{"id":17,"date":"2008-07-28T17:22:38","date_gmt":"2008-07-28T15:22:38","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=17"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"xiv-vater-suche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=17","title":{"rendered":"XIV Vater.Suche"},"content":{"rendered":"<p>Ihm war bei der Lekt&#252;re ihrer Texte klar geworden, dass sie auf der Suche war. Auf der Suche nach etwas, das sie vielleicht anfangs bei ihm gesucht hatte. Das sie von ihm erwartet hatte. In der Zeit, in der sie sich von ihm abzuwenden beganng, hatte er zun&#228;chst nur eine professionsbedingte Ahnung, die sich allm&#228;hlich verdichtete. Sie war auf der Suche nach ihrem Vater. Nicht nach ihrem leiblichen Vater, den sie drei Jahre nach ihrer Trennung begraben wird, sondern nach einer fiktiven Vaterfigur, die schon fr&#252;h in ihren Phantasien entstanden war. Bedrohlich und liebevoll zugleich, ambivalent wie sie selber. In diesen Vater hatte sie ihr Leben projiziert wie in einen Spiegel, um sich endlich selber erkennen zu k&#246;nnen. Die zahllosen, rasch wechselnden Beziehungen ihrer Jugend waren ein Abbild jener inneren, rastlosen Suche nach dem Vater, dem m&#228;nnlichen Prinzip in ihrem Leben. Dieses m&#228;nnliche Prinzip sp&#252;rte sie zugleich als Ziel und als Ort der Flucht. Andeutungsweise war ihr diese Vatersuche in ihrer Frauentrilogie schon bewusst geworden, schreibenderweise zumindest. Nur unklar entdeckte sich ihr diese Sehnsucht nach dem M&#228;nnlichen, das sie besch&#252;tzte und zugleich bedrohte, das ihr Schmerz bereitete und zugleich h&#246;chste Wonne.<br \/>\nSie recherchierte zu allen ihren Erz&#228;hlungen akribisch &#8211; von diesen wissenschaftlichen Unterlagen hatte er einiges aufgeschnappt, denn sie passten nicht zu ihrer derzeitigen beruflichen T&#228;tigkeit. Wie schon im Flaneur ging es in den Recherchen um Krankheiten, schicksalhafte Krankheiten, bei denen es keine Heilung gab. Krankheiten, die V&#228;ter ihren Kindern weitergeben, als Erbe ihrer eigenen Existenz. Krankheit als Erl&#246;sung.<br \/>\nIn diesen zwei Wochen dachte er h&#228;ufig dar&#252;ber nach, ob sie an einer solchen unheilbaren Krankheit litt, die sie ihm verschwieg. Sie hatte ihm schon vor Jahren von einem Geschw&#252;r in ihrer Geb&#228;rmutter, nachdem die Gutartigkeit l&#228;ngst abgekl&#228;rt war, erz&#228;hlt. Auch Schmerzen im Bein und im Fu&#223; hatte sie ihm lange Zeit vorenthalten.<br \/>\nEs war immer dasselbe Muster &#8211; sie verbarg einen Teil ihres Lebens vor ihm so lange, bis sie es nicht mehr verbergen konnte oder wollte. Sie nahm ihm damit die Chance, an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Als er das bewusst wahrnahm &#8211; gef&#252;hlt hatte er es schon lange -, erkannte er die Hoffnungslosigkeit, jemals an sie als Mensch heranzukommen. Alle ihre Texte waren auch von der Hilflosigkeit der Akteure gekennzeichnet, an andere Menschen heranzukommen. Gleichzeitig sprach aus ihnen eine unausgesprochene und unaussprechliche Sehnsucht danach, geliebt zu werden. Sie litt unter ihrer Oberfl&#228;chlichkeit, auch wenn sie es leugnete. Sie hatte es &#8211; wohl aus Kalk&#252;l &#8211; achselzuckend gesagt: \u201eWahrscheinlich bin ich so oberfl&#228;chlich!