{"id":13,"date":"2008-07-28T17:21:09","date_gmt":"2008-07-28T15:21:09","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=13"},"modified":"2018-06-09T09:38:18","modified_gmt":"2018-06-09T09:38:18","slug":"xviii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=13","title":{"rendered":"XVIII Eifer.Sucht"},"content":{"rendered":"<p>Eifersucht war vor allem in den ersten Jahren ihrer Beziehung ein st&#228;ndiger und manchmal verh&#228;ngnisvoller Begleiter. Sie hatte im Gegensatz zu ihm unz&#228;hlige Aff&#228;ren und Beziehungen hinter sich, die teilweise mit ihrem k&#252;nstlerischen Umfeld \u2013 sie wollte Schauspielerin werden, hatte sich dann aber f&#252;r ein Studium der Psychologie entschieden \u2013 zusammenhingen, in dem sie sich als begehrenswerte junge Frau vorwiegend bewegte. Von diesen fr&#252;heren Beziehungen erfuhr er wenig, h&#246;chstens Fragmentarisches, Zuf&#228;lliges und in unterschiedlich umf&#228;nglichen Dosierungen. Erz&#228;hlungen von ihren Erfahrungen mit M&#228;nnern folgten h&#228;ufig Eifersuchtsattacken seinerseits und dadurch Szenen, sodass sie sich wohl eines Tages daf&#252;r entschied, nichts mehr davon preiszugeben. Einerseits f&#252;hlte sie, dass sie ihm damit weh tat \u2013 das wollte sie damals nicht -, andererseits wollte sie sich selber sch&#252;tzen, indem sie einen Kordon aus Oberfl&#228;chlichkeiten um sich zog, in welchem wenig von ihrer Vergangenheit und ihren M&#246;glichkeiten zu Gef&#252;hlen zu finden war. Er wusste daher am Beginn ihrer Beziehung nicht einmal mit Sicherheit, ob sie einige ihrer Beziehungen noch weiterf&#252;hrte &#8211; er wusste von einer, die sie aber w&#228;hrend der ersten Wochen ihres Kennenlernens beendete. Er war diesem weit &#228;lteren Mann &#8211; einem Exiltschechen, der als Musiker ihre in Deutschland lebende Cousine gleichen Vornamens beim Musikunterricht verf&#252;hrt hatte &#8211; zwei oder dreimal begegnet. Aber da sie diese Bekanntschaft nicht vor ihm verbarg, war er auf nicht so tiefgr&#252;ndig eifers&#252;chtig, vielmehr f&#252;hlte er eine Art Triumph, sie ihm \u201causgespannt\u201d zu haben. Die meisten Beziehungen vor ihm hatte sie mit &#228;lteren und oft auch verheirateten M&#228;nnern. Es mussten mehr als zwanzig gewesen sein, wie er manchmal aus ihren Erz&#228;hlfragmenten zusammenz&#228;hlte und darunter litt.<br \/>\nMachte es Sinn, auf die Vergangenheit eines anderen Menschen eifers&#252;chtig zu sein? Was waren hier die Gewichte, die ihn belasteten? Ihm war nur klar, dass er mit seinen Gef&#252;hlen dazu nicht zu Rande kam. War es das Gef&#252;hl, selber zu kurz gekommen zu sein? Selber nicht auf einen solchen Erfahrungshorizont zur&#252;ckblicken zu k&#246;nnen? Oder widersprach es eher seiner immer noch gehegten Sehnsucht, eine unber&#252;hrte Frau zu finden? Also wieder seinem katholischen Erbteil.<br \/>\nSeine in sp&#228;terer Zeit durchgef&#252;hrte Analyse kam schlie&#223;lich zu einem anderen Ergebnis: Seine Eifersucht bezog sich nicht so sehr auf die M&#228;nner als auf das Ausgeschlossensein aus ihrem Leben. Manchmal war es ihm auf Grund dieser Erkl&#228;rung auch gelungen, sich &#252;ber die eigene Eifersucht lustig zu machen. Er kokettierte damit, brachte die Eifersucht so auf Distanz. Zwar stieg sie immer wieder dr&#228;ngend in ihm hoch, aber er verbarg diese Gef&#252;hle, indem er sie immer mehr kontrollierte und Eifersuchtsattacken nur mehr gezielt und bewusst einsetzte, wenn er sich von ihr verletzt oder missachtet f&#252;hlte. Gab er sich nicht blo&#223; der Illusion hin, die Eifersucht zu kontrollieren, oder kontrollierte sie ihn nicht doch?<br \/>\nDa solche Szenen manchmal bewusst eingesetzter Attacken h&#228;ufig mit ihren Tr&#228;nen und seinen Entschuldigungen f&#252;r die Verletzungen endeten, belasteten sie die erste Zeit. Sp&#228;ter wir er sich fragen, ob diese Eifersucht f&#252;r sie nicht auch eine M&#246;glichkeit waren, ihr verdr&#228;ngtes schlechtes Gewissen, das sie vehement leugnete, zu kompensieren. Oder war ihr auch klar, dass seine Eifersucht nicht den M&#228;nnern ihrer Vergangenheit galt, sondern ihrer Verschlossenheit? Hier war sie wieder, die Schnecke als Symbol ihrer Pers&#246;nlichkeit.<br \/>\nDurch den fr&#252;hen Heiratsantrag und die darauf folgende rasche Verlobung nach wenigen Wochen ihrer Bekanntschaft hoffte er, sich selber diese Eifersucht nehmen zu k&#246;nnen. In den ersten Jahren bis zur Hochzeit gab es zwar noch zahlreiche \u201cR&#252;ckf&#228;lle\u201d, doch nach der Geburt des Kindes schien es, als w&#228;re die Eifersucht in ihm endg&#252;ltig &#252;berwunden. Wie er generell begonnen hatte, seine Gef&#252;hle zu kontrollieren. Und er war darin offensichtlich einigerma&#223;en erfolgreich.