{"id":15,"date":"2008-07-28T17:21:58","date_gmt":"2008-07-28T15:21:58","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=15"},"modified":"2018-06-09T09:38:17","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:17","slug":"xvi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=15","title":{"rendered":"XVI Entfernungs.Messer"},"content":{"rendered":"<p>Schon lange vor den zwei Wochen war ihm ihr Blick aufgefallen. Wenn er den ihren suchte, war oft ein kurzes fragendes Erstaunen in ihren Augen, als ob sie es seltsam f&#228;nde, von ihm betrachtet zu werden. Er versuchte sich zur&#252;ck zu erinnern, wann ihm das Unstete in ihrem Blick zum ersten Mal aufgefallen war. Sie hatte es wohl schon seit dem Beginn ihrer Beziehung. Angesprochen hatte er es einmal, als er sie beim Lesen beobachtete. Immer wieder sprangen ihre Augen vom Text in den Raum, wie um etwas zu suchen. Das war unabh&#228;ngig davon, ob es eine Zeitung war oder ein Buch. Nach wenigen Zeilen irrte ihr Blick einmal in die eine, einmal in die andere Richtung. Es war wie beim Autofahren, wenn der Blick f&#252;r einige Sekunden dem R&#252;ckspiegel gilt. Er meinte damals, dass das doch anstrengend sein m&#252;sste. Ihr war es aber gar nicht bewusst. Er hatte seither einige Male dar&#252;ber spekuliert, was der Grund f&#252;r diese Marotte sein konnte. Wollte sie eine allf&#228;llige Bedrohung von hinten erkennen? Jetzt in diesen zwei Wochen schien er eine Erkl&#228;rung gefunden zu haben, die auch zu ihrem nach eigenen Worten angestrebten Lebensstil passte. Sie war st&#228;ndig auf der Hut.<br \/>\nSo wie jemand, der auf der Jagd oder auf der Flucht ist. Wovor war sie auf der Flucht? Vor ihm? Vor den Menschen? Sie hatte ihm erst in diesen zwei Wochen gestanden, dass sie Angst vor gro&#223;en, dichten Menschenmassen habe.<br \/>\nW&#228;hrend der Zeit in Strasbourg aber auch der in Wien, als sie f&#252;r das Au&#223;enministerium gearbeitet hatte, hatte sie es immer von einem Ereignis zum N&#228;chsten getrieben. Sensation seeking. Die Gier nach Neuem, nach Abwechslung lie&#223; sie offensichtlich ihre Scheu vor Menschen verlieren, auch wenn sie am liebsten als distanzierte Beobachterin unterwegs war. Sie ging auf Menschen zu, um ihre Neugier zu befriedigen. Die neuen Freundinnen in Strasbourg oder die in Wien dienten ihr weniger zur Befriedigung eines N&#228;hebed&#252;rfnisses, sondern in der Hauptsache, m&#246;glichst viel &#252;ber sie und ihr Schicksal zu erfahren.<br \/>\nAus Strasbourg &#8211; oder war es ihm vorher einfach nie aufgefallen &#8211; hatte sie eine eigene Form der N&#246;rgelei mitgebracht, die sie wohl nicht als solche wahrnahm.<br \/>\nDas N&#246;rgeln an anderen &#8211; besonders vertrauten &#8211; Menschen war ihm verhasst, denn es erinnerte ihn an den Tratsch der Frauen an der Bassena, die er als Kind mit anh&#246;ren musste. Wenn eine der Frauen gegangen war, mit der sie zuerst noch freundlich geredet hatten, wurde diese zum Gespr&#228;chsthema.<br \/>\nWie sie wohl &#252;ber ihn redete?<br \/>\nEr tr&#246;stete sich allerdings damit, dass sie dieses Kritisieren anderer fast auf alle Menschen in ihrer Umgebung &#252;bertrug &#8211; mag es nun eine Freundin oder Arbeitskollegin sein, ein Kellner in einem Lokal oder sogar auf das Essen.