III Be.Trug.Schlüsse

Er erledigte Routinearbeiten wie Mailabruf, Statistikkontrolle, Wetterprognose für heute Mittag, um zu wissen, ob sie in ihrem Stammlokal einen Tisch im Freien oder drinnen reservieren sollten. Er erledigte Aufgaben, die man tun konnte, ohne dabei zu denken. Er löschte die Spam-Mails, leitete eine Mail an einen Kollegen weiter. Warf einen Blick auf die Schlagzeilen der ORF-News, blätterte kurz im Sportteil. Registrierte die Kritik einer Opernpremiere am Landestheater. Daran wird er sich nach Monaten noch erinnern. Sogar an den Namen der in der Kritik hervorgehobenen Sängerin der Titelpartie. Und dass sein Fußballverein am Vortag wieder einmal verloren hatte, 0:2.

Gezielte, auf das für ihn unfassbare, undenkbare Geschehen bezogene Reaktionen, werden noch einige Zeit auf sich warten lassen. Manche erst nach Wochen und Monaten auftauchen. Gedanken der Sinnlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, der Angst, Selbstmordgedanken und Verlust des Interesses an sonst in seinem Leben interessanten Dingen. Er wird in den kommenden zwei Wochen nicht mehr den Fernsehapparat einschalten, nicht einmal für die Nachrichtensendungen, die er sonst täglich gesehen hatte. Neben Schlafstörungen, Ängsten und depressiven Symptomen wird er “Flashbacks” erleben, in denen diese Minuten der Entdeckung ihres Betruges wie in einem inneren Film und in sich gewaltsam aufdrängenden Bildern ablaufen, Stimmen und Gedanken sich quälend wiederholen. Dieser innere Film wird ihn auch nach Jahren noch begleiten, irrealer und absurder vielleicht, wird er ihm dann erscheinen. Fremder. Nicht auf ihn bezogen. Aus einer anderen Welt. Manchmal.

Eine gewichtige Rolle spielte in seinem Leben die ihm eigene Treue. Hatte er einmal zu etwas eine tiefere Beziehung aufgebaut – waren es nun Gegenstände oder Menschen -, so hielt er an ihnen fest. Hielt an ihnen fest mit einer ihm ebenso zuzuschreibenden Beharrlichkeit und Sturheit, die ihn auch dann treu sein ließen, wenn ihm dies zum Schaden gereichte. Ein Freund riet ihm, sich eine andere Wohnung zu suchen, seine täglichen Abläufe und Gewohnheiten zu ändern, Neues zu versuchen. Doch er zog es vor, die erst in den Jahren der beruflich bedingten Trennung begonnen täglichen Spaziergänge am Murufer weiter zu führen und dabei den Gedanken und Sehnsüchten von damals nachzuhängen, die ihm anfangs Tränen in die Augen getrieben hatten. Selbstmitleid? Wahrscheinlich. Gewiss. Er litt mit sich selber und genoss es in einem erheblichen Ausmaß. Er blieb sich auch darin treu.

In den Routinearbeiten an seinem Computer kam er doch allmählich zur Ruhe – er reservierte einen Tisch in ihrem Stammlokal in Urfahr, das sie bei schönem Wetter jeden Sonntag besuchten. Seine ersten Gedanken galten der Überlegung, ob er zunächst alles für sich behalten sollte oder ob er sie damit konfrontieren sollte. Der Entschluss war rasch getroffen, denn letztlich blieb ihm keine Wahl. Er wollte ihr eine Chance geben und es indirekt versuchen. Er hörte den Föhn im Bad laufen. Sie hatte also ihre Haare gewaschen und das Föhnen dauerte bei ihren langen Haaren immer sehr lang. Es blieb ihm noch Zeit.

Er tippte die Telefonnummer – die hatte sich durch die Ansage der Frauenstimme in der Mailbox und durch das Aufleuchten am Display in seinem Gehirn menetekelgleich eingebrannt, während er ihre Mobiltelefonnummer bis zu diesem Tag nicht behalten hatte – in sein eigenes Handy. Er drückte nach einem Durchatmen die Ruftaste. Erst nach einigen Sekunden läutete es. Einmal. Zweimal. Er unterbrach die Verbindung. Hatte er Angst? Er drückte die Rufwiederholung. Dieses Mal ließ er es fünfmal läuten, dann eine Frauenstimme: „Diese Nummer ist zur Zeit nicht erreichbar. Bitte … “ Er drückte abermals die Rufunterbrechung. Was hätte er sagen sollen? Wollte er denn überhaupt wissen, mit wem sie es trieb, während sie sich ihm schon seit Monaten verweigerte? Sie schliefen wohl miteinander. Eher, sie ließ es geschehen, dass er mit ihr schlief. Das war alles. Eheliche Pflichterfüllung. Nun fiel ihm auch ein, dass er sie in letzter Zeit häufig telefonisch nicht an ihrem Arbeitsplatz erreicht hatte, sondern sie sich nach Auskunft der Sekretärin einen Urlaubstag genommen hatte. Da sie das früher auch schon einige Male getan hatte, war er nicht wirklich argwöhnisch geworden, denn meist berichtete sie selber davon. Wegen des schönen Wetters wäre sie spontan nach Wien in eine Ausstellung gefahren. Oder nach Salzburg.