<br \/>\nSeine Kontrolle ging schlie&#223;lich so weit, dass er all die folgenden Jahre jeden Gedanken und jede M&#246;glichkeiten zur Eifersucht ignorierte. Er &#252;bernahm da zu einem Gutteil die von ihr vorgelebte Kontrolle &#252;ber die Gef&#252;hle. Denn es gelang ihm nie, sie aus ihrem emotionalen Schneckenhaus und der manchmal vibrierenden Kontrolle herauszuholen.<br \/>\nAber: War das seine Aufgabe? Diese \u201eMission impossible\u201c?<br \/>\nHatte er es aufgegeben, an sie heranzukommen?<\/p>\n<h2 class=\"entry-title\">Teufels.Pakt<\/h2>\n<p>Ziemlich genau sieben Jahre vor den zwei Wochen kamen eines Tages anonyme Emails, die ihn davon unterrichteten, dass er doch nicht so blau&#228;ugig sein sollte, alles zu glauben, was sie ihm erz&#228;hlte. Er hielt diese f&#252;r den &#252;blichen Spam, der damals h&#228;ufig verbreitet wurde, denn die Inhalte waren zun&#228;chst allgemein und austauschbar, h&#228;tten f&#252;r viele gelten k&#246;nnen. Die Hinweise wurden aber immer konkreter und bezogen sich schlie&#223;lich eindeutig auf sie als Person. Ganz konkret wurden sie eines Tages, indem sie auf Reisen, die sie unter der Arbeitswoche unternahm, bezogen. Sie w&#228;re heute in Wien oder in Salzburg unterwegs. Da sie ihm aber am Abend davon erz&#228;hlte, dass sie den Tag f&#252;r eine solche spontane Reise gen&#252;tzt hatte &#8211; sie brachte ihm aus Wien sogar manchmal seine Lieblingsbonbons mit -, gelang es ihm, den Argwohn zu unterdr&#252;cken.<br \/>\nDennoch f&#252;hlte er sich immer wieder verletzt, wenn er mit ihr an einem solchen Tag am Fr&#252;hst&#252;ckstisch gesessen war und sich wie jeden Tag von ihr verabschiedet hatte, und sie zu diesem Zeitpunkt doch gewusst haben musste, dass sie nicht in die Arbeit fahren w&#252;rde. Ein Satz h&#228;tte gen&#252;gt, und er h&#228;tte sich in ihr Leben eingebunden gef&#252;hlt. So f&#252;hlte er sich wieder einmal vor den Kopf gesto&#223;en und ausgeschlossen aus ihrer Welt. Wenn dann offensichtlich noch andere vor ihm davon w&#252;ssten, dann traf ihn das tief.<br \/>\nAber er k&#228;mpfte gegen diese negativen Gef&#252;hle. Er war stolz auf sich, dass er ihr keine Szene machte, wenn er von ihr wieder einmal nicht vorher von einer solchen Tour informiert worden war, sondern beil&#228;ufig davon erfuhr. Dass er ihr aber auf Grund der zugespielten Vorinformation in seinen Gespr&#228;chen beim gemeinsamen Abend danach gar keine Wahl lie&#223; &#8211; er hatte dann z.B. von einem zuf&#228;lligen Anruf in ihrem B&#252;ro gesprochen, bei der er von der Sekret&#228;rin &#252;ber ihren Urlaubstag informiert wurde -, erz&#228;hlte sie ihm bereitwillig von einer Ausstellung, die sie besucht h&#228;tte. Sie fand nichts dabei, ihm nichts am Morgen von solchen geplanten Reisen zu sagen, denn ihr war nicht bewusst, dass sie ihn damit verletzte und seine Eifersucht damit sch&#252;rte.<br \/>\nIn den Emails war allerdings nie ein konkreter Hinweis enthalten, der auf einen Nebenbuhler hinwies, sondern waren wohl nur darauf ausgerichtet, ihr zu misstrauen. Nach der Trennung w&#252;rde es ihm wie Schuppen von den Augen fallen, dass alle diese Aktivit&#228;ten eines Anderen darauf ausgerichtet waren, ihn zu destabilisieren und nicht auf \u201cihn\u201d selber hinzuweisen. Das w&#252;rde sich am Ende von selber ergeben.<br \/>\nDie Frequenz der Nachrichten war recht uneinheitlich \u2013 manchmal h&#228;uften sie sich, manchmal kamen mehrere Wochen keine Hinweise. Immer wieder &#252;berlegte er, ob er sie davon unterrichten sollte, doch er sagte sich, dass sie dann vielleicht vorsichtiger werden und ihre Aktivit&#228;ten noch heimlicher setzen w&#252;rde.<br \/>\nEr schloss dadurch einen Pakt mit dem Teufel, der ihm auf diese Weise Zugang zu ihren Geheimnissen gew&#228;hren konnte.<br \/>\nW&#228;hrend die Emails seltener wurden, schien es, als wollte der Informant auf ein anderes Medium umsteigen. Er hatte sich als letztes Familienmitglied ein Mobiltelefon zugelegt, das billigste mit einer Wertkarte, wie es seinem Naturell entsprach. Bald hatte der anonyme \u201cInformant\u201d dieses Medium entdeckt und begann, ihn wieder mit \u201cGeheimnissen\u201d zu versorgen. Dieses Mal &#252;ber SMS. Der Stil war ein anderer als in den Emails, wobei es zwei Formen gab: Eine Gruppe betraf wieder Hinweise auf ihre \u201eheimlichen\u201c Aktivit&#228;ten, eine andere Gruppe von Nachrichten waren unvermittelte sexuelle Anspielungen. Zun&#228;chst harmloser Art, etwa dass sie von einem Mann in einem Kaffee gek&#252;sst worden sei \u2013 an den Text w&#252;rde er sich noch lange erinnern, denn er war ohne Zwischenr&#228;ume abgefasst: \u201eBussiundnocheinBussiundnocheinesundnocheines!