{"id":18,"date":"2008-07-28T17:23:04","date_gmt":"2008-07-28T15:23:04","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=18"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"xiii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=18","title":{"rendered":"XIII Lebens.Angst"},"content":{"rendered":"<p>Sie hatte in Strasbourg zu schreiben begonnen. Heimlich zuerst, es vor ihm aber nicht vor anderen verbergend. Wohl auch nicht vor \u201eihm\u201c, wie er in den zwei Wochen dachte.<br \/>\nSie begr&#252;ndete es damit, dass sie durch das Schreiben die unertr&#228;gliche Situation ihrer irgendwann notwendigen R&#252;ckkehr zum verhassten Beruf und wohl schon damals ungeliebten Ehemann bew&#228;ltigen wollte. Es w&#252;rde lange dauern, bis er einen Text von ihr lesen durfte. Erst dann, als sie die Zusage von einem kleinen Verlag erhalten hatte, drei Erz&#228;hlungen als einen Roman zu ver&#246;ffentlichen. Sie begr&#252;ndete die Heimlichkeit damit, dass sie sich von ihm nichts zerst&#246;ren lassen wollte.<br \/>\nF&#252;r sie war er ein Zerst&#246;rer.<br \/>\nHier war sie wieder, diese Angst. Die Angst vor Zerst&#246;rung, ihrer Zerst&#246;rung.<br \/>\nEr litt unter diesem Vorwurf. Bitterkeit stieg in ihm hoch, als sie abermals ihre ganze Lebensangst, diese Angst vor Verletzungen, in ihn projizierte. Er, der dreiunddrei&#223;ig Jahre an ihrer Seite gelebt hatte. Der in den letzten Jahren in einem allm&#228;hlichen Prozess der Selbsterniedrigung begonnen hatte, all das Selbstbewusstsein und den Stolz, die er nach vielen Niederlagen in seinem Leben m&#252;hsam erarbeitet hatte, zu zerst&#246;ren. Es war ein langsamer Prozess der Selbstzerst&#246;rung, die aus ihm einen sentimentalen Idioten gemacht hatte, der er nun in den zwei Wochen war. Sie spottete dar&#252;ber, dass er in Selbstmitleid zerfl&#246;sse, wenn wieder einmal in einem Gespr&#228;ch seine Tr&#228;nen flossen. Wie wenig verstand sie von Liebe und der Trauer um ihren Verlust. Sie, die Zeit ihres Lebens eine Nehmende war, eine andere Menschen Verschlingende, sie hatte es bei ihm beinahe auch geschafft. Der Zorn in den letzten Jahren r&#252;hrte teilweise aus ihrer Hilflosigkeit her, dass es ihr nicht gelang, seine Liebe zu ihr oder das, was von dieser noch &#252;brig war, zu zerst&#246;ren.<br \/>\nSie f&#252;hlte seine Liebe wie eine Krake, die sie festhielt und ihr den Atem nahm.<br \/>\nWarum liebte er sie? Sie, die ihn nicht liebte!<br \/>\nImmer wieder warf sie ihm dieses Faktum an den Kopf, immer wieder wies sie all seine Versuche zur&#252;ck, sie aus ihrem Gef&#228;ngnis ihrer Angst zu befreien.<br \/>\nAls sie ihm die drei Erz&#228;hlungen zum Lesen gab, die als Frauentrilogie erscheinen sollten, versuchte er von seiner Rolle als Partner abzusehen &#8211; sofern das &#252;berhaupt m&#246;glich war &#8211; und gab ihr eine sprachliche und literaturwissenschaftliche R&#252;ckmeldung. Er hatte vor seinem Psychologiestudium Germanistik studiert und seit seiner Jugend immer wieder Texte ver&#246;ffentlicht, zuletzt auch im Internet in einem von ihm entwickelten Ezine-Format. Der H&#246;hepunkt seines literarischen Lebens war die eher missgl&#252;ckte Auff&#252;hrung eines Theaterst&#252;ckes am Grazer Landestheater, das er f&#252;r einen Wettbewerb geschrieben hatte und &#252;berraschenderweise unter den Siegern war. Damals hatte sie sich mit ihm noch gefreut.<br \/>\nEr versuchte in ihren Texten auch sie zu finden. Nicht nur in dem ruhelosen Erz&#228;hlstil, der den Leser forderte und der ihrem Wesen entsprach, sondern auch in den Personen, die sie hier inszenierte.<br \/>\nVon den drei Texten fand er nur den zweiten gut gelungen, der erste war zu konstruiert und der letzte zu wissenschaftlich, bei dem man die Recherche in beinahe jedem Absatz bemerkte. In keiner der drei Frauen fand er sie, denn es war h&#228;ufig dieser sezierende Blick, gerichtet auf das Ungl&#252;cks anderer Menschen. Sie wanderte in ihren Erz&#228;hlungen durch fiktive Menschenschicksale der in den letzten Jahren begonnenen Freundschaften zu Frauen, wobei sie diese wie Schachfiguren hin und herschob.