\u201c War diese Oberfl&#228;chlichkeit eine Projektion ihrer Suche nach dem M&#228;nnlichen?<br \/>\nWie weh hatte ihm diese Herabsetzung ihres Selbst getan, denn er f&#252;hlte &#8211; manchmal waren dazu auch ziemlich rationale Konstruktionen auf Grund ihres Verhaltens notwendig, um diesem Empfindungen zuzuschreiben &#8211; wohl als einziger, dem sie bisher in ihrem Leben begegnet war, wie es in ihrem Inneren aussah, und dass sie alles andere als oberfl&#228;chlich war.<br \/>\nWie sie selber in manchen Augenblicken schwer an ihrem Schneckenhaus trug, in das sie sich bei Bedrohung reflexartig zur&#252;ckzog.<br \/>\nViel lieber w&#228;re sie eine Nacktschnecke gewesen. Schutzlos dem Leben ausgeliefert, aber dem Leben. Wenigstens dem Leben. Irgendeinem.<br \/>\nDie Illusion, jenes Leben zu leben, das sie ertr&#228;umt hatte, war in all den Jahren verflogen. Sie war nach ihrem Lebensrausch n&#252;chtern geworden. Sie analysierte ihr eigenes Leben rational und schob ihre Emotionen beiseite, wann immer es ging. Waren die Emotionen \u2013 negative in der Mehrzahl \u2013 aber zu stark, dann bugsierte sie diese in das Raster ihrer rationalen Ordnung, die sie allm&#228;hlich in ihr Leben gebracht hatte. Dort konnte man die Emotionen verwalten, abw&#228;gen. Auch ihr Schreiben diente dieser Analyse \u2013 zu Papier gebracht konnte man die Gef&#252;hle besser handhaben, hier und dort ein wenig korrigieren, hier ein wenig mehr Erkl&#228;rung, dort ein Schlussstrich, ein Punkt.<br \/>\nWenn sie einen Text abgeschlossen hatte, f&#252;hlte sie sich befreit.<br \/>\nSie hatte in diesem Augenblick das Gef&#252;hl, wieder ein St&#252;ck des Weges ihrer Suche nach dem m&#228;nnlichen Prinzip weiter gekommen zu sein.<br \/>\nIn ihrem Texten wird sie sich diesem Prinzip ann&#228;hern. Text f&#252;r Text. Erz&#228;hlung f&#252;r Erz&#228;hlung.<br \/>\nBefreit von diesen dr&#228;ngenden Forderungen in ihr, wachger&#252;ttelt zu werden und zu leben. Wachger&#252;ttelt von einem Mann, dem Mann in ihrer Sehnsucht.<br \/>\nLeben wollte sie,  leben und lieben. Z&#228;rtlich, schwerelos, geborgen. Mit dem Mann in ihrer Phantasie.<br \/>\nEr war f&#252;r sie das Hindernis, obwohl sie wohl in manchen Augenblicken f&#252;hlen mochte, dass er auch der einzige war, bei dem sie das Gef&#252;hl von Freiheit f&#252;hlen konnte. H&#228;tte sie nicht um ihre Auslandst&#228;tigkeit k&#228;mpfen m&#252;ssen, sondern h&#228;tte er ihr freudig zugestimmt \u2013 das hatte sie sich gew&#252;nscht -, h&#228;tte sie sich nicht freik&#228;mpfen k&#246;nnen, h&#228;tte sie wieder nur eine geliehene Freiheit besessen.<br \/>\nJe &#228;lter er wurde, desto &#228;hnlicher wurde er diesem Vaterbild, doch er verk&#246;rperte nur die negative Seite dieses M&#228;nnlichen. Er glich &#228;u&#223;erlich und innerlich immer mehr dem Bedrohungsbild ihres Vaters, der daran schuld war, dass sie immer wieder die Wurzeln verlor, die sie m&#252;hsam in der Fremde geschlagen hatte. Der Vater war es, der ihr das Leben lieh, das sie leben musste. Nicht das Leben, das aus ihr kam, sondern das Leben, das man ihr lieh. Nie hatte sie ein eigenes Leben gehabt.<br \/>\nEin geliehenes Leben.<br \/>\nDas war ihr Leben.