\u201c<br \/>\nSp&#228;ter w&#228;hrend ihrer Strasbourger Zeit waren es einige Male sehr direkte Beschreibungen sexueller Handlungen, die sie an einem Mann vornahm. Auch diese entsprachen jenem atemlosen Stil, wobei er vermutete, dass \u201eer\u201c nur aus Bequemlichkeit die Leertaste vermied.<br \/>\nRelativ sp&#228;t stellte er sich die Frage, woher dieser seine Telefonnummer gehabt hatte. Der Betreffende musste offensichtlich irgendwann einmal Zugang zu ihrem Mobiltelefon gehabt haben, denn er selber hatte seine Nummer weder in seinem beruflichen noch privaten Umfeld preisgegeben. Nur sein Sohn und sie kannten sie bzw. er nutzte sie f&#252;r seine finanziellen B&#246;rsen-Transaktionen &#8211; allerdings handelte es sich dabei um Computerkontakte. Die Nachrichten, die auf seinem Mobiltelefon eintrafen, waren eindeutig von Menschenhand abgefasst. Er verwarf auch den Gedanken, dass es sich um zwei verschiedene Informanten handeln k&#246;nnte.<br \/>\nViele der SMS bezogen sich auf Vorf&#228;lle, die sie ihm sicher verschweigen w&#252;rde. So erfuhr er noch lange vor ihrer Erz&#228;hlung von einem Wohnungsbesuch, den sie einer schwer kranken, m&#228;nnlichen \u201cKaffeehausbekanntschaft\u201d abgestattet hatte, die ihr dann gesch&#228;ftst&#252;chtig ein f&#252;r sie ungeeignetes Fahrrad und eine klecksende F&#252;llfeder aufgeschwatzt hatte. Aber da sie ihm sp&#228;ter doch davon berichtet hatte, gelang es ihm, seine Eifersucht weiter zu kontrollieren. &#196;hnlich ungl&#252;cklich endete eine Bekanntschaft mit einem Badeausstatter, der einen solchen Pfusch lieferte, dass er Jahre sp&#228;ter in einem Prozess, den der andere auf Grund der teilweise zur&#252;ckgehaltenen Zahlung angestrengt hatte, erst vor dem Richter Recht bekam. Oder ein Verleger, der ihr versprach, einen Text zu ver&#246;ffentlichen, der aber monatelang mit einer R&#252;ckmeldung warten lie&#223;, wobei das Projekt dann irgendwann im Sand verlief.<br \/>\nIhm wurde allm&#228;hlich klar, dass sie zu dieser Zeit viele Bekanntschaften gekn&#252;pft hatte, die sich vorwiegend in ihrem Stammcaf\u00e9 ergeben hatten. Sie hatte ihn von diesem Lebensbereich weitgehend ausgeschlossen, was auch damit zusammenhing, dass er sich meist um seinen Sohn k&#252;mmerte, w&#228;hrend sie im Kaffeehaus hofiert wurde. Es blieb ihm unerkl&#228;rlich, warum sie um diese Bekanntschaften einen solchen Schleier des Geheimen gelegt hatte.<br \/>\nWozu brauchte sie diese Geheimnisse?<br \/>\nHier war es wieder, dieses Ausgeschlossensein.<br \/>\nAber er wollte nicht eifers&#252;chtig sein. Dass er damit seine spontanen Gef&#252;hle geradezu kastrierte, kam ihm damals kaum in den Sinn. Er funktionierte wie ein perfekter Ehemann und war stolz darauf. Er war tolerant und lie&#223; seiner attraktiven Frau, um die ihn doch jeder beneiden musste, allen erdenklichen Spielraum.<br \/>\nEines Tages kamen per SMS konkrete Hinweise, dass \u201csein Schatzi\u201d heute mit einem anderen unterwegs sei. Allerdings waren diese Hinweise f&#252;r ihn nicht &#252;berpr&#252;fbar, denn wie sollte er mitten in einer Besprechung an der Universit&#228;t in ein Caf\u00e9 in der Innenstadt gehen, wo sie sich in der Mittagspause wieder einmal mit \u201ceinem Mann\u201d getroffen haben sollte. H&#228;ufiger wurde er davon informiert, dass sie in einer Bar sitze, statt direkt nach der Arbeit nach Hause zu kommen. Allerdings trafen diese Nachrichten immer so sp&#228;t ein, dass er sie schon unten im Hausflur h&#246;rte, nachdem er die diesbez&#252;gliche SMS gelesen hatte. Da er das Mobiltelefon wegen einer Lehrveranstaltung abstellte und danach verga&#223;, es wieder einzuschalten, erfuhr er erst am n&#228;chsten Tag davon. Sollte er sie darauf ansprechen? Es war zu l&#228;cherlich.<br \/>\nEinige Male war er selber argw&#246;hnisch geworden, als er sie eine Stunde vor dem offiziellem Dienstschluss telefonisch nicht mehr in ihrem B&#252;ro erreichen konnte. Dann verlie&#223; er das Haus und ging zu dieser Bar, traf sie aber meist nicht mehr an. Nur ein paar Mal sa&#223; sie noch dort in relativ unverf&#228;nglicher Art und Weise an der Theke und trank ein Glas Wein &#8211; er w&#228;re zuf&#228;llig vorbeigekommen, da er noch in einem nahe gelegenen Lebensmittelgesch&#228;ft etwas f&#252;r das Abendessen besorgen musste &#8211; und h&#228;tte sie zuf&#228;llig gesehen. Wahrscheinlich sah sie ihm diese L&#252;ge an und reagierte professionell, indem sie nicht weiter in ihn drang und diese Erkl&#228;rung akzeptierte. Er hatte darob ein so schlechtes Gewissen, dass er sich beinahe