{"id":19,"date":"2008-07-28T17:23:31","date_gmt":"2008-07-28T15:23:31","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=19"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"xii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=19","title":{"rendered":"XII Welt.Schmerz"},"content":{"rendered":"<p>Er hatte in der Nacht nach den Versen gesucht, die als Lebensmotto sein Leben und vor allem sein Lieben bestimmt hatten. Neben der katholischen Schei&#223;e, die ihm vormals eingetrichtert worden war. Das sechste Gebot. Es hatte seine Jugend ruiniert, hatte ihn zum Sklaven der in diesem Alter nat&#252;rlichen Triebhaftigkeit gemacht.<br \/>\nIn den zwei Wochen wird er erkennen, dass der in der Jugendzeit so hei&#223; ersehnte k&#246;rperliche Kontakt mit einer Frau ohne sexuellen Part eine Illusion war.<br \/>\nK&#252;sse auf den K&#246;rper einer imaginierten Geliebten und ihre K&#252;sse auf dem seinen sollten frei von jedem Begehren sein, reine Liebe, reines seelisches Verlangen.<br \/>\nEin Jahr nach den zwei Wochen wird er in einer leidenschaftlichen Beziehung zu einer verheirateten Frau ganz nahe dieser reinen, kindlichen Liebe sein, so nahe wie nie zuvor in seinem Leben. Aber diese Liebe wird zugleich schmerzlich sein in ihrer Unm&#246;glichkeit, in ihrer Ausweglosigkeit. Und dennoch s&#252;&#223; wie die wiedergewonnene Jugend.<br \/>\nDas war der Auswuchs der katholischen Vorschriften, keinen vorehelichen Verkehr zu haben. Rein zu sein und sich f&#252;r die oder den einen aufzuheben.<br \/>\nEr hatte nie im Leben eine Jungfrau geliebt \u2013 sein gro&#223;er Lebenstraum war nie in Erf&#252;llung gegangen. Nachdem er zum ersten Mal mit einer Frau geschlafen hatte, war dieser Wunsch ohnehin obsolet, denn wenn, dann h&#228;tten beide unber&#252;hrt sein m&#252;ssen.<br \/>\nSeine Initiation geschah unspektakul&#228;r und von seiner Partnerin unbemerkt, vielmehr erhielt er nachher sogar das Lob, von allen ihren bisherigen Liebhabern der beste gewesen zu sein. Er wird es ihr am Ende ihrer Beziehung gestehen, dass sie seine erste Frau war, aber sie wird es ihm nicht glauben.<br \/>\nEs sollte ihm zu Gute gehalten werden, dass er nach solchen Wachtr&#228;umen von einer reinen Begegnung mit einem M&#228;dchen nie onanierte &#8211; was er in dieser Zeit mehrmals am Tag tat -, sondern gerade die Reinheit eines solchen Beisammenseins als unendliches Gl&#252;cksgef&#252;hl imaginierte. Diese Reinheit wollte er sp&#228;ter auch in seiner Sexualit&#228;t leben, dass ihm nicht der Orgasmus das Wesentliche war, sondern der seelische Gleichklang.<br \/>\nSie hatte es nie verstanden, wenn er davon sprach.<br \/>\nSie erlebte sp&#228;ter nur seine Triebhaftigkeit, von der sie niemals wusste, wie kontrolliert diese war, wenn er bei ihr zu Werke ging. Sie sollte es sch&#246;n haben, er selber z&#228;hlte nicht. Das war das Erbteil jener pubert&#228;ren Vorstellungen. Nicht selber z&#228;hlt man, sondern nur das, was der andere f&#252;hlte. Dabei f&#252;hlte er sich rein, auch wenn er nachher zur Ejakulation kam.<br \/>\nNicht selten hatte er auf seinen Orgasmus verzichtet und war zufrieden, dass sie einen H&#246;hepunkt hatte. Das lag h&#228;ufig daran, dass er durch die L&#228;nge des <a href=\"http:\/\/www.claudia-taller.com\/Piano-Morte.shtml\">Vorspiels<\/a> und seiner kontrollierten Aktivit&#228;t die Erektion verloren hatte und in ihrer auf Grund des eingehenden Vorspiels schon flie&#223;enden Vagina keinen Widerstand mehr fand, an dem er sich h&#228;tte mechanisch erregen k&#246;nnen. Sie glaubte, sie h&#228;tten Sex miteinander, er zelebrierte ein Hochamt der Reinheit.<br \/>\nWelch Schwachsinn.