhig bleiben \u2013 im Kampf mit seinen widerstreitenden Gedanken atmete er schwer. Er lief ins Schlafzimmer und zog sich in Windeseile an, um sie noch in der B&#228;ckerei, wo sie fr&#252;hst&#252;ckte, zu erreichen. Es war kalt drau&#223;en und der k&#252;hle Wind beruhigte ihn ein wenig.<br \/>\nWas sollte er sagen?<br \/>\nWie sollte er es sagen?<br \/>\nWie sollte er diese gef&#252;hlte Erniedrigung in Worte fassen?<br \/>\nEr betrat die B&#228;ckerei, erwiderte knapp den Gru&#223; der Verk&#228;uferin, und fand die Gesuchte zeitungslesend im Raum neben dem Verkaufslokal, das mit zahlreichen Devotionalien aus der Kaiserzeit geschm&#252;ckt war, da der Besitzer der k.k. Hofb&#228;ckerei Hart gelegentlich seine Freizeit in einem Erinnerungsregiment an die Kaiserzeit verbrachte. \u201eGuten Morgen! Du hast etwas vergessen!\u201c Er &#252;berreichte ihr den Papiersack mit dem wei&#223;en Rock f&#252;r die Putzerei. Sie war offensichtlich so konsterniert, dass sie ihn automatisch ergriff. \u201eAch ja!\u201c war ihre knappe Antwort. Er ging ohne ein weiteres Wort. Er wusste, sie w&#252;rde ihm deshalb heute nach der Arbeit eine stille Szene machen \u2013 kaum mit Worten, ihre Blicke gen&#252;gten, um jeden Dialog zu ersticken.<br \/>\nIhr Blick hatte sich in den letzten Jahren radikalisiert. Dieser Blick kannte kein Lachen, sondern nur mehr Spott und Ironie. Wie gedem&#252;tigt fand er sich, wenn sie wieder dieses L&#228;cheln aufsetzte: \u201eAch rede nur, glaub, was du denkst! Mir ist es egal!\u201c<br \/>\nIhre Augen, die fr&#252;her so warm und herzlich dreinblicken konnten, waren in den letzten Jahren m&#252;de und glanzlos geworden. Zumindest dann, wenn sie ihn anschaute. In Gegenwart von anderen beobachtete er h&#228;ufig, dass sie im Gespr&#228;ch mit anderen wesentlich lebendiger wurden, wobei es auf die Vertrautheit ankam, die sie dieser Person gegen&#252;ber hatte.<br \/>\nFremden gegen&#252;ber, denen sie zum ersten Mal begegnete, wirkte sie &#228;u&#223;erst unsicher und unbeholfen. Sie brauchte sehr lange, bis sie ihre Scheu abgelegt hatte und in einem weniger aufgeregten Tonfall sprach.<br \/>\nEr selber kannte diese Unsicherheit auch aus eigener Erfahrung, denn er musste fr&#252;h in seiner universit&#228;ren T&#228;tigkeit, nicht nur als Lehrender, sondern auch als Teilnehmer an Kongressen und Tagungen, vor vielen Menschen sprechen. In den ersten Jahren war auch er voll Nervosit&#228;t und Unsicherheit, hatte diese Unsicherheit aber bald abgelegt, wobei er beinahe ber&#252;chtigt daf&#252;r war, dass er bei Vortr&#228;gen, die er besuchte, der erste im Publikum war, der eine Frage stellte. Auch heute noch f&#252;hlte er manchmal eine gewisse Erregung, wenn er als erster einen Kommentar zu einem Vortrag abgab.<\/p>\n<p>Zuletzt bei einer Lesung einer Kurzgeschichte, die sie in einer regionalen Kulturzeitschrift verfasst hatte, konnte er diese Unsicherheit bei ihr wieder  beobachten. Sie, die immer souver&#228;n und sicher auftreten wollte, wirkte &#228;u&#223;erst angespannt und nerv&#246;s, was zu einer gek&#252;nstelten Ausdrucksweise \u2013 sie hatte sich absichtlich vorher keine Gedanken dar&#252;ber gemacht, wie sie ihre Lesung einleiten sollte, denn sie war doch so routiniert im Moderieren \u2013 f&#252;hrte.<br \/>\nDiese Unsicherheit in ihrem Blick wird er mehr als ein dreiviertel Jahr sp&#228;ter wiederfinden, als sie gemeinsam mit ihrem Sohn an einem k&#252;hlen Sommersonntag einen Ausflug zu einer Landesausstellung machen werden. Dreimal sitzt er ihr an diesem Tag bei einem Kaffee oder Essen allein gegen&#252;ber, als der Sohn auf die Toilette gehen musste. Dreimal waren sie f&#252;r wenige Minuten allein am Tisch und schwiegen. Er blickte sie dabei nur an und dieses wortlose, von ihm bewusst freundliche Anschauen gen&#252;gte, um sie zu verunsichern, sie wieder Fremdheit sp&#252;ren zu lassen. Er war ihr fremd geworden, sie konnte seine Gedanken nicht mehr lesen wie fr&#252;her. Und das verunsicherte sie. Sie hatte die Kontrolle &#252;ber seine Gedanken verloren.