<br \/>\nNichts war perfekt.<br \/>\nEs gab Ausnahmen, vermutlich nur bei Menschen, die sie zu kurz kannte, um etwas Kritisierenswertes zu entdecken. Das war in ihrem langen Berufsleben als Psychologen h&#228;ufig die Fragestellung, in einem Familiensystem mit Problemen die Schwachstellen zu entdecken, an denen man ansetzten konnte.<br \/>\nWar ihm das fr&#252;her blo&#223; nicht aufgefallen? Oder hatte sich hier tats&#228;chlich ihre Einstellung der Welt gegen&#252;ber ver&#228;ndert? Hatte sie in Strasbourg die Welt in Freund und Feind einzuteilen gelernt? Hatte sie einen emotionalen Extremismus entwickelt, der ihr das &#220;berleben in der Welt einfacher machte? Es war dann nicht mehr notwendig, die vielen Schattierungen der Menschen auszuloten, sondern sie steckte sie einfach in die rechte oder die linke Lade. Abgelegt wie Akten, mit denen sie Zeit ihres Arbeitslebens zu tun hatte. Sie musste in ihrem Beruf f&#252;r andere Entscheidungen vorbereiten und teilweise dadurch indirekt auch treffen. Begann sie nun, das auch auf ihr eigenes Leben zu &#252;bertragen?<br \/>\nSie hatte ihn in die Lade mit dem gro&#223;en Minus davor gesteckt.<br \/>\nEinfach so, ohne ihn lange zu fragen.<br \/>\nMister Minus.<br \/>\nParadoxerweise wird sie ihm sp&#228;ter das als einen seiner Fehler vorhalten, immer negativ eingestellt zu sein, immer ein Miesmacher gewesen zu sein in diesen dreiunddrei&#223;ig Jahren. Dabei war er es, der ihr in ihrem Negativismus anderen gegen&#252;ber immer widersprochen hatte. Er mochte Menschen und scheute sich, auch hinter ihrem R&#252;cken &#252;ber sie Negatives zu besprechen.<br \/>\nEs st&#246;rte ihn schlie&#223;lich immer mehr, dass sie minutenlang &#252;ber ihre Freundinnen reden konnte, wobei fast ausschlie&#223;lich negative Ereignisse und auch Eigenschaften im Vordergrund standen, sodass er sich manchmal fragte, warum sie dann noch immer Kontakt zu ihnen pflegte. Die eine bekam ihre Beziehungen nicht auf die Reihe, die andere war immer arrogant. Die eine lie&#223; sich in ihrem Beruf immer mit Kettenvertr&#228;gen abspeisen, weil sie sich vor einer Pr&#252;fung f&#252;rchtet, die andere hatte ihr Englisch als mangelhaft beurteilt, obwohl sie selber ein v&#246;llig unverst&#228;ndliches Englisch sprach. Sie f&#252;hlte sich h&#228;ufig von ihren Vorgesetzten \u2013 noch dazu Frauen \u2013 unter ihrem Wert behandelt zu werden, etwa indem man ihr Aufgaben &#252;bertrug, die doch eigentlich auch eine Sekret&#228;rin h&#228;tte erledigen k&#246;nnte. Sie versuchte, unkonventionelle Methoden einzuf&#252;hren und war entt&#228;uscht, dass die anderen nicht mit fliegenden Fahnen die &#220;berlegenheit ihrer Art der Gespr&#228;chsf&#252;hrung &#252;bernahmen, sondern sie geradezu ignorierten.