<br \/>\nStets, wenn er von den Gef&#252;hlen der Kindheit und Jugend &#8211; Schuldgef&#252;hlen in der Mehrzahl &#8211; erz&#228;hlt hatte, zeigte sie Unverst&#228;ndnis. Sie war eine Evangelische, die keine Beichte und keinen Katechismus kannte, den man einmal in der Woche abarbeiten musste, um seine S&#252;nden anzukreuzen. Der Katechismus war eine Form von einem Fragebogen, wie er ihn sp&#228;ter in seinem Beruf f&#252;r seine Forschungst&#228;tigkeiten entwickeln musste.<br \/>\nFrage f&#252;r Frage wurde durchgegangen \u2013 wobei er Vater und Mutter ehrte, auch wenn er sie manchmal nicht liebte, wobei er niemanden t&#246;tete, hie und da eine Fliege, aber das war nicht zu beichten.<br \/>\nUnd als Ministrant musste man beichten. Man stand dann neben dem Beichtvater in der stillen Fr&#252;hmesse um 6:00, die zehn, zwanzig alte Weiber besuchten und betete mit ihm das \u201eIntroibo ad altare Dei &#8230;\u201c.<br \/>\nGemeinsam mit jemandem feierte man die heilige katholische Messe, der von einem aus der Beichte wusste, dass man auch an diesem Tag in seiner nat&#252;rlichen Sexualit&#228;t seinen Schwanz in der Nacht gerieben oder auch nur zwischen den Beinen eingeklemmt hatte und ein dadurch ein k&#252;mmerliches Ejakulat produzierte, das man danach mit lauwarmem Wasser beseitigen musste. Vermutlich geilte sich der Zelebrant an dieser Vorstellung auf, denn der Leiter der Ministranten und Fakulanten war selber kein Kostver&#228;chter und wurde deshalb versetzt. Nein, ihn hatte er sich nie gen&#228;hert.<br \/>\nDie auswendig und durch Repetieren unverstanden gelernten Texte der Liturgie waren bis auf einige Fragmente lange vergessen.<br \/>\nNicht vergessen hatte er das Gedicht, das er w&#228;hrend seiner Milit&#228;rzeit als eines seiner Lieblingsgedichte auswendig gelernt hatte, und dass er in jener Nacht nach und nach aus seinem Ged&#228;chtnis rekonstruierte. Den Titel \u201eErinnerung\u201c und den Autor Franz Grillparzer wird er erst nachtr&#228;glich durch googeln herausfinden, ebenso den korrekten w&#246;rtlichen Beginn der zweiten Strophe.<\/p>\n<p>Hab&#8216; ich mich nicht losgerissen,<br \/>\nNicht mein Herz von ihr gewandt,<br \/>\nWeil ich sie verachten m&#252;ssen,<br \/>\nWeil ich wertlos sie erkannt?<\/p>\n<p>Warum steht in holdem Bangen<br \/>\nSie denn immer noch vor mir?<br \/>\nWoher dieses Glutverlangen,<br \/>\nDas mich jetzt noch zieht zu ihr?<\/p>\n<p>Tausend alte Bilder kommen,<br \/>\nAch! und jedes, jedes spricht:<br \/>\nIst der Pfeil auch weggenommen,<br \/>\nIst&#8217;s darum die Wunde nicht.<\/p>\n<p>Er schrieb das Gedicht in seiner n&#228;chtlichen Erinnerung noch Heine zu &#8211; sie spottete oft dar&#252;ber, wenn er in seiner mit dem Alter nachlassenden Erinnerung einmal irrte und kommentierte den Irrtum nachtr&#228;glich mit einem \u201ees ist sinnlos, dir zu widersprechen\u201c. Er verwechselte es in dieser Nacht mit dem \u201eAtlas\u201c, ein Gedicht, dass er ebenfalls in dieser Zeit bei Wachdiensten auswendig gelernt hatte, um sich die Zeit zu vertreiben. Dieses Gedicht Heines charakterisierte weniger seine Beziehungen zu Menschen sondern jene zur Welt im Allgemeinen. Damals hatte er in sternklaren N&#228;chten mitten auf einem Truppen&#252;bungsgel&#228;nde, auf dem er die Munitionsbunker bewachen sollte, Allmachtsphantasien und weltumspannende Phantasien.<\/p>\n<p>Ich ungl&#252;cksel&#8217;ger Atlas! Eine Welt,<br \/>\nDie ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen,<br \/>\nIch trage Unertr&#228;gliches, und brechen<br \/>\nWill mir das Herz im Leibe.<\/p>\n<p>Du stolzes Herz, du hast es ja gewollt!<br \/>\nDu wolltest gl&#252;cklich sein, unendlich gl&#252;cklich,<br \/>\nOder unendlich elend, stolzes Herz,<br \/>\nUnd jetzo bist du elend.