{"id":10,"date":"2008-07-28T17:19:50","date_gmt":"2008-07-28T15:19:50","guid":{"rendered":"http:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=10"},"modified":"2023-08-17T06:47:46","modified_gmt":"2023-08-17T06:47:46","slug":"xxi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zwei-wochen.stangl.eu\/?p=10","title":{"rendered":"XXI"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wir hatten nur ein Leben,<br \/>\nes war zu kurz f&#252;r alles,<br \/>\nwas wir von ihm erwarteten.<br \/>\n<i>Waltraud Anna Mitgutsch: <a title=\"Wenn du wiederkommst Mitgutsch Waltraud Anna\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/3630873278?tag=psychoblogger-21&amp;camp=1410&amp;creative=6378&amp;linkCode=as1&amp;creativeASIN=3630873278&amp;adid=14HZNKWR1KXY8C9JXK4M&amp;\">Wenn du wiederkommst<\/a><\/i><\/p>\n<p>Das Dilemma ihrer Beziehung bestand darin, dessen wurde er sich nach den zwei Wochen bewusst, dass er sich zusehends auf sie allein fixiert hatte, w&#228;hrend sie immer Aktivit&#228;ten und Freundschaften nebenher pflegte. Sie besuchte verschiedene Sprachkurse und entwickelte in diesem Kontext &#252;ber Jahre hin Kontakte, w&#228;hrend er nach anf&#228;nglicher unsinniger Eifersucht darauf es allm&#228;hlich akzeptierte.<br \/>\nAuch M&#228;nner werden kl&#252;ger.<br \/>\nIhre Auslandst&#228;tigkeit war teilweise damit zu begr&#252;nden, dass sie in ihrem Leben noch einmal einen Kick wollte. Dass es doch nicht alles gewesen sein konnte, einen Mann zu heiraten, ein Kind gro&#223;zuziehen und dann bis zur Pensionierung oder bis zum Tod business as usual zu betreiben. Das hatte er erst begriffen, als sie aus Wien zur&#252;ckkam und in das ungeliebte System Graz zur&#252;ckkehrte. Nur als er versuchte, diese sp&#228;te Erkenntnis in Bezug auf ihre Beziehung auch zu leben \u2013 und das war es, was ihn besonders verbitterte \u2013 &#252;bernahm eine andere Beziehung dieses Thema. Vermutlich hatte sie auf Grund der fr&#252;heren Erfahrungen mit einer R&#252;ckkehr kein Vertrauen mehr in ihn. R&#252;ckblickend wurde ihm bewusst, dass alles, was er damals getan hatte, einen Neuanfang zu suchen, von ihr einfach ignoriert worden war. Sie liebte ihn nicht mehr und warum sollte sie von jemandem, den sie nicht liebte, Hilfe erwarten. Eher erlebte sie seine Versuche, sie wieder aufzunehmen, als Klammern, das sie verabscheute. Sie merkte sehr wohl, dass er in der Zeit ihrer Abwesenheit wenig dazu gelernt hatte, denn er blieb weiter allein auf sie fokussiert und das nahm ihr den Atem, den sie zum Leben brauchte. Warum hatte er nicht in der Zwischenzeit so wie sie Beziehungen aufgebaut?<br \/>\nEin einziges Mal hatte er in Form eines Zeichenseminars an der Volkshochschule Aktivit&#228;ten au&#223;erhalb ihrer Beziehung gesucht, wobei dies eher aus Trotz wegen ihrer Auslandst&#228;tigkeit geschah und weniger, weil er ein Bed&#252;rfnis danach hatte. Er hatte immer schon gezeichnet, aber das Gebiet der Portrait- und Aktzeichnung konnte er nicht aus B&#252;chern lernen. Schlie&#223;lich war sein einziges Motiv, diese Kurse zu besuchen, ein so guter Portr&#228;tist zu werden, um sie zu zeichnen. Auch hier manifestierte sich letztlich wieder die alte