<br \/>\nDoch auch bei Erz&#228;hlungen aus dem Alltag dominierten die negativen Erlebnisse. Nach den zwei Wochen werden sie bei in einem Kaffeehaus in der Sonne sitzen und sie wird ein in der Stra&#223;enbahn erlauschtes Gespr&#228;ch mit einem Mobiltelefon einer dicken, ungepflegten Frau berichten, die mit einer ungehobelten Sprache offensichtlich ihrem Mann von einem Vorstellungsgespr&#228;ch berichtete, das nicht zu ihrer Zufriedenheit verlaufen war. Besonders alterierte sie sich abermals &#252;ber das Dicksein und die Verantwortung, die jeder Mensch daf&#252;r trage. Sie verabscheute dicke Menschen \u2013 sie hatte ihn damals, als er weit &#252;ber hundert Kilogramm wog, auch verabscheut, auch wenn sie das niemals so explizit zum Ausdruck brachte.<br \/>\nEinige ihrer Freundinnen hatten recht komplizierte Beziehungen zu M&#228;nnern und lebten beinahe alle allein. Deren Lebensform wurde f&#252;r sie allm&#228;hlich zum angestrebten Lebensstil, auch wenn viele dieser Freundinnen ein solches Leben nicht angestrebt hatten, sondern durch die Umst&#228;nde, die eben nicht so waren, darin gelandet waren. Sie sah nur deren Leben, wenn sie mit ihnen beisammen war, nicht aber die Wochenenden, in denen man auf einen Anruf hofft, die dunklen Abende des Herbstes, die die Einsamkeit der Nacht ank&#252;ndigten. Er hatte bei seinem Besuch damals in Strasbourg einige dieser Freundinnen kennen gelernt und in den Zwischent&#246;nen der Erz&#228;hlungen und manchmal auch direkt angesprochen deren stumme Trauer und deren Schmerz gef&#252;hlt. Sie fand diese Schicksale interessant.<br \/>\nWollte sie auch ein solches?<br \/>\nSie schw&#228;rmte ihm nach der Zeit in Strasbourg vor, wie sehr sie zum ersten Mal in ihrem Leben Frauenfreundschaften genossen h&#228;tte. Sie verstieg sich zu der Behauptung, dass ein Mann eine Frau niemals so verstehen k&#246;nnte wie eine Frau, mit ihnen k&#246;nne man &#252;ber alles reden. Er hatte dem &#8211; teilweise aus Verbitterung, dass sie sich ihm nie vertrauensvoll ge&#246;ffnet hatte &#8211; widersprochen, da er einen sehr starken weiblichen Part in sich f&#252;hlte und dachte, dass er sie sehr wohl gut verst&#252;nde und sich auch in sie hineinversetzen k&#246;nne.<br \/>\nEs endete wie immer mit einem Streit, damals in den zwei Wochen.<br \/>\nAls sie sp&#228;ter nach der Trennung dieses Thema wieder ins Gespr&#228;ch brachte, wird er ihr nicht widersprechen &#8211; nicht, weil er es nicht gekonnt h&#228;tte, sondern weil er merkte, dass sie davon &#252;berzeugt war. &#220;berzeugungen kann man anderen nicht ausreden. Argumente drangen gegen den mit Vorurteilen gepanzerten Kern der &#220;berzeugung nie durch.<br \/>\nWas musste sie verteidigen?<br \/>\nIn den zwei Wochen und auch noch ein Jahr danach wird sie seine N&#228;he als bedrohlich empfinden. Sie wird seine Aufmerksamkeit, ihr in den Mantel zu helfen, ihr bei den Allt&#228;glichkeiten an die Hand zu gehen, als &#252;bertrieben zur&#252;ckweisen.<br \/>\nUnd sie wird ihn zur&#252;ckweisen, wenn er sie mehr als ein Jahr sp&#228;ter zur Vorf&#252;hrung eines Films, in welchem er eine kleine Rolle gespielt haben wird, zu sich einladen wird. Wovor wird sie auch dann noch Angst haben? Vor dem Gef&#252;hl, ihm Unrecht getan zu haben? Ihre Entschuldigung am Jahrestag des Verlassens f&#252;r die Art und Weise des Verlassens wird vor allem f&#252;r sie wichtig sein und nicht f&#252;r ihn. Wird er dann etwas erkennen k&#246;nnen, was in ihr vorgeht?