entschuldigte, sie hier beim \u201cAusklang der Arbeit\u201d gest&#246;rt zu haben. Einige Male hatte sie ihn so von der Notwendigkeit dieser Z&#228;sur zwischen Arbeit und Haushalt belehrt, dass er es als aufdringlich empfunden h&#228;tte, wenn er ihr den Vorschlag gemacht h&#228;tte, diese Z&#228;sur gemeinsam zu begehen. Jahre nach diesen Ereignissen wird er auf einer Lesung eine Schriftstellerin kennenlernen, die ihm im Smalltalk beil&#228;ufig erz&#228;hlt, dass sie seine Frau fr&#252;her sehr regelm&#228;&#223;ig in dieser Bar  angetroffen habe. Allerdings konnte sie auf seine Nachfrage r&#252;ckblickend nicht sagen, ob seine Frau in einer st&#228;ndigen Begleitung gewesen war, da an der Theke um diese sp&#228;te Tageszeit die Personen h&#228;ufig wechselten.<br \/>\nDie extrem sexuell orientierte Varianten der Nachrichten setzten erst kurz vor der Strasbourger Zeit ein. Sie sch&#252;rten unmittelbar vor der Abreise seine Eifersucht, die er all die Jahre so gut unter Kontrolle gehalten hatte. Die von ihr angestrebte Trennung lie&#223; ihn in seine fr&#252;heren Verhaltensweisen regredieren. Wieder stand er kurz davor, ihr von diesen zugespielten Informationen zu erz&#228;hlen, aber da er diese so lange f&#252;r sich behalten hatte, f&#252;hlte er sich beinahe schuldig, so viele Jahre nicht offen gewesen zu sein. Und er wusste, dass sie auf Gespr&#228;che, die sie als Person betrafen, immer &#228;rgerlich reagierte, denn in ihr Schneckenhaus sollte niemand eindringen. Auch er nicht.<br \/>\nEs war auch knapp nach jener Zeit, in der sie an ihrem Arbeitsplatz ums &#220;berleben k&#228;mpfte und gleichzeitig mitten im Klimakterium war. Er f&#252;rchtete, dadurch noch mehr &#214;l in die zu dieser Zeit ohnehin oft in Flammen stehende Beziehung zu gie&#223;en.<br \/>\nW&#228;hrend ihrer Strasbourger Zeit gab es sehr lange Pausen bei den Informationen des Teufels, nur einmal gab es eine H&#228;ufung unmittelbar nach seinem ersten Besuch bei ihr. Einige der SMS kamen &#252;ber einen franz&#246;sischen Anbieter, also befand sich der Informant offensichtlich ebenfalls im Ausland. War er mit ihr zusammen?<br \/>\nIn der Zeit danach, in der sie in der Hauptstadt arbeitete, gab es noch gr&#246;&#223;ere Abst&#228;nde. Auch hier dominierten die Hinweise auf Reisen, die sie unternahm, wobei sie ihm diese aber nicht verschwieg.<br \/>\nDie Pr&#228;senz des Informanten sogar im Ausland h&#228;tte ihn eigentlich stutzig machen m&#252;ssen, aber vermutlich glaubte er allm&#228;hlich selber an den Teufel, der mit ihm einen Pakt geschlossen h&#228;tte. Warum der Informant so gut &#252;ber sie Bescheid wusste, enth&#252;llte sich ihm als recht einfache L&#246;sung erst gegen Ende ihrer Beziehung.<br \/>\nAls sie nach der externen Berufst&#228;tigkeit wieder in Graz zur&#252;ck war, gab es kaum noch SMS-Informationen, auch wenn diese hie und da auf seinem Mobiltelefon einschlugen, meist w&#228;hrend kurzer gemeinsamen Urlaubszeiten.<br \/>\nWar der andere auf ihn eifers&#252;chtig? Wollte er ihn provozieren?<br \/>\nIn diesem einen Jahr zeichnete sich die Trennung mehrmals ab und offensichtlich sah der andere keinen Grund mehr, seine Eifersucht weiter zu provozieren. Nachtr&#228;glich w&#252;rde ihm klar werden, dass \u201eer\u201c sich sicher sein konnte, sein Ziel zu erreichen, denn sie w&#228;re am liebsten &#252;berhaupt nicht mehr zur&#252;ckgekommen, was nat&#252;rlich bei weitem nicht so wirkungsvoll w&#228;re, ihn endg&#252;ltig zu zerst&#246;ren.<br \/>\nKurioserweise werden die obsz&#246;nen Nachrichten auch noch nach der Trennung kommen, aber wesentlich sp&#228;rlicher und meist unmittelbar nach seinen Versuchen, mit ihr wieder einmal einseitig Kontakt aufzunehmen. Da seine Versuche in dieser Richtung auf Grund ihrer v&#246;lligen Ignoranz immer seltener wurden, wurden auch die Nachrichten seltener.<br \/>\nEr fragte sich: Welche Absicht standen hinter diesen nun doch recht &#252;berfl&#252;ssigen Versuchen, ihn eifers&#252;chtig zu machen? Ihm den weiteren Kontakt zu verg&#228;llen? Das war nur mehr l&#228;cherlich, wo der Andere doch erreicht hatte, dass sie ihn verl&#228;sst. Der Kontakt mit ihr war doch nun problemlos m&#246;glich, er stand ihnen nicht mehr im Weg. Er war auf raffinierte Weise aus der Beziehung gemobbt worden. Oder hatte sie sich letztlich auch gegen \u201cihn\u201d entschieden, weil sie von allen M&#228;nnern genug hatte? Sie w&#252;rde mit Scheuklappen durch die Hauptstra&#223;e gehen, hatte sie ihm einmal an den Kopf geworfen. Schlie&#223;lich w&#252;rden alle M&#228;nner, die sich f&#252;r sie in diesem Alter interessierten, doch nur das wollen, was sie ihm aus einer Art Ekel heraus, der wohl in ihren fr&#252;hen sexuellen Erfahrungen begr&#252;ndet lag, verweigert hatte.