Fokussierung auf sie. Als er sie einige Male in Streitgespr&#228;chen an beiden H&#228;nden festhielt, schrie sie ihn an, dass sie sich nicht wie ein Kind behandeln lie&#223;e, das man festhalten muss, um es zu belehren. In diesen zwei Wochen begriff er allm&#228;hlich, dass man sie nicht festhalten konnte, weder k&#246;rperlich noch psychisch. Er wusste zwar, dass sie Freiraum brauchte \u2013 das wusste er von Anfang an, hatte aber immer Angst, dass in diesem Freiraum etwas Besseres auf sie wartet als er -, hatte aber zuwenig Vertrauen in ihre Liebe. Hier landete er bei dem anderen Dilemma, dass er nie sicher sein konnte, dass sie ihn liebte. Er wusste zwar, dass ihre Liebe zu ihm l&#228;ngst erloschen war \u2013 er konnte sich in den zwei Wochen nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal diese Worte gebraucht hatte -, hoffte aber immer noch, dass sie es doch irgendwann einmal sagen w&#252;rde. Nach den zwei Wochen wird er &#252;ber seine Naivit&#228;t lachen.<br \/>\nEs verbitterte ihn, dass er den Zeitpunkt &#252;bersehen hatte, als ihre Liebe weniger wurde, als sie schlie&#223;lich zu Ende war. Warum hatte sie ihm kein Zeichen gegeben, warum hat sie ihn nie darum gebeten, ihr zu helfen, wieder Liebe oder zumindest Gef&#252;hle zu entwickeln. Warum hatte sie nie &#8230;<br \/>\nWas hatte er getan, um das Erl&#246;schen ihrer Gef&#252;hle zu verhindern? Irgendwann hatte sie aufgeh&#246;rt, nach seinen Verletzungen zu weinen. War das der Zeitpunkt gewesen?<br \/>\nIn ihrer Frauentrilogie hatte sie die drei Formen der Magie beschworen: Erscheinen \u2013 Verwandeln \u2013 Verschwinden. Diese drei pr&#228;gten ihr eigenes Leben, bevor sie ihn kennengelernt hatte. Er wusste nie exakt \u2013 sie lie&#223; ihn stets im Ungewissen \u2013 wie viele intime M&#228;nnerbeziehungen sie vor ihm gehabt hatte. Wollte er es wissen? Einige hatte sie ihm nicht verschwiegen, sodass er sch&#228;tzte, dass es an die zehn bis zwanzig gewesen sein mussten. Eine Zahl, die ihn, der er so lange gewartet hatte, in seiner verklemmten Sexualit&#228;t erschreckte. Er war am Beginn ihres Beisammenseins immer wieder eifers&#252;chtig auf diese vergangenen Beziehungen, er qu&#228;lte sie damit. Was er von ihnen wusste, war, dass immer sie die Beziehungen beendet hatte, dass sie einfach aus den Beziehungen verschwand. Und vor diesem Verschwinden hatte er unendliche Angst. Er baute um sie einen K&#228;fig aus Beteuerungen, Beschw&#246;rungen und Drohungen \u2013 er h&#228;tte zwar schon aus Selbstzweifeln heraus nie im Leben Selbstmord begangen, setzte aber diese Drohung immer wieder erfolgreich als Druckmittel ein, da sie Suizid zumindest f&#252;r m&#246;glich hielt. Dass es ihm schlie&#223;lich gelungen war, sie dreiunddrei&#223;ig Jahre an sich zu binden und sie am Verschwinden zu hindern, h&#228;tte ihm doch schon lange zuvor Ruhe und Gelassenheit vermitteln k&#246;nnen. Dass es ihm nicht gelang, lag an einer seltsamen Disparit&#228;t zwischen ihren individuellen Geschwindigkeiten, wie sie sich einander gegen&#252;ber verhielten. Zwar verbreitete sie in beruflichen und manchen privaten Aktivit&#228;ten rastlose Hektik, Sprunghaftigkeit und Perfektionismus, ihm