<br \/>\nSie will Distanz.<br \/>\nSie genie&#223;t es, zweimal in der Woche alleine im Wohnzimmer ohne ihn zu schlafen. \u201eAchte Grenzen\u201c hatte sie ihm einmal als Tagesthema vorgegeben, als er sie darum bat. Er hatte ihr daraufhin in einer SMS geantwortet: \u201eGrenzen gaukeln blo&#223; Schutz vor. Grenzen machen unverwundbar, unber&#252;hrbar. Liebe ist unsere unendliche Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit\u201c. Er dachte, ihr damit ein Zeichen zu setzen, dass er zwar ihre Grenzen achte, dass aber Grenzen auch trennen.<br \/>\nSie beide trennen.<br \/>\nSie erlebte es als Widerspruch.<br \/>\nEs waren die zahllosen Zur&#252;ckweisungen und Verletzungen in ihrem Leben, die sie immer wieder in ihr sicheres Schneckenhaus zur&#252;cktrieben, die sie aber auch nie lernen lie&#223;en, was denn nun die richtige Distanz zu anderen Menschen f&#252;r sie w&#228;re. War es Distanzlosigkeit, dass sie andere Menschen durch ihr Verhalten Versprechungen machte, die sie dann nicht einhalten wollte oder konnte.<br \/>\nIn den zwei Wochen hatte es sie es ihm mehrmals gesagt: \u201eIch wei&#223; nicht, ob ich zur&#252;ckkommen will\u201c.<br \/>\nAber sie war da. Das z&#228;hlte f&#252;r ihn, machte es aber auch unendlich schwierig, den Abstand zu ihr zu halten, den sie w&#252;nschte und er brauchte. Immer wieder pendelte er zwischen seinem Wunsch nach N&#228;he und seiner Notwendigkeit nach Distanz.<br \/>\nNun war er es, der nicht wusste, was m&#246;glich und was notwendig war.<br \/>\nMehrmals nahm er sie in den zwei Wochen an den H&#228;nden, um mit ihr zu sprechen, um die st&#228;ndige Flucht vor seinen Fragen und ihren Antworten zu verhindern. Er wusste, dass er hier eine Grenze verletzte, auch wenn dies nie mit Gewalt geschah.<br \/>\nSie sei kein Kind mehr.<br \/>\nHier war wieder ihre Angst, wie ein Kind behandelt zu werden. Eine Angst, die im Widerstreit stand mit ihrer Sehnsucht nach dem Kindbleiben. Sie sehnte sich zur&#252;ck nach der unschuldigen Liebe ihrer Kindheit. Er wusste wenig von ihrer ersten Liebe, die f&#252;r sie so pr&#228;gend war. Sie war nicht erf&#252;llt worden. Darunter litt sie bis heute. Sie sprach nie mit ihm &#252;ber ihren Schmerz damals. Sie wusste, diese Liebe konnte ihr niemand wegnehmen, diese Tr&#228;ume und Sehns&#252;chte, diese Erinnerungen und Wunden. Und es war eine Wunde, die sie auch nach so vielen Jahren noch mit sich herumtrug, f&#252;r niemanden sichtbar. Manchmal stolz.<br \/>\nDu stolzes Herz, du hast es ja gewollt!<br \/>\nDu wolltest gl&#252;cklich sein, unendlich gl&#252;cklich,<br \/>\nOder unendlich elend, stolzes Herz,<br \/>\nUnd jetzo bist du elend.<br \/>\nTrafen diese Verse Heines nicht eher f&#252;r sie zu als f&#252;r ihn, der in diesen zwei Wochen all seinen Stolz und seine Selbstachtung verloren hatte.<br \/>\nWas war seine Wunde?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon lange vor den zwei Wochen war ihm ihr Blick aufgefallen. Wenn er den ihren suchte, war oft ein kurzes fragendes Erstaunen in ihren Augen, als ob sie es seltsam f&#228;nde, von ihm betrachtet zu werden. 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