<\/p>\n<p>Dieses Leiden am Leben wie an der Liebe n&#228;hrte fr&#252;h seine pubert&#228;ren romantischen Vorstellungen davon, wie beide im Idealfall beschaffen sein sollten. Sie begr&#252;ndeten eine intime Irrationalit&#228;t in allem, was er dachte und f&#252;hlte.<br \/>\nEr genoss es, wenn ihn niemand verstand oder jemand ihn falsch verstand, denn diese Position des Leidens an den anderen befl&#252;gelte seine Phantasie.<br \/>\nWenn er gl&#228;ubiger gewesen w&#228;re, h&#228;tte er sich nur am Kreuz wohl gef&#252;hlt.<br \/>\nAus dieser Lust am Schmerz glaubte er bis zu diesen zwei Wochen, dass es Liebe w&#228;re, wenn man leidet. Dass es Liebe w&#228;re, wenn man den anderen ertr&#228;gt, obwohl er unertr&#228;glich war, immer unertr&#228;glicher wurde.<br \/>\nSie war schon lange unertr&#228;glich in ihrer Gier nach Selbstverwirklichung, die in seinen Augen eine Flucht vor sich selber war, die manifestierte, dass sie noch nie in ihrem Leben eine Entscheidung hatte treffen m&#252;ssen, sondern immer &#252;ber sie entschieden wurde.<br \/>\nAuch als sie sich nach acht Jahren des Zusammenlebens f&#252;r die Ehe mit ihm entschieden hatte war es eigentlich nicht ihre Entscheidung. Sie hatte einfach die Fragen satt, wann denn endlich \u2026 Sie hatte es satt, nur eine Lebensgef&#228;hrtin zu sein. Und sie wusste, dass er es wollte. Sie glaubte damals, sie t&#228;te es aus Liebe. Sie war &#252;berzeugt davon, dass sie endlich Frieden finden w&#252;rde vor ihrer Sehnsucht, die in ihr wohnte. Sie wollte lieben, lieben, lieben \u2026 Und sie liebte.<br \/>\nMit dieser Liebe zu ihm zerbrach in ihr auch der komplement&#228;re Traum nach grenzenloser Freiheit, den sie wohl in ihrer Jugend mit dem Gef&#252;hl der Liebe verbunden hatte. Freiheit und Liebe, gingen diese beiden nicht zusammen?<br \/>\nWar denn Liebe nicht Freiheit?<br \/>\nDamals, als sie pl&#246;tzlich begann, von Ehe und Hochzeit zu sprechen, war er &#252;berrascht \u2013 er hatte es nach der langen Zeit des Zusammenseins und -lebens nicht mehr zu hoffen gewagt. Er zweifelte im ersten Augenblick auch, ob sie es ernst meinte, ob sie mit ihrem Unabh&#228;ngigkeitsdrang sich diese Fessel auferlegen k&#246;nnte. Er erlebte sie wie einen Vogel, der im K&#228;fig ungl&#252;cklich war. Und eine Ehe war bis zu einem gewissen Grad ein K&#228;fig, da konnte man noch soviel herumintellektualisieren wie man wollte. Er wusste das und frage sich ernsthaft, ob er sie aus Liebe vor diesem Schritt, den sie nun zu wollen schien, bewahren sollte. Denn er hatte bis zu diesem Zeitpunkt gelernt, mit ihrem Freiheitswillen zu leben, obwohl er sich innerlich nach der Verbindung sehnte.<br \/>\nEr schob die kurz auftauchenden Bedenken, sie in solchen Fesseln zu sehen, dennoch beiseite, vor allem, weil er die Kommentare ihrer Umgebung von \u201ewilder Ehe\u201c nicht mehr h&#246;ren konnte, und auch den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind hegte, der wohl auch f&#252;r sie ausschlaggebend war \u2013 zumal sie in einem Alter war, in welchem man in der Regel schon ausgewachsene Schulkinder hatte -, und machte sich mit ihr auf den Weg.<br \/>\nF&#252;nfundzwanzig Jahre vor diesen zwei Wochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hatte in der Nacht nach den Versen gesucht, die als Lebensmotto sein Leben und vor allem sein Lieben bestimmt hatten. Neben der katholischen Schei&#223;e, die ihm vormals eingetrichtert worden war. Das sechste Gebot. Es hatte seine Jugend ruiniert, hatte ihn zum Sklaven der in diesem Alter nat&#252;rlichen Triebhaftigkeit gemacht. In den zwei Wochen wird [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-19","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":123,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19\/revisions\/123"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}