gegen&#252;ber aber, wenn es etwa darum ging, etwas zu berichten, war sie qu&#228;lend bed&#228;chtig und langsam. Es dauerte sehr lange, bis er sich darauf einigerma&#223;en einstellen konnte, allerdings gelang es ihm nie wirklich, sich ihrer Geschwindigkeit in einer konkreten Situation anzupassen. Wenn sie beisammen waren, erfasste ihn oft eine qu&#228;lende Ungeduld, wenn sie wieder einmal ausholte, etwas im Detail zu erz&#228;hlen. Zwar warf sie ihm immer wieder einen dozierenden und abschweifenden Gespr&#228;chsstil vor, ihrer war aber vergleichsweise &#228;hnlich. Der Unterschied lag in der Reaktion: w&#228;hrend sie geduldig seine Sermone &#252;ber sich ergehen lie&#223;, unterbrach er sie in seiner Ungeduld, sodass sie wohl zu Recht dachte, er wollte schon wieder den Gespr&#228;chsfaden an sich rei&#223;en. Seine Ungeduld hatte teilweise die Wurzeln in seiner Unsicherheit und seiner Bef&#252;rchtung, etwas zu vers&#228;umen, etwas f&#252;r ihn Wichtiges im Gespr&#228;ch dann zu vergessen. Wahrscheinlich h&#228;tte er sich &#8211; so wie er es im wissenschaftlichen Diskurs kannte, einen Stift und einen Zettel nehmen sollen, um seine Einw&#252;rfe festzuhalten. Wie l&#228;cherlich.<br \/>\nSeine Ungeduld lie&#223; ihn zu einem Ablaufperfektionisten werden, der alle Routinet&#228;tigkeiten immer wieder danach abklopfte, ob sie nicht noch schneller und rationeller erledigt werden konnten. So optimierte er auch Abl&#228;ufe, die die Hektik aus seinem Erleben h&#228;tten nehmen k&#246;nnen, etwa Duschen oder das Zubereiten des Fr&#252;hst&#252;cks. Aus dieser sich allm&#228;hlich entwickelten Disparit&#228;t entstanden zahlreiche Situationen, die in beiden Unzufriedenheit ausl&#246;ste: da er das Fr&#252;hst&#252;ck immer schneller zubereitete, war sie noch lange nicht im Bad mit ihrer Morgentoilette fertig, sodass sie sich bedr&#228;ngt f&#252;hlte, wenn er schon ins Bad kam und sie gerade erst den Slip angezogen hatte. Andererseits erlebte er ihre Langsamkeit als Tr&#246;deln und Verlust gemeinsamer Zeit. In den zwei Wochen wurde ihm bewusst, dass er sich an sie komplement&#228;r angepasst hatte, m&#246;glicherweise aus einem inneren Widerstand heraus. In ihrer allt&#228;glichen Betriebsamkeit &#228;hnelte sie ihrer Mutter, w&#228;hrend die Langsamkeit im direkten Kontakt von ihrem Vater herr&#252;hrte, der minutenlang damit besch&#228;ftigt war, ein Butterbrot so zu schmieren, dass der Aufstrich &#252;berall bis an den Rand gleichm&#228;&#223;ig war. Er genoss es auch, dass man ihn bei Tisch dabei beobachtete, wie er hernach gen&#252;sslich das Brot in exakt gleich breite Schnitten zerteilte, wobei er mit dem Belag hernach etwa in gleicher Weise verfuhr. Die Langsamkeit ihres Essens war allerdings f&#252;r ihn kein allzu gro&#223;es Problem, eher schon f&#252;r die Kellner in Restaurants, die immer wieder unverrichteter Dinge abziehen mussten, wenn sie das n&#228;chste Gericht bringen wollten \u2013 erst in den letzten Jahren vor den zwei Wochen, wie er sie nach dem Abschluss der eigenen Nahrungsaufnahme beobachtete &#8211; oder wie sie es empfand &#8211; anstarrte. Dabei liebte er ihre Art zu essen, ein St&#252;ck Fleisch mit Messer und Gabel so zu sezieren, dass keine Flachse oder kein H&#228;utchen mehr daran war. Manchmal klagte sie &#252;ber die schlie&#223;lich kalt gewordenen Speisen. Teller hatten bei ihr vorgew&#228;rmt zu werden.