In seiner aktuellen Stimmung begann er von seinem wissenschaftlich geschulten, akribisch denkenden und analysierenden Verstand angetrieben, Vieles in der Vergangenheit neu zu interpretieren. Es musste neu interpretiert werden. Vor allem ihre Beziehung. Als sie nach dem Duschen aus dem Badezimmer kam, schlug er ihr vor, einen kleinen Spaziergang noch vor dem Essen zu machen. Sie willigte nur zögernd ein, hätte den Spaziergang lieber nach dem Essen gemacht. Nein, das wollte er nicht. Er fürchtete, keinen Bissen hinunterzubringen. Und in diesem Lokal, in das sie dreißig Jahre fast jeden Sonntag gegangen waren – hatte er da seine Treue ihrem gemeinsamen Alltag aufgezwungen? – , hätte er nie die Sprache darauf bringen können. Es musste vorher geschehen. Es gelang ihm, sie zu überreden.

Gleich nach dem Verlassen des Hauses suchte er ein Gespräch über ihre Beziehung, dass er sich sorge, Gedanken mache. Sie blockte wie immer solche Gespräche im Ansatz ab. Häufig endeten diese Gespräche im Streit, denn sie warf ihm vor, er hätte so wenig Verständnis dafür, dass sie mehr Distanz bräuchte. Besonders seit sie nach dem Jahr in Strasbourg und den beiden Jahren in Wien es wieder gewohnt war, die meiste Zeit alleine zu leben. Er müsse das verstehen. Sie bräuchte es.

Sie gingen bei ihrem Weg zum Mittagessen im Murpark wortlos nebeneinander her. Sie überquerten auf der Eisenbahnbrücke die Mur. Danach fragte er unvermittelt, ob sie diese Telefonnummer kenne. Er zeigte ihr auf seinem Handy die Telefonnummer. Sie warf nur kurz einen Blick darauf und schüttelte spontan den Kopf. Er bemerkte in ihrem Gesicht kein Erstaunen, keine Betroffenheit, obwohl sie diese Telefonnummer doch kennen musste. Das irritierte ihn. Hatte sie diese Frage erwartet? War sie darauf vorbereitet gewesen? Hätte sie nicht wenigstens fragen müssen, was es mit dieser Nummer auf sich hat? Welchen Grund hätte er, sie mit dieser Nummer zu konfrontieren? Sie ging nur neben ihm weiter, als hätte es diese Frage nicht gegeben. Ihr Schritt beschleunigte sich nicht, blieb stetig und ruhig wie ihr Blick, der seinen vermied. Wie meist, wenn er in ihrem Gesicht lesen wollte. Sie hatte nach ihrer Reifeprüfung Schauspielerin werden wollen und hatte auch mehrere Jahre Schauspielschulen in Salzburg und Wien besucht, auch dann noch, als sie schon mit dem Studium der Psychologie begonnen hatte. War sie so gut in der Verstellung, oder kannte sie diese Nummer nicht? Ihre Ruhe irritiere ihn. Oder war es Gleichgültigkeit?

Er las ihr nochmals die Nummer vom Display seines Handys vor. Nein, sie könne damit nichts anfangen.

„Ich kann mir doch nicht alle Nummern merken!“

Sollte sie die Nummer nicht wenigstens in ihrem Telefonverzeichnis prüfen?

„Wozu?“ Sie sah ihm dabei offen ins Gesicht. Nicht ein Zögern, nur ein Anflug von Ärger. Einen Ärger, den er kannte, den sie auf seine Fragen hin oft an den Tag gelegt hatte, obwohl es bei den Fragen nur um Alltägliches ging. Sie hasste es, gefragt zu werden. Vor allem zweimal. Er schwieg und steckte sein Handy wieder ein.

Das Mittagessen verlief wie sonst.

Er spielte Vertrauen.

Am Nachmittag sandte er an das „riesige Arschloch“ mit dieser Telefonnummer eine SMS-Botschaft, in der er diesem empfahl, „sich ins Knie zu ficken“. Und an die Mobilnummer seiner Frau sandte er eine Mail, dass es mit dem „Bussi, Schatzi und den Brieflein“ jetzt vorbei wäre.

Später wird ihm diese Reaktion lächerlich, kindisch erscheinen.

Betrogene machen sich selbst zu Narren.


[Fritz Aigner: Der Betrüger]