<br \/>\nGeliehen<\/p>\n<p>Strasbourg war das Symbol f&#252;r ihre Freiheit &#8211; sie hatte ihn damals sehr sp&#228;t davon informiert, dass sie ein halbes Jahr in Strasbourg arbeiten k&#246;nnte. Erst als alles mit einem ihr wohl gesonnenen Personalchef fixiert war, berichtete sie ihm davon &#8211; hatte sie Angst, dass er es ihr verbieten k&#246;nnte?<br \/>\nIhr Vorstellungsgespr&#228;ch in Strasbourg war nicht allzu viel versprechend, da sie sich f&#252;r die falschen Themen vorbereitet hatte. Wie so oft haben die Ausschreibungen mit der T&#228;tigkeit nur am Rande zu tun. Da er ihr f&#252;r dieses Vorstellungsgespr&#228;ch einige Unterlagen und Kontakte verschafft hatte, &#252;bertrug sie ihren &#196;rger &#252;ber die falsche Vorbereitung auch auf ihn. Dabei hatte er sich auf die Informationen gest&#252;tzt, die sie ihm gegeben hatte. Sp&#228;ter wird sie das vergessen haben und sagen, dass er nicht hilfreich gewesen war.<br \/>\nSie war auf dem linken Auge blind, mit dem sie das Positive an ihm h&#228;tte sehen k&#246;nnen. Ihr rechtes Auge war immer mit hochgehobener Augenbraue auf das Negative gerichtet. So zeichnet das Leben jene Spuren ins Gesicht, die in den Gedanken stecken, nicht jene, die offensichtlich sind.<br \/>\nVor vollendete Tatsachen gestellt begann er einen unw&#252;rdigen Kampf gegen ihren Entschluss, mit dem er wohl den letzten Funken an Gef&#252;hlen f&#252;r ihn tilgte. Hatte sie ihn schon damals im Vorfeld dieser Entscheidung, die verhasste Arbeitsstelle auf irgendeine Weise zu verlassen &#8211; sie sprach sogar von K&#252;ndigung, obwohl sie damit alle Privilegien ihrer Beamtenschaft verloren h&#228;tte -, ihren Gegnern zugerechnet, so manifestierte sich in allen Versuchen, ihr dieses halbe Jahr an veranschlagter Freiheit zu nehmen, als Zerst&#246;rung der letzten Gef&#252;hle. Er f&#252;hlte, dass sie sich einen anderen Abschied gew&#252;nscht hatte, aber er war dazu in seiner Entt&#228;uschung, nichts davon gewusst zu haben, nicht in der Lage.<br \/>\nAls dann nach kurzer Zeit der Vertrag auf ein ganzes Jahr verl&#228;ngert wurde \u2013 diese Option hatte sie schon vorher angedeutet, worauf er sie bat, nur ein halbes Jahr zu bleiben -, versuchte er es zwar mit Anstand zu akzeptieren, allerdings war es dazu viel zu sp&#228;t. Auch bei ihrer Arbeit in Wien \u2013 hier hatte sie ihn fr&#252;h vor vollendete Tatsachen gestellt &#8211; w&#252;rde sie &#228;hnlich wie f&#252;r Strasbourg nicht von Beginn an die lange Dauer berichten, sondern beginnend von einem halben Jahr &#252;ber ein dreiviertel Jahr bis zu zw&#246;lf Monaten erh&#246;hte sie die Zeit ihrer Trennung. Schlie&#223;lich waren es neunzehn Monate.<br \/>\nDer gemeinsame Urlaub in Frankreich und auch seine Besuche in Strasbourg verliefen von au&#223;en betrachtet harmonisch, harmonisch, weil sich beide bem&#252;hten, die Langmut des anderen nicht zu sehr zu bem&#252;hen. Die von ihm so ersehnte franz&#246;sische Form der Liebe &#8211; war das Lokalkolorit? &#8211; gew&#228;hrte sie ihm in diesem Jahr zwei Mal.<br \/>\nSeither nie wieder.