<br \/>\nZwar hatte er sich in den letzten Jahren bem&#252;ht, sich dem Tempo ihres Essens anzupassen, gelungen war es ihm nur in den seltensten F&#228;llen, am ehesten, wenn sie nur eine Vorspeise bestellt hatte. K&#246;nnen solche Differenzen im Rhythmus eine Beziehung zerst&#246;ren?<br \/>\nOder war das Erleben des angestarrt werden nur eine Folge ihrer Trennung gewesen, denn sie hatte ihm immer wieder berichtet, wie sch&#246;n es war, alleine in ihrer Wohnung f&#252;r sich ein Essen zu bereiten. War es nach dem Studium, in dem sie alleine gewohnt hatte, das erste Mal wieder, dass sie f&#252;r sich selber sorgte, dass sie es wieder erlebte, sich selber etwas zuzubereiten, sich selber etwas zu verg&#246;nnen und allein mit sich selber zu genie&#223;en?<br \/>\nDiese Frage stellte er sich wiederholt nach den zwei Wochen, denn sein Perfektionismus war ihm durchaus nicht in die Wiege gelegt worden, sondern eine Reaktion auf ihren Anpassungsdruck, den sie vor allem in den ersten Jahren ausge&#252;bt hatte. Er war im Grunde genommen eher schlampig und oberfl&#228;chlich, etwa was die Haushaltsf&#252;hrung anging. Der Putzfimmel seiner Mutter, die t&#228;glich den Staub auf allen M&#246;belst&#252;cken aufwirbelte, damit sie ihn am n&#228;chsten Tag abermals aufwirbeln konnte, da er sich in Zwischenzeit wieder als matter Schleier auf alles gelegt hatte, was gl&#228;nzen konnte.<br \/>\nSie bestand von Anbeginn darauf, dass &#252;berall Ordnung herrschen m&#252;sse. Der w&#246;chentliche Putztag war vom Beginn ihres Zusammenlebens an ein Wettlauf gegen die Zeit: wer hat schneller seinen Part erledigt. Ihre erste kleine Wohnung in Graz, die sie relativ verwahrlost &#252;bernommen hatten, blitzte bei ihrem Weggehen vor Sauberkeit. Vermutlich stellte sich bei ihr erst dann eine gewisse Nachl&#228;ssigkeit ein, als sie eine Putzfrau besch&#228;ftigten. Wenn etwas nicht sauber war, dann war jemand anderer daran schuld und man konnte es der Putzfrau beim n&#228;chsten Mal nahe legen, einmal auch die T&#252;rrahmen gr&#252;ndlich zu putzen. In der Zeit, in der sie in Strasbourg und in Wien war, besch&#228;ftigte er zwar auch eine Putzfrau, &#252;bertrug den Perfektionismus aber auf seine allt&#228;glichen Abl&#228;ufe. Wenn er sich eine Abendessen kochte, dann setzte er sich erst dann zu Tisch oder zum Fernsehapparat, wenn das Kochgeschirr und die weiteren verwendeten K&#252;chenutensilien schon abgewaschen waren. Er bedauerte manchmal, dass er den Teller, von dem er a&#223;, nicht auch vor dem Essen abwaschen konnte. Er bevorzugte in der Folge Pfannengerichte, die er direkt aus der Pfanne a&#223;.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: right;\">Das meiste auf der Welt geht nicht durch Gebrauch kaputt, sondern durch Putzen.<br \/>\n<em>Erich K&#228;stner<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten nur ein Leben, es war zu kurz f&#252;r alles, was wir von ihm erwarteten. 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