<br \/>\nDie sp&#228;te Hinwendung zu Frauen, die sie ihm gegen&#252;ber als eine Begr&#252;ndung f&#252;r die Trennung nannte, und sich nicht mehr f&#252;r M&#228;nner zu interessieren, sollte das best&#228;tigten. Gleichwohl sah er sie nach der Trennung zuf&#228;llig mehrmals in Begleitung anderer M&#228;nner.<br \/>\nIn den zwei Wochen wird er zu der ern&#252;chternden Erkenntnis gelangen, dass er das schleichende Gift dieser Nachrichten schlicht untersch&#228;tzt hatte. Dass er seine F&#228;higkeit, die Eifersucht in sich niederzuk&#228;mpfen und unter Kontrolle zu halten, &#252;bersch&#228;tzt hatte. Ohne konkrete Beweise hatte er schweigen wollen und schlie&#223;lich auch gar nicht nach ihnen gesucht, denn das h&#228;tte in seinen Augen Eifersucht bedeutet. Und er wollte zu sich selber ehrlich sein.<br \/>\nIn diesen zwei Wochen, nachdem sie ihn nun nachweisbar und offensichtlich mit ihrer ersten Liebe hintergangen hatte &#8211; Hatte sie es getan? Zweifelte auch er trotz der Beweise daran? -, wurde diese Eifersucht hemmungslos in ihm hochgesp&#252;lt. All der Argwohn, die Phantasien waren mit einem Mal wieder da. Hatte sie \u201cihm\u201d mehr gegeben, als sie zugegeben hatte? Wollte sie ihren Liebhaber \u2013 War er einer? &#8211; sch&#252;tzen, sch&#252;tzen vor ihm, vor seinem J&#228;hzorn. Vermutlich traute sie ihm zu, diesen Mann zu t&#246;ten. Und auch in seinen Phantasien kamen solche T&#246;tungsabsichten sehr lebendig vor, als er sie von hinten beim Betreten eines Lokals sah. Sollte er nach Hause gehen und ein Messer holen? Sie vor dem Lokal erwarten, das sie irgendwann verlassen mussten. Sollte er ihnen folgen und ihn dann bei einer g&#252;nstigen Gelegenheit erstechen? Er w&#252;rde das von vorne tun, sie &#252;berraschen, sich vorstellen lassen und dann pl&#246;tzlich zustechen. Er wollte sehen, wie der jahrelange Qu&#228;ler seiner Gef&#252;hle stirbt. Aber war es der geheime Informant, der ihm all die Jahre seine Phantasien angestachelt hatte. War es der Liebhaber? War es nur ein Kollege, mit dem sie eine Besprechung hatte?<br \/>\nDer Pakt mit dem Teufel w&#252;rde so erf&#252;llt werden. Der Kreis w&#252;rde sich f&#252;r den anderen schlie&#223;en.<\/p>\n<p>In den zwei Wochen hatte er niemanden in seiner Umgebung, mit dem er &#252;ber ihren Betrug reden konnte. Er konnte sich auch nicht vorstellen, mit jemandem dar&#252;ber zu reden. Sein Sohn, der an einem Wochenende in diesen zwei Wochen in Graz gewesen war, war nicht der geeignete Gespr&#228;chspartner. Er wollte ihn sch&#252;tzen, ein solches Bild der Mutter zu sehen. Es gab einen auch seinem Sohn bekannten Pr&#228;zedenzfall: Der Vater eines seiner Freunde &#8211; beide hatten in fr&#252;her Jugend im selben Tennisverein gespielt und die V&#228;ter kannten sich als abwechselnd t&#228;tige Mannschaftsf&#252;hrer der Jugendgruppe gut &#8211; hatte vor einigen Jahren seine Frau von einem Tag auf den anderen verlassen. Seither weigerte sich der Sohn, auch nur ein Wort mit seinem Vater zu sprechen. Der Vater litt so sehr darunter, wobei sich das deutlich in seinem &#196;u&#223;eren zeigte, denn er war vordem recht korpulent gewesen, hatte aber unter der Situation leidend mehr als zwanzig Kilogramm verloren und sah um mindestens zehn Jahre &#228;lter aus. Hatte er sich &#228;u&#223;erlich auch so ver&#228;ndert? Er pr&#252;fte es immer wieder im Spiegel und stellte fest, dass er sich wenig ver&#228;ndert hatte.<br \/>\nNach den zwei Wochen fasste er endlich den Mut und versuchte, mit jener Kollegin, die in Graz zu einer pers&#246;nlichen Freundin geworden war, zumindest telefonisch in ein Gespr&#228;ch zu kommen. Sie lebte mit einem K&#252;nstler in Wien und diese waren das einzige Ehepaar, zu dem sie in all den Jahren einen wenn auch unregelm&#228;&#223;igen und seltenen Kontakt pflegten. Da diese Kollegin am Beginn des Schuljahres \u2013 sie war Leiterin einer Fachhochschule \u2013 zahlreiche Termine hatte, gelang es ihnen &#252;ber eine Woche nicht, zu einem l&#228;ngeren Gespr&#228;ch zu kommen, in welchem die Ruhe und die Zeit war, eine pers&#246;nliche Angelegenheit zu besprechen. Sie wollten es w&#228;hrend der Arbeitszeit tun, denn es w&#228;re nicht so leicht gewesen, das innerhalb jener Mauern zu tun, in denen sie auch anwesend war, trotz der Gr&#246;&#223;e der Wohnung, die sie schon lange nutzte, um auf Distanz zu ihm zu gehen. Nach einer neuerlichen unerfreulichen Aussprache an einem Morgen \u2013 sie hatte durch die Unordnung in ihrem Kleiderschrank entdeckt, dass er ihr jene Reizw&#228;sche weggenommen hatte, die er ihr vor einigen Jahren geschenkt hatte, um ihrem Sexualleben einen Impuls zu verleihen \u2013 rief er seine Freundin in deren Wohnung an. Es fiel ihm nicht leicht, diese ihn in seinen Augen erniedrigenden Ereignisse im Detail zu erz&#228;hlen. Zum Gl&#252;ck hatte sie auf Grund der bisherigen kurzen Telefonate schon geahnt, was geschehen war. Sie nahm sich eine Stunde Zeit f&#252;r ihn.