<br \/>\nDie Art und Weise zu reden unterschied sie nicht allzu sehr \u2013 beide f&#252;hrten ihre Dialoge h&#228;ufig als Monolog, wenngleich sie es bei sich nicht so erlebte, sondern ihm diesen Vorwurf machte.<br \/>\nAuf Grund seiner Profession war er nat&#252;rlich ge&#252;bt, Erkl&#228;rungen wortreich und auch ein wenig umst&#228;ndlich zu formulieren, sodass sie sich h&#228;ufig im Gespr&#228;ch eingeengt f&#252;hlte und seinen Monologen widerwillig und ungeduldig folgte.<br \/>\nDabei setzte sie eben dieses L&#228;cheln der Verachtung auf, das ihn so tief traf.<br \/>\n\u201eIch komme aus einer Lehrerfamilie und hasse diese Form des Redens,\u201c hatte sie ihm in den zwei Wochen gesagt.<br \/>\nIn diesem Augenblick f&#252;hlte er sich \u2013 wie so oft in den letzten Jahren \u2013 missverstanden. Dieses Mal schwieg er einfach.<br \/>\nEr wusste seit langem von ihrer Aversion gegen diesen Gespr&#228;chsstil, denn sie hatte dabei immer das Gef&#252;hl, dass er sie in diesem Augenblick klein machte, dass sie wieder zum Kind erkl&#228;rt wurde, das man belehren muss. So sehr er sich auch bem&#252;hte, andere Gespr&#228;chsformen zu w&#228;hlen, z&#246;gerliche und schweigende, es war alles gleich: sie erkl&#228;rte ihn zum Belehrenden.<br \/>\nEr litt auch daran, dass er in den Gespr&#228;chen h&#228;ufig missverstanden wurde. Er begriff nicht, dass sie seine Diskussionen mit ihr &#252;ber ihre Arbeitsverh&#228;ltnisse, die oft in Monologen endeten,  nicht als Unterst&#252;tzung &#8211; dieses Wort konnte sie, wie sie mehrmals sp&#228;ter lautstark verk&#252;ndete, nicht mehr h&#246;ren &#8211; und Hilfe erleben.<br \/>\nEher empfand sie, dass er ihr auch noch in den R&#252;cken falle.<br \/>\nEs lag wohl nicht an seinem Gespr&#228;chsstil, sondern an ihm.<br \/>\nDarum war er hilflos und fl&#252;chtete h&#228;ufig in Schweigen.<br \/>\nDas wieder wurde als Missachtung und Trotz interpretiert &#8211; er reagiere wie ein kleines Kind. Ihre Traumata lagen offensichtlich in der Kindheit. Und diese waren mit Emotionen verkn&#252;pft, gegen die er nicht ankam.<br \/>\nWie oft hatte er auch &#8211; viele Jahre vor den zwei Wochen &#8211; versucht, mit ihr in ein tieferes, &#246;ffnendes Gespr&#228;ch zu kommen, ihr die Hand hin&#252;ber in ihre Kindheit zu reichen, indem er von seiner sprach, den Erlebnissen und den Kr&#228;nkungen damals. Sie h&#246;rte manchmal wortlos zu. Er f&#252;hlte, sie verstand sein Angebot nicht. Wovor hatte sie Angst?<br \/>\nEr hatte in den letzten Jahren gelernt, dass es sinnlos war, gegen ihre Emotionen zu argumentieren. Wenn er es nicht schaffte, einfach zu schweigen, war der Streit programmiert. Er genoss diese seltenen Situationen, wenn er gegen seine Gef&#252;hle entschieden und geschwiegen hatte, und er litt darunter.<br \/>\nEr, der es gewohnt war, klar und deutlich zu sprechen, wurde daf&#252;r von ihr gehasst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Dom l&#228;uteten wie jeden Tag die Glocken um sieben Uhr morgens, als sie an diesem Freitag \u2013 wie immer an einem Freitag, nachdem sie nicht mit ihm gemeinsam im Schlafzimmer sondern im Wohnzimmer geschlafen hatte &#8211; , in die B&#228;ckerei Hart ging, um zu fr&#252;hst&#252;cken und die Zeitung zu lesen. 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