<br \/>\nNach dem Jahr in Strasbourg wurde es zur Tradition, dass sie zu einen j&#228;hrlichen Treffen mit ihrer sch&#246;nen Vergangenheit flog. Vor den zwei Wochen kam es wegen Trivialit&#228;ten mehrmals zum Streit, wobei er sich fragte, wie sie soviel Energie daf&#252;r aufbringen konnte, wenn sie immer wieder beteuerte, ihre Gef&#252;hle w&#228;ren schon seit Jahren tot. Der letzte Anlass war seine Bezeichnung des Nebenbuhlers als Arschloch, was ihm seiner Meinung nach wohl zust&#252;nde, zumal dieser ihm die Chance gestohlen h&#228;tte, bei ihrer R&#252;ckkehr vor einem Jahr nach Graz mit positiven Gemeinsamkeiten zu einen neuen Anfang zu finden. Er nahm &#252;brigens sp&#228;ter &#8211; nach ihrem Strasbourgbesuch &#8211; dieses Wort mit Bedauern zur&#252;ck, obwohl sich in der Zwischenzeit Sachverhalte offenbart hatten, die dieses Wort als noch viel zu harmlos einstuften.<br \/>\nSie nahm w&#228;hrend und nach ihrer Strasbourgvisite den Kontakt mit ihm wieder auf \u2013 er w&#228;re selber schuld daran. Wie weh tat es ihm, wenn er merkte, dass sie ihm t&#228;glich Botschaften schickte, Botschaften, die er so dringend gebraucht h&#228;tte. Sie schloss sich wie fr&#252;her im Badezimmer ein und sandte ihm ihre \u201eBrieflein\u201c. Nach Strasbourg tat sie das auch vor dem Einschlafen, wenn sie sich schon verabschiedet hatte. Er h&#246;rte beim Vorbeigehen oder im Schlafzimmer die Tippger&#228;usche an ihrem Mobiltelefon und wusste, dass sie in Gedanken bei einem anderen war. Sollte er &#252;ber diese Form der SMS-Kontakte nicht froh sein \u2013 solange sie SMS schickte, trafen sie einander nicht.<br \/>\nZumindest versuchte er sich das einzureden.<br \/>\nSie behauptete einmal sogar, dass er es \u201eihm\u201c zu verdanken h&#228;tte, dass sie &#252;berhaupt nach Graz zur&#252;ckgekommen w&#228;re. Er empfand diese Behauptung im Augenblick nur noch als grotesk.<br \/>\nEr bat sie am Vortag der Abreise als Symbol f&#252;r die kleine Chance, nach diesen zwei Wochen wieder zu gemeinsamen positiven Themen zu kommen, das Wappentier des Elsass in irgendeiner Form als Souvenir mitzubringen.<br \/>\nBeim Abschied \u2013 er begleitete sie nicht zum Flughafen, weil sie es sich anl&#228;sslich der unerfreulichen Szenen am Morgen des Abreisetages verbeten hatte \u2013 bat er sie um eine Umarmung, die sie erwiderte, bei der er ihr einen sch&#246;nen Aufenthalt und eine gute Reise w&#252;nschte \u2013 wie banal doch das Leben auch an ihren dramatischen H&#246;hepunkten sein konnte. Sie bat ihn, diese Woche f&#252;r sich zu n&#252;tzen.<br \/>\nSie brachte ihm eine metallene Dose mit Mint Sahnetr&#252;ffel mit, die lange nach den zwei Wochen auf dem B&#252;cherschrank neben seinem Bett stehen w&#252;rde, das er nach der Trennung nach Strasbourg nun alleine benutzte.<br \/>\nNicht nur montags und freitags wie vorher.<br \/>\nSie sollten so lange dort bleiben, bis sie in das Ehebett zur&#252;ckkehren w&#252;rde.<br \/>\nDann w&#252;rde er mit ihr gemeinsam die Dose &#246;ffnen.<br \/>\nEr war ein durch und durch sentimentaler Mensch.<br \/>\nEr lebte seine Illusionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihm war bei der Lekt&#252;re ihrer Texte klar geworden, dass sie auf der Suche war. Auf der Suche nach etwas, das sie vielleicht anfangs bei ihm gesucht hatte. Das sie von ihm erwartet hatte. 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