<br \/>\nDie im psychosozialen Bereich erfahrenen Freundin konnte die erlebte Verletzung nicht nur verstehen, sondern sie ermutigte ihn, auf Distanz zu gehen und nicht \u2013 wie es offensichtlich in seinem Naturell war \u2013 auf sie zuzugehen. Sie h&#228;tte ihn betrogen und sie h&#228;tte trotz des Schrittes, mit dem anderen Schluss zu machen &#8211; den sie unmittelbar vor Strasbourg wieder zur&#252;cknahm; weil sie sich mit ihm dort treffen wollte? -, auf ihn zuzugehen. Er sollte in keinem Fall eine Umkehrung dieser Verh&#228;ltnisse dulden. Er war &#252;berrascht, wie trefflich sie seine Frau in all den Jahren einzusch&#228;tzen gelernt hatte. Sie sprach offen die Asymmetrie der Beziehung an, die immer auf seine Kosten gegangen w&#228;re. Sie hatte immer wieder mitbekommen, dass sie mehr oder minder nur an sich dachte und nie an die Beziehung. Er solle vor diesem Egoismus nicht die Augen verschlie&#223;en und auch nicht versuchen, ihr den Schritt zur&#252;ck zu leicht zu machen. Sie und nur sie habe ihn betrogen. Auch wenn es ihm schwer f&#228;llt, m&#252;sse er in dieser Situation an sich denken und nicht an die Beziehung oder gar an sie. So oder so m&#252;sste sie sich entscheiden und wenn er wollte, dass sie zu ihm zur&#252;ckkommt \u2013 und auch das wusste sie, dass er das wollte -, dann k&#246;nne er, so schmerzlich das auch sein mag, darauf keinen Einfluss nehmen. Nicht er m&#252;sse bitten und betteln sondern sie. Sie habe sein Vertrauen missbraucht und er habe jedes Recht auf Misstrauen.<br \/>\nEs tat ihm weh, diese n&#252;chterne Analyse aus dem Mund einer Freundin zu h&#246;ren, denn er selber hatte in seiner Hilflosigkeit nicht den Mut, sich diese Tatsachen, mochten sie auch noch so offen auf dem Tisch liegen, einzugestehen. Nicht nur Liebe macht blind, sondern auch der Hass. Hass? Er stolperte &#252;ber dieses Wort. War es Hass, der ihn in dieser Zeit antrieb? Nach diesem Gespr&#228;ch wird er zur &#220;berzeugung gelangen, dass auch er f&#228;hig war, zu hassen. Und dass die Unterdr&#252;ckung des Hasses jene Energie in ihm band, die er brauchte, um sich seiner Lage gem&#228;&#223; zu verhalten. Gab es in dieser Situation &#252;berhaupt ein richtiges Verhalten? Kann man das lernen?<br \/>\nBesonders traf ihn das Kopfsch&#252;tteln, das er in der Stimme seiner Freundin h&#246;rte, als er ihr von den zahlreichen Hinweisen zu ihren Heimlichkeiten in den letzten Jahren erz&#228;hlte. Wahrscheinlich sei es der Nebenbuhler selber gewesen, der auf diese Weise ihre Beziehung zerr&#252;tten wollte, indem er in ihm diese mit der Zeit unterdr&#252;ckte Eifersucht sch&#252;ren wollte, von der \u201cer\u201d offensichtlich wusste, dass sie solche Vorw&#252;rfe, Unterstellungen hasste. Er sollte nicht wieder so blau&#228;ugig sein, ihren Beteuerungen zu glauben, dass sie kein Verh&#228;ltnis gehabt h&#228;tten. Der Andere h&#228;tte gezielt ihre Beziehung sabotiert, indem er ihr das Gef&#252;hl gab, sie in allem zu verstehen und paradoxerweise sogar dazu zu best&#228;rken, bei ihm zu bleiben, weil er eine Methode wusste, wie er ihn manipulieren k&#246;nnte, von innen heraus die Beziehung zu zerst&#246;ren. Er brauchte nur zu warten.<br \/>\nEine Freundin aus dem Internet &#8211; er hatte zahlreiche langj&#228;hrige Kontakte durch seine literarischen Aktivit&#228;ten in virtuellen Gruppen &#8211; sandte ihm in diesen Tagen ein Gedicht von Kelly Priest:<\/p>\n<p>Mit der Zeit lernst du,<br \/>\ndass eine Hand halten nicht dasselbe ist,<br \/>\nwie eine Seele fesseln.<br \/>\nUnd dass Liebe nicht Anlehnen bedeutet,<br \/>\nund Begleiten nicht Sicherheit.<\/p>\n<p>Du lernst allm&#228;hlich,<br \/>\ndass K&#252;sse keine Vertr&#228;ge sind,<br \/>\nund Geschenke keine Versprechen.<\/p>\n<p>Und du beginnst,<br \/>\ndeine Niederlagen erhobenen Hauptes<br \/>\nund offenen Auges hinzunehmen,<br \/>\nmit der W&#252;rde des Erwachsenen,<br \/>\nnicht maulend wie ein Kind.<\/p>\n<p>Und du lernst,<br \/>\nall deine Stra&#223;en auf dem Heute zu bauen,<br \/>\nweil das Morgen ein zu unsicherer Boden ist.<\/p>\n<p>Mit der Zeit erkennst du,<br \/>\ndass sogar Sonnenschein brennt,<br \/>\nwenn du zuviel davon abbekommst.<\/p>\n<p>Also bestelle deinen Garten<br \/>\nund schm&#252;cke selbst dir die Seele mit Blumen,<br \/>\nstatt darauf zu warten,<br \/>\ndass andere die Kr&#228;nze flechten.