<br \/>\nDie drei Texte passten nicht wirklich zusammen  &#8211; was sie auch selber eingestand &#8211; und er hatte Bedenken, dass dieser \u201eRoman\u201c als Erstling ihr eher die Chancen auf weitere Ver&#246;ffentlichungen verstellen k&#246;nnte, allerdings wagte er es nicht, das auch nur anzusprechen. Wenn den drei Frauen etwas gemein war, dann war es der Verlust und die Suche nach etwas, was nicht zu finden war. Hier glich der Duktus ihrer Erz&#228;hlungen ihrem Leben. Sie war auf der Wanderschaft zwischen Menschenschicksalen, beobachtete diese, sezierte sie, arrangierte sie und zog weiter.<br \/>\nNur ihm war es gelungen, sie zu halten. Dreiunddrei&#223;ig Jahre.<br \/>\nHatte er sie zu wenig festgehalten?<br \/>\nHatte er sie zu sehr festgehalten?<br \/>\nNicht von ungef&#228;hr schrieb sie zur gleichen Zeit an einem anderen Text &#252;ber einen Flaneur, den sie f&#252;r den Wettbewerb einer lokalen Literaturzeitschrift verfasste. Die erste Fassung wies sehr viele holprige Formulierungen und stilistische Bruchstellen auf und verlor an vielen Stellen das Thema. Nach dem Misserfolg beim Wettbewerb &#8211; sie war bei der zur Ver&#246;ffentlichung des Zeitschriftenbandes veranstalteten Lesung anwesend und kritisierte nachher im Gespr&#228;ch mit ihm heftig die Autoren und Autorinnen, dass ihr Text mindestens genau so gut sei -, verfertigte sie nach seiner betont sachlichen R&#252;ckmeldung eine bereinigte Fassung. Diese hat sie abermals bei einem Wettbewerb eingereicht, der w&#228;hrend der zwei Wochen noch lief.<br \/>\nObwohl sie im Gegensatz zu ihm ihre Texte meist mit der Hand vorschrieb, nutzte sie jetzt auch den Laptop, den er ihr vor einem Jahr geschenkt hatte.<br \/>\nEr hatte ihr am Geburtstag eine Homepage auf ihren M&#228;dchennamen &#8211; sie wollte ihre Texte ausschlie&#223;lich unter diesem ver&#246;ffentlichen &#8211; geschenkt, mit der sie ihre schriftstellerische T&#228;tigkeit, die allm&#228;hlich gegen&#252;ber dem Erwerbsberuf in den Vordergrund trat, unterst&#252;tzen konnte. Vermutlich erlebte sie das ebenfalls als Einmischung.<br \/>\nW&#228;hrend der letzten Zeit &#8211; in diese zwei Wochen fiel auch die Verschiebung der Publikation ihres ersten Romans auf das n&#228;chste Jahr &#8211; arbeitete sie an einer M&#228;nnertrilogie.<br \/>\nDiese hielt sie vor ihm verborgen und nur hie und da erhaschte er einen Namen. Im Altpapier fand er manchmal einen handgeschriebenen Zettel, den er kaum entziffern wollte und konnte. Soviel war ihm aber klar. Auch hier wurden Menschen aus ihrer Umgebung seziert. Ob er darunter war &#8211; ja er wird darunter sein, dessen war er sich sicher, denn er ist wohl das Hauptobjekt ihrer Verarbeitung des Lebens durch Schreiben.<br \/>\nOb sie auch &#252;ber den Mann schreiben w&#252;rde, mit dem sie ihn hintergangen hatte? Ja, auch das w&#252;rde sie tun.<br \/>\nEr bez&#228;hmte seine Neugier, wenn er irgendwo ein offen liegendes Manuskript fand, oder wenn er einmal auf ihrem Laptop kurz arbeitete.<br \/>\nNein, er w&#252;rde das Vertrauen nie missbrauchen. Eines Tages w&#252;rde er es wissen, eines Tages w&#252;rde er es lesen &#8211; als Buch oder als Manuskript.<br \/>\nW&#252;rde er dann mehr &#252;ber sie wissen?<br \/>\nErst lange Zeit danach wird der Roman &#252;ber drei M&#228;nner erscheinen, worin sie offen den Betrug beschreiben wird. Die Namen der Protagonisten wird sie dabei ganz einfach verschl&#252;sseln, etwa den Namen des Nebenbuhlers durch den Vornamen des Halbbruders, oder seinen Namen durch ihren eigenen, der in der Wortwurzel dem Bruder ihres Vaters entsprach, der eine Tochter gleichen Namens hatte. Mit dieser Cousine hatte sie auch einmal einen wesentlich &#228;lteren Liebhaber gemeinsam gehabt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie hatte in Strasbourg zu schreiben begonnen. Heimlich zuerst, es vor ihm aber nicht vor anderen verbergend. Wohl auch nicht vor \u201eihm\u201c, wie er in den zwei Wochen dachte. 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