<\/p>\n<p>Und bedenke,<br \/>\ndass du wirklich standhalten kannst,<br \/>\nund wirklich stark bist.<\/p>\n<p>Und dass du deinen eigenen Wert hast.<\/p>\n<p>K&#246;nnen Verse tr&#246;sten? Kann es tr&#246;sten, dass ein anderer das selbe Schicksal erlitten hat? Gibt es in der Liebe eine Duplizit&#228;t der F&#228;lle?<br \/>\nWar ihre Liebe auch nur eine von vielen, eine &#252;bliche?<br \/>\nEine, die man von der Stange kauft?<br \/>\nEr wollte das in all den Jahren nicht glauben und k&#228;mpfte daf&#252;r, dass es nicht so w&#228;re. War nun dieser Kampf verloren?<br \/>\nHatte ihn die Allt&#228;glichkeit eingeholt?<br \/>\nSie hatte den Kampf schon l&#228;ngst aufgegeben, wie sie sagte.<br \/>\nEr hatte es nicht bemerkt und erst sehr sp&#228;t erkannte er, dass er in seinem Kampf allein war. Aber er glaubte daran, dass er f&#252;r zwei k&#228;mpfen k&#246;nnte.<br \/>\nNun wei&#223; er, dass sein Kampf gescheitert ist.<br \/>\nAuch der Kampf gegen seine Eifersucht, gegen sein Naturell.<br \/>\nHatte er damit auch seine Pers&#246;nlichkeit zerst&#246;rt?<br \/>\nVielleicht hat sein Kampf den Rest der Illusion zerst&#246;rt.<br \/>\nWer hat versagt?<br \/>\nGibt es eine Schuld?<br \/>\nIst nicht seine Blindheit gegen&#252;ber den doch so offensichtlichen Zeichen ihrer Untreue genauso schuld daran wie ihre Resignation ob seiner Selbstkontrolle, die all seine spontanen Gef&#252;hle unterdr&#252;ckte?<br \/>\nDa an diesem Tag auch sein Sohn f&#252;r eine Woche nach Graz kam, fragte er seine Freundin am Telefon, ob er dar&#252;ber auch mit ihm sprechen sollte, denn er wollte ihn zwar nicht mit hineinziehen, allerdings war der Sohn in ihrer Beziehung ein guter Seismograph gewesen, der immer f&#252;hlte, wenn es Spannungen gab. Immer zog er sich wohlweislich zur&#252;ck, denn er litt unter den Auseinandersetzungen, wobei er f&#252;rchtete, als Schiedsrichter missbraucht zu werden. Er wollte auch kein Go-between sein, denn er liebte beide Elternteile.<br \/>\nIhr Sohn w&#228;re ohnehin mittendrin. Direkt ansprechen sollte er es nur, wenn es sein Sohn t&#228;te. Er sollte in jedem Fall das Gespr&#228;ch dahingehend suchen, von ihm zu erfahren, wie er die zahlreichen Situationen der Spannung und des Streites miterlebt h&#228;tte. Denn auch er braucht Hilfe, um mit dieser Belastung umzugehen. Irgendwann wird er ja doch erfahren, dass seine Mutter seinen Vater betrogen hatte. Es best&#252;nde kein Grund, sie auch davor zu sch&#252;tzen, um seine Achtung nicht zu verlieren. Sie hatte es getan und sie hatte die Folgen zu tragen.<br \/>\nEr wird es schlie&#223;lich seinem Sohn nach ihrer Entscheidung, den Mann zu verlassen, mit dem sie dreiunddrei&#223;ig Jahre zusammen gelebt hatte, erkl&#228;ren. Sein Sohn wird dann wissen, dass seine Mutter ihren Vater betrogen hatte. Er wird dann auch manche Illusion verloren haben, Illusionen, die f&#252;r manche Menschen zum Gl&#252;ck dazugeh&#246;ren. Dreiunddrei&#223;ig Jahre Illusionen.<br \/>\nDreiunddrei&#223;ig.<br \/>\nWelche Schnapszahl.<br \/>\nAm Ende des Gespr&#228;chs mit seiner Freundin las er die Dauer von 58 Minuten am Display des Telefons ab und konstatierte beinahe mit Genugtuung, dass wenigstens die Kosten dieses Telefonats sie tragen m&#252;sste, denn die Geb&#252;hren wurden im Zuge des damals noch ge&#252;bten haushaltlichen Kostenausgleichs von ihrem Konto abgebucht.<br \/>\nDie Reizw&#228;sche legte er in den Schrank zur&#252;ck.<br \/>\nIhm war in diesen zwei Wochen auch klar geworden, warum er nach ihrer beruflich bedingten R&#252;ckkehr aus Wien keine Chance gehabt hatte, da sie ihn von Anfang an als Teil des \u201eSystems Graz\u201c \u2013 sie nannte es einmal so &#8211; betrachtete und daher all die beruflichen Frustrationen auch auf ihn und ihr Zusammenleben &#252;bertrug. Der Andere hatte ihr nach ihren Aussagen selbstlos zu der R&#252;ckkehr geraten, denn er nat&#252;rlich wusste, dass er ihn durch gezielte SMS-Botschaften zu einer Zeitbombe gemacht hatte. Er musste blo&#223; warten, bis sie explodierte. Und dann w&#252;rde sie ihn verlassen.<br \/>\nSie k&#246;nnte sich niemals eingestehen, einen Fehler begangen zu haben. Sie war in der Zeit ihrer Beziehung zu Selbstkritik unf&#228;hig gewesen, zumindest was ihren Anteil an der Beziehung betraf. Er erinnert sich an keine einzige Situation, f&#252;r die sie sich entschuldigt h&#228;tte. Das Wort Entschuldigung kam nie &#252;ber ihre Lippen. Sie gab zwar zu, auch an dem einen oder anderen Streit \u201emit\u201c-schuldig gewesen zu sein, allerdings war es immer nur eine allgemeine und sie als Person nicht ber&#252;hrende Formulierung, etwa \u201eBei einem Streit sind immer beide beteiligt!\u201c Auch den f&#252;r die damalige Situation l&#228;cherlichen Vorwurf des \u201eMissbrauchs\u201c, den sie im Fr&#252;hjahr als Anlass f&#252;r ihre Auszeit genommen hatte, nahm sie nie mit einer Entschuldigung zur&#252;ck, sondern ersetzte den Begriff durch einen anderen.<br \/>\nIhre Beziehung war davon gepr&#228;gt, dass an allem, was schief lief, er allein die Verantwortung tr&#252;ge und auf Grund der von au&#223;en geschickt manipulierten Gef&#252;hle auch dazu bereit war. Ihre Beziehung war dadurch geradezu gekennzeichnet, dass immer er es war, der sich bei Problemen schuldig f&#252;hlen musste. Fr&#252;her hatte sie ihm sogar paradoxerweise vorgeworfen, dass er es w&#228;re, der versuche, in ihr Schuldgef&#252;hle auszul&#246;sen. Und er f&#252;hlte sich schuldig, das zu tun.<br \/>\nWollte er ihr die Schuldgef&#252;hle ersparen, indem er alles auf sich nahm?<br \/>\nWar er der S&#252;ndenbock in der Beziehung, dem man all das Unheil aufbinden und dann in die W&#252;ste schicken konnte?<br \/>\nWar das der Preis des Teufelspaktes?<br \/>\nHatte sich der Mechanismus des S&#252;ndenbocks f&#252;r das Funktionieren ihrer Beziehung als so heilsam erwiesen, dass sie damit f&#252;r einige Zeit nicht in vielleicht zerst&#246;rerische Rivalit&#228;ten zur&#252;cksinken mussten?<br \/>\nDiese Schieflage hatte er mit der Zeit verinnerlicht und glaubte mit der Zeit selber daran, dass es tats&#228;chlich so w&#228;re. Er nannte sich einen Idioten, der nicht f&#228;hig w&#228;re, es in einer Beziehung richtig zu machen. Seine Abendgebete waren oft nichts anderes als eine verbalisierte Demontage seines Selbstbewusstseins, seines Ich.<br \/>\nDie &#252;bernommene S&#252;ndenbockrolle &#8211; gleichwohl durch den katholischen Katechismus in ihm angelegt &#8211; erzeugte ein permanent schlechtes Gewissen, wobei er ohne Unterlass bem&#252;ht war, nichts falsch zu machen. Wohl auch aus diesem Grund beging er Fehler. Er wurde in offenen und kritischen Situationen im Umgang mit ihr immer &#228;ngstlicher, wobei ein Merkmal seiner Angst die Panik war, in der er verletzt verletzend wurde und verbal zur&#252;ckschlug. Aber er hatte sich meist unter Kontrolle und dies trug ihre Beziehung &#252;ber viele Jahre hinweg.<br \/>\nErwartete er Anerkennung daf&#252;r, dass er seine Emotionen unterdr&#252;ckte?<br \/>\nWollte er doch nicht als S&#252;ndenbock geopfert werden? Wollte er einmal aus dieser Rolle ausbrechen?<br \/>\nSo n&#252;chtern hatte er es in den zwei Wochen analysiert.<br \/>\nHier war sie wieder, diese vernunftgeleitete Kontrolle. Schlie&#223;lich gab es f&#252;r die Emotionen ja den Pakt.<br \/>\nDiese Angst mit all dem Unheil beladen in die W&#252;ste geschickt zu werden, f&#252;hrte auch dazu, dass er in vielem schon von vorneherein versuchte, sich in ihre Lage zu versetzen, was wohl notwendigerweise immer wieder schief ging, denn sie war ihrem Naturell nach sprunghaft und wenig berechenbar. Einerseits ging von dieser Ambivalenz ein gewisser Reiz aus, andererseits machte ihr Verhalten die gedeihliche Entwicklung einer stabilen und auf einer gewissen Berechenbarkeit beruhenden Beziehung schwierig, wenn nicht unm&#246;glich.<br \/>\nManchmal dachte er, dass sie das selber wusste und auch bem&#252;ht war, daran etwas zu &#228;ndern. Das war vor allem in der Zeit, in der sie sich auf die Ehe vorbereiteten. Es war ihr nie gelungen.<br \/>\nEin Merkmal, das vermutlich mit dieser Unstetigkeit zusammenhing, war ihre Unf&#228;higkeit, auf eine harmlose Frage nach einer pers&#246;nlichen Bewertung eine eindeutige Antwort zu geben. Es gab immer wieder Situationen, in denen er sie nach ihrer Meinung zu einem Kunstwerk, einem Ereignis, einer Entwicklung befragte. Sie vermied es stets, eine direkte Antwort zu geben, sondern hatte in diesem Augenblick einen forschenden, fragenden Blick, was der andere erwarte. Und da er nichts erwartete, sondern einfach ihre Meinung wissen wollte, fand sie in seinem Gesicht keine Antwort, die sie h&#228;tte geben k&#246;nnen.<br \/>\nHatte sie Angst vor einer eigenen Meinung? Hatte sie Angst, etwas Falsches zu sagen?<br \/>\nHatte jede Exposition in ihrer Beziehung dazu gef&#252;hrt, dass der andere daraus einen Vorteil zog?<br \/>\nHatten beide Angst?<br \/>\nWar Angst das bestimmende Element ihrer Beziehung?<br \/>\nDreiunddrei&#223;ig Jahre Angst?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eifersucht war vor allem in den ersten Jahren ihrer Beziehung ein st&#228;ndiger und manchmal verh